Ivan Segré: Rassismus als Geschäftsmodell des Westens

Eine Weile oszillierten Bestimmungen des sogenannten Westens irgendwo zwischen den Polen „langweilig“ und „obsolet“, weil insbesondere in einer Post-1989-Welt dieses diffuse politisch-zivilisatorische Konglomerat mit einer gewissen Selbstsicherheit auftreten konnte. Schließlich war es gerade als Sieger aus der Geschichte hervorgegangen. Inzwischen jedoch ist unübersehbar, dass die westliche Selbstgewissheit bröckelt. Die einst selbst ernannte Krone zivilisatorischer Entwicklung verliert einen Zacken nach dem anderen, weil es mit den Menschenrechten mal wieder nicht so genau genommen wird oder weil die selbst gebauten demokratischen Grundlagen unterminiert werden.

In einem solchen Moment könnte das Buch des französischen Philosophen und Talmudisten Ivan Segré gerade recht kommen. Es arbeitet mit den ganz großen historischen Linien, fokussiert zwar auf den Zeitraum der sogenannten westlich dominierten Neuzeit ab etwa 1500, blickt aber auch weit darüber hinaus, sowohl zeitlich wie räumlich. Hier ist kaum weniger als ein universalhistorischer Impetus am Werk.

Goldgier und Zuckernachfrage

Auf drei wesentliche Argumentationslinien konzentriert sich die Darstellung. Erstens geht es um die schwer zu bestimmende westliche Wertewelt. Segré wendet sich dabei, in fast schon etwas verstaubt anmutender Weise, gegen Samuel P. Huntington und andere Kulturkämpfende, die die Eigenheiten des sogenannten Westens an Faktoren wie Religion oder Zivilisation festmachen wollten. Segré setzt stattdessen auf die ökonomische Karte und macht sowohl den Willen wie auch die skrupellos genutzten Möglichkeiten zur Ausbeutung samt militärischem Gewalteinsatz zu entscheidenden Größen.

Ivan Segré: „Der Westen, die Indigenen und wir“.
Ivan Segré: „Der Westen, die Indigenen und wir“.Matthes & Seitz

Diese Eigenheiten zeigen sich, das ist die zweite Argumentationslinie, an der europäischen Eroberung der beiden Amerikas, bei der ebenfalls ökonomische Belange – Goldgier und Zuckernachfrage – vor ideellen Aspekten wie Missionierung oder gar Wissenserwerb rangieren. Und drittens steht für ihn die Frage des atlantischen Sklavenhandels im Mittelpunkt, der ebenfalls mit ökonomischen Interessen begründet wird: Sklaven aus Afrika konnten gemäß marktwirtschaftlichen Prinzipien als „Handelsgüter“ erworben werden, während die Indigenen Amerikas von den Eroberern selbst in ein solches Sklavenverhältnis hätten gezwungen werden müssen.

Segrés Argumentation ließe sich behelfsweise als Post-Post-Kalter-Krieg-Deutung bezeichnen. Denn während es mit dem Ende des Kalten Krieges (erste Post-Variante) einigermaßen populär wurde, nicht mehr den Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus als historisch treibenden Konflikt hervorzuheben, sondern eben auf zivilisatorische Faktoren abzuheben, schlägt Segré in seiner Post-Post-Variante nun eine neue Art historischer Dialektik vor: Ausbeutung und Rassismus als tatsächliche Besonderheiten des Westens.

Das Paradoxon der Universalhistorie

Damit sind fraglos wesentliche Aspekte identifiziert – die sich aber ­zugleich als nicht sonderlich überraschend erweisen. An der Argumentation Segrés gäbe es daher sowohl en gros wie im Detail vieles zu ergänzen und zu kritisieren. Hervorstechend sind jedoch zwei Punkte, die die Lektüre nicht gerade zu einer einfachen machen.

Zunächst ist da das altbekannte Paradoxon, unter dem universalhistorische Allgemeinerklärungen leiden. Gemeint ist nicht nur, dass sie immer irgendetwas vergessen oder auslassen (müssen), man sich im Fall dieses Buchs also wundern darf, weshalb Stichworte wie Aufklärung, Wissenschaften, Technik, Rechtssysteme oder Demokratie kaum in Erscheinung treten. Gemeint ist damit vielmehr, dass solche Darstellungen gerade aufgrund des selbst verliehenen historischen Ewigkeitsgarantiesiegels seltsamerweise so schnell veralten. Im französischen Original erschien das Buch 2020. In den bis zur deutschen Übersetzung vergangenen Jahren könnte man den Eindruck gewonnen haben, dass das universalhistorische Pendel wahlweise wieder zurückgeschwungen oder auch in eine ganz andere Richtung ausgeschlagen ist.

Deswegen ist es durchaus bedauerlich, dass Segré vornehmlich zwischen universalhistorischem Rundumschlag und geschichtsphilosophischer Prinzipiensuche changiert. Es werden keine neuen historischen Erkenntnisse geliefert, stattdessen wird längst Bekanntes kombiniert und einer selbstbewussten Generaldeutung unterworfen. Die Nuancen, Ambivalenzen, Widersprüche in geschichtlichen Verhältnissen und Prozessen geraten dabei zwangsläufig unter die Räder, von den im Titel noch so prominent vorkommenden „Indigenen“ ganz zu schweigen.

Ungeordnete Argumente

Segré kann in wenigen Zeilen von frühmittelalterlichen Zuständen zum Ersten Weltkrieg springen, dazwischen ein paar historische Hinweise hinklecksen, aber ohne einen Punkt setzen zu müssen: Verbindung hergestellt, alles erklärt. Geschichte wird solcherart einmal mehr zur Lehrmeisterin des Lebens, der man vermeintlich unzweifelhaft entnehmen kann, dass und weshalb die Dinge sind, wie sie sind – zumindest bis zum nächsten Zusammenprall mit dem zurück schwingenden Deutungspendel.

Sodann und zum Zweiten haben Bücher nicht nur einen Inhalt, sondern auch eine Form, eine gerade in akademischen Kreisen zuweilen etwas stiefmütterlich behandelte Einsicht. Auch bei Segré lässt sich der Eindruck nicht ganz von der Hand weisen, dass er keine Zeit für ein kurzes Buch hatte, weswegen er ein langes schreiben musste. (Immerhin verzeichnet die französische Nationalbibliothek elf Monographien von ihm für den Zeitraum von 2009 bis 2022.)

Vor allem hatte er offenbar keine Zeit für eine ordnende Organisation seiner Argumentation. Denn herauszufinden, was das Darstellungsziel oder der Argumentationsgang ist, erweist sich als wirklich schwierig. Ein hilfreicher Leitfaden, wie er in den mit „Vorspiel“ und „Ouvertüre“ betitelten Anfangskapiteln zu erwarten gewesen wäre, wird nicht gegeben. Man muss sich also schon durch die Vielzahl an Verweisen, Zitaten und wiedergegebenen Argumenten kämpfen. Und davon gibt es reichlich. Schätzungsweise ein Drittel des Buchs besteht aus wörtlichen Zitaten, teilweise seitenlangen. Und es wird nicht immer klar, welche Haltung der Autor zu diesen wiedergegebenen Stimmen einnimmt.

Man hat es mit einem Buch zu tun, das zuweilen eher an ein überlang geratenes Exzerpt des Gelesenen gemahnt und kein Ganzes ergeben will. Nicht jedes Buch macht klug, und manche machen Mühe.

Ivan Segré: „Der Westen, die Indigenen und wir“. Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2025. 670 S., Abb., geb., 44,– €.