Japan: Absage des Kirschblütenfestes wegen Überfüllung – Reise

Eigentlich denkt man doch, der Sinn von Festen ist, dass Gäste kommen. Und wenn es ein paar mehr werden als geplant – auch nicht so schlimm. Wenn früher auf WG-Partys Freunde noch Freunde mitgebracht haben, die vielleicht auch noch jemanden im Schlepptau hatten, dann hat vielleicht der Nudelsalat nicht gereicht, aber Getränke waren eigentlich immer genügend da. Womöglich ist man also hungrig geblieben, hat aber ein paar sympathische oder auf andere Weise interessante Menschen kennengelernt. Und bei den Nachbarn hätte man sich tags darauf ohnehin entschuldigen müssen, selbst wenn nur die Geladenen aufgekreuzt wären. Keine Partys mehr zu feiern, weil eventuell recht viele Menschen vorbeischauen – das ist einem jedenfalls nie in den Sinn gekommen.

Ein paar Nummern größer gedacht: Man stelle sich mal vor, Köln, Mainz und Düsseldorf verzichten künftig auf ihre Karnevalsumzüge, weil es dort immer so rummelig zugeht. Kein Hafengeburtstag mehr in Hamburg, weil zu befürchten steht, dass es an der Landungsbrücke zu einem Gedränge kommt. Das Oktoberfest in München wird abgeblasen, weil im Vorjahr schon wieder der Besucherrekord gebrochen worden ist. Undenkbar, oder?

Aus deutscher Perspektive ganz sicher. In Japan sieht die Sache allerdings anders aus. Dort hat die Stadt Fujiyoshida das Kirschblütenfest im dortigen Arakurayama-Sengen-Park abgesagt. Weil der Andrang zu groß ist. 200 000 Besucher sind zuletzt stets gekommen, vor allem wegen einer spektakulären Aussicht von einer eigens dafür errichteten Plattform. Bis zu drei Stunden haben die Menschen offenbar gewartet, um wie alle anderen auch ein Foto machen zu können mit den Blüten und der Chureito-Pagode im Vorder- sowie dem Berg Fuji im Hintergrund.

Die Wartezeit haben sich etliche Besucher damit vertrieben, zu rauchen und die Kippen in die Vorgärten der Bewohner zu werfen, dann in deren Häuser einzudringen, um die Toiletten zu benutzen (die Rücksichtsvolleren haben ihre Notdurft im öffentlichen Raum verrichtet) und bei der Rückkehr in den Park Schulkinder von den von ihnen ohnehin zugeparkten Gehwegen zu drängen. Mit der Absage des Festes wolle man „die Würde und das Lebensumfeld der Bürger schützen“, zitieren Medien den Bürgermeister von Fujiyoshida, Shigeru Horiuchi. Die Stadt hat selbst nur 50 000 Bewohner, die sich von den Besuchern schlicht überrannt fühlen.

Was bleibt einem als Tourist? Wahlweise kann man die Nöte der Bewohner ignorieren und trotzdem nach Fujiyoshida reisen, denn der Park bleibt geöffnet, nur das Fest entfällt. Oder man steigert die Überfüllung bei einem anderen Kirschblütenfest in Japan. Alternativ bescheidet man sich und fährt ins Alte Land oder an den Bodensee und bestaunt die Apfelblüte. Und wartet freudvoll erregt darauf, dass in einer Art Tamagotchi-Revival ein japanisches Elektronikspielzeug auf den Markt kommt, in dem man einen Kirschbaum begärtnern darf.

Stefan Fischer gibt sich mit den Tulpen auf seinem Balkon zufrieden.
Stefan Fischer gibt sich mit den Tulpen auf seinem Balkon zufrieden. (Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))