Kai Wegner, ein Chef mit guten Seiten


Auf den ersten Blick hat der CEO alles richtig gemacht, was moderne Personalführung betrifft. Bemerkenswert ist schon, dass er zwei der wichtigsten Vorstandsposten mit Frauen besetzte: Sowohl für die Energieversorgung als auch für die Sicherheit seines Unternehmens sind weibliche Führungskräfte zuständig. Noch dazu ist eine von ihnen auch seine Vorgängerin an der Firmenspitze, eine so ungewöhnliche wie heikle Konstellation. Ein moderner Mann wie er hält das offenbar aus.

Dazu muss man sagen, dass er bei der Personalauswahl offenbar keine ganz schlechte Hand hatte. Die beiden Kolleginnen wirkten jedenfalls kompetent, über die Sachlage informiert, dazu gewandt im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden. Ein moderner Chef sollte in einer solchen Lage nicht unbedingt den Drang haben, sich nach vorne zu spielen: Er muss in der Lage sein zu delegieren, und wenn es läuft, sollte er nicht im Weg herumstehen und die Arbeit seiner Fachleute behindern. Dabei muss er im Zweifel sogar in Kauf nehmen, dass andere die Lorbeeren einheimsen und er selbst gelegentlich blöd danebensteht.

Natürlich, ein Stadtstaat wie Berlin ist kein Unternehmen und sollte es auch nicht sein – erst recht nicht in Zeiten, in denen ein Präsident im Weißen Haus die USA als Privatfirma betrachtet und glaubt, er könne Ländereien zukaufen wie andere Firmenanteile. Und die Initiative Gerhard Schröders, den Rechenschaftsbericht der Bundesregierung zum „Geschäftsbericht“ zu machen, nahm die Nachfolgerin zurück.

„Der eine checkt es eine Stunde früher, der andere eine Stunde später“

Aber ein paar Parallelen gibt es doch, zumindest was das Führungsverständnis betrifft. Schließlich sind auch große Konzerne ziemlich komplexe Organisationen, in denen auf ein Wort von oben nicht automatisch alle springen. Auch wenn sich ein Bundeskanzler, der solche Firmen nur aus der Beobachterper­spektive des Aufsichtsrats kennt, das gelegentlich so vorstellen mag.

Verharrt man zum Zweck des Erkenntnisgewinns für einen Moment bei dem Vergleich, dann wäre Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner der CEO, Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey und Innensenatorin Iris Spranger stünden ihm als Vorstandsmitglieder zur Seite. Die Verwaltungsleute wären dann die Mitarbeiter, die Bürger agierten als Kunden und Anteilseigner zugleich, das Parlament übte die Funktion eines Aufsichtsrats aus.

Dort, unter den Abgeordneten, grummelt es ein wenig, trotz oder wegen des modernen Führungsstils, den Wegner praktiziert. „Der eine checkt es eine Stunde früher, der andere eine Stunde später“, sagte ein CDU-Parlamentarier aus dem Katastrophengebiet über den Unternehmenslenker und dessen Einsicht in die Lage. Das klang fast wie der Satz des VW-Anteilseigners Ferdinand Piëch, der über seinen CEO einst äußerte: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“ Der Manager blieb danach noch fünf Monate im Amt.

Wie das Zerrbild eines Vorstandschefs

Nun hatte Winterkorn quasi selbst das Starkstromkabel gekappt, in Form des Abgasskandals, der unter seiner Führung geschah. Aber er kommunizierte zugleich höchst ungeschickt, und auf Kommunikation kommt es heute auch in der Unternehmenswelt an. Die Zeiten, in denen Chefs der Deutschen Bank über „Peanuts“ reden oder Victory-Zeichen machen konnten, sind vorbei.

In dieser Hinsicht erweist sich das Führungsverständnis des Bürgermeisters als antiquiert. Das Desaster begann schon am Wochenende. „Ich war zu Hause, habe mich in meinem Büro zu Hause eingeschlossen, im wahrsten Sinne“, äußerte er. Im Büro eingeschlossen: Das ist nun das genaue Gegenteil eines modernen Chefs, der doch gerade eine offene Tür pflegen sollte, erst recht wenn Kunden und Anteilseigner auf den Barrikaden sind.

„Im wahrsten Sinne“, darin steckte allerdings schon der Hinweis, dass der fatale Satz so wahr nicht war. Denn Wegner tat, was sonst Politiker gerne den Unternehmenslenkern vorhalten: Die Manager verdienten viel Geld und gingen am Wochenende auf den Golfplatz, sie selbst erhielten Hungerlöhne und müssten durcharbeiten. Wegner spielte nicht Golf, sondern Tennis. Aber er verhielt sich wie das Zerrbild eines Vorstandschefs. Und das in einer Lage, in der auch ein CEO besser nicht golfen sollte.