Manchmal setzt Bewunderung die Bereitschaft voraus, zu verdrängen. Das gilt auch bei den Gesamtkunstwerken, um die es hier geht. Würde man sich detailliert vorstellen, welche Ausbeutung und Ungleichheit nötig waren, damit sich steinreiche Familien zwischen Mittelalter und Aufklärung derartige Statussymbole hinstellen lassen konnten, wäre es schnell aus mit dem schönen Gefühl beim Betrachten. Wahr ist aber auch: Losgelöst davon sind die Privatpaläste Italiens bis heute fantastische Relikte, Stilikonen, Sehnsuchtsorte.
Manche haben dramatische Ereignisse überstanden, an anderen gingen die Zeitläufte wie durch Wunder fast vorbei. In der Gegenwart bestehen die Palazzi von Dynastien wie den Medici, Carafa, Farnese – egal, ob mitten im urbanen Chaos oder in penibel gepflegten Gartenanlagen – mit einer Aura der Unantastbarkeit fort.

Und wie schon in der Epoche der Grand Tour gehört es weiterhin für viele Italienreisende unbedingt dazu, nicht nur die Kirchen und königlichen Prunkbauten, sondern auch diese privaten Palazzi zu bewundern. Vom Sofa aus ist dies nun dank des Prachtbandes „Italian Palaces“ auf äußerst angenehme Weise möglich.
Massimo Listri, dessen Fotografien unter anderem schon das Buch „The World’s Most Beautiful Libraries“ schmücken, hat seine Kamera auf edle Gemäuer in allen Teilen des Landes gerichtet. Die Aufnahmen erstrahlen in makellosem Druck im Großformat.

Was sich so über mehrere Hundert Seiten auffächert, ist ein Tableau aus Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus. Was Menschen zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert aus Marmor, Stuck, Holz, Porzellan, Mosaiksteinchen, Gold und Stoffen schufen, welche Welten aus Farbe, Perspektive und Licht so entstanden sind, es überwältigt beim Betrachten erwartungsgemäß aufs Neue.
Wer sich für architekturhistorische Hintergründe interessiert, findet diese in der Einleitung des Experten Robert Stalla. Wer einfach schwelgen möchte, blättert immer weiter und schaut sich satt.

Da sind Säle voller verspielter Ornamente, die die Mäzene und ihre Künstler sich von fernen oder längst versunkenen Kulturen abschauten. Da ist die kühle Strenge von Räumen, die den Stolz des römischen Imperiums wieder heraufbeschwören sollten. Manche der Palazzi wirken, als könnte jeden Moment eine Gruppe aufgerüschter Adeliger durch die Tür schreiten. Andere, wie der Palazzo Massimo alle Colonne in Rom, bis heute im Familienbesitz und der Öffentlichkeit verschlossen, strahlen auf den Bildern etwas fast Morbides aus, mit verblichenen Wandbildern, bröselnden Torbögen, kopflosen Statuen.
Solche Anzeichen der Vergänglichkeit bilden jedoch eher die Ausnahme im Buch. Nobel geht die Welt hier nicht zugrunde, sondern bleibt beharrlich bestehen. Die Eleganz der Seitengestaltung führt in Räumlichkeiten, die wie Fenster in eine stolzere, beschwingtere, dekadentere Welt wirken.

La grande bellezza eben. So dürfen auf Listris monumentalen Fotografien zum Beispiel die Raumfluchten des Palazzo Reale in Venedig ihre hypnotische Kraft entfalten. Oft erst auf den zweiten, dritten, siebten Blick fallen immer weitere Details auf. Langsam entknotet dann das Auge die unzähligen Muster und erkennt, wo es sich um filigrane Tapeten, um Intarsien, um natürliche Maserung des Gesteins oder doch um Trompe-l’œil handelt.

So ist „Italian Palaces“ ein opulentes Vergnügen, ein Ausflug in andere Lebenswelten zu anderen Zeiten. Die oft dramatischen Geschichten, die sich in den Palazzi abspielten über die Generationen hinweg, sind dabei eher Randnotizen. Was im Konzept großer Coffeetable-Books aber völlig legitim ist. Das hier ist ein großer Auftritt der Schöpfungen, nicht der Schöpfer.

