Neulich rief die spanische Galeristin Carmen Riestra bei Liv Vaisberg an und fragte, ob sie ein Sofa brauche. Acht mal vier Meter sei es groß, aufblasbar, mit Platz für 50 Leute. Ein Einzelstück. „Ich habe kurz überlegt, aber dann dachte ich: Klar, warum nicht?“, sagt Vaisberg. Nun liegt das Möbel des Designkollektivs Naked Space im Erdgeschoss eines alten Kaufhauses in Brüssel wie eine träge, leicht bedrohliche, allerdings sehr bequeme Welle aus Erdöl.
Es ist zwar das größte, aber keineswegs das merkwürdigste Objekt, das sich beim Streifzug durch die fünf Etagen des Gebäudes finden lässt. Da wären etwa: ein Sessel, der aussieht, als bestehe er aus gigantischen Kluntjekandis; ein zwei Meter hohes Bücherregal mit Platz für genau ein Buch; eine Chaiselongue, die aussieht, als habe man eine Leiche darin eingeschlagen, und ein Hocker, der sich bei näherem Hinsehen als Nussknacker entpuppt. Ein Stuhl trägt Perlenohrringe, mehrere Thonet-Freischwinger wurden zu einer Bank zusammengestrickt, und an der Wand hängt ein Trompe-l’Œil-Teppich, der den Raum optisch aus dem Gleichgewicht bringt.

Was die Stücke eint? „Es sind Kunstwerke, aber man kann sie benutzen“, sagt Vaisberg. Vor neun Jahren gründete sie gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Clélie Debehault die Messe Collectible, für die all diese Objekte hierhergeschifft wurden. Mit mehr als 20.000 Besuchern hat sich die Messe zu einem wichtigen Absatzmarkt für sogenanntes Collectible Design entwickelt – also Gebrauchsgegenstände in kleinen Auflagen, oft auch Einzelstücke. „Früher gab es dafür keinen Raum“, sagt Vaisberg. „Auf Kunstmessen schaut dich jeder nur mitleidig an, und für Vintage-Design-Messen ist es nicht alt genug.“
In ihrem früheren Leben war Liv Vaisberg Lobbyistin. Sie wuchs in Frankreich auf, studierte zum Entsetzen ihres Vaters erst Kuratieren, dann zum Entsetzen ihrer Mutter Jura. Aus heutiger Sicht war dieses biographische Zickzack eine unerwartet präzise Vorbereitung auf das, was sie jetzt tut: eine Brücke zwischen Kunst und Design schlagen, zwischen zwei Sphären, die lange als unvereinbar galten. Ihre Geschäftspartnerin Debehault kommt aus der Kunst. Sammlerdesign sei ein sehr junger Markt, sagt sie, vielleicht zwanzig Jahre alt. „Funktion galt lange als Makel, der den künstlerischen Wert eines Objektes mindert. Als sei ein einzigartiger Stuhl, nur weil man darauf sitzen kann, gleich weniger geistreich.“

„Es geht darum, dass sich Kunst und Design auf Augenhöhe im gleichen Raum begegnen“, sagt der Hamburger Galerist Gustav Kammer von der Galerie Kammer. Die Designgalerie eröffnete er vor einem Jahr, weil man, um eine Kunstgalerie zu betreiben, „entweder selber reich sein oder reiche Freunde haben“ müsse. Auf der Messe zeigt Kammer unter anderem eine mit Stoff bespannte, leuchtende Tafel des Designstudios Hulfe. Ursprünglich Werbeträger, steht sie hier als Raumtrenner – ein Objekt, das sich mit verschiedenen Stoffen immer wieder neu „ankleiden“ lässt. Daneben ein Sessel des Belgiers Arnaud Eubelen, der seine Möbel aus gefundenen Gegenständen montiert. Neu kauft er nur das Allernötigste: Gewindestangen und Muttern.

Dass ausgerechnet die Stadt Brüssel, die man gemeinhin als zuverlässige Produktionsstätte europäischer Verordnungen über Gurkenkrümmungen und Glühbirnenfassungen kennt, auch Möbel präsentiert, die jede Norm fröhlich ignorieren, ist für Messegründerin Debehault gar nicht so überraschend. „Es ist eine der kosmopolitischsten Städte überhaupt. Die Mieten sind vergleichsweise niedrig, was Designern ermöglicht, ihre kreative Energie nicht andauernd in die eigene Existenzsicherung zu stecken.“ Und dann ist da noch die kulturelle Dualität der Stadt: auf der einen Seite der flämische Teil, eher minimalistisch, gern experimentell; auf der anderen der frankophone, dekorativer, geprägt vom Selbstverständnis des Handwerks und einer gewissen Liebe zum savoir-faire.
Auch wenn das ganz große Geld nach wie vor jenseits des Atlantiks zirkuliert, hat sich in der Stadt eine erstaunlich wache Sammlerszene herausgebildet. „Belgier sind kaum durch kulturelle Vorurteile blockiert und haben ausgeprägten Sinn für Humor“, sagt Debehault. Eine Kombination, die dem zeitgenössischen Design durchaus zugutekommt. Vorteilhaft ist auch, dass das Publikum, das sich durch EU-Institutionen, NATO-Hauptquartier und das Geflecht internationaler Organisationen hier angesiedelt hat, nicht nur über beträchtliche Mittel verfügt, sondern auch kulturelles Kapital mitbringt. Zum sozialen Inventar der Stadt gehört zudem eine nicht ganz kleine Kolonie französischer Steuerexilanten, die schon dem lokalen Kunstmarkt merklich Schubkraft verliehen hat.

„In Brüssel kann man anziehen, was man will, und machen, was man will – niemand diktiert einem irgendwas“, sagt Robbe Vandewyngaerde. Und offenbar kann man auch einfach eine Galerie gründen, wenn man will. Vandewyngaerde tat genau das, mit 21, ohne nennenswerte Ahnung vom Kunst- und Designmarkt. Er sitzt im Ballsaal eines prächtigen Beaux-Arts-Palastes, nur einen kleinen Spaziergang von der Messe entfernt. Es ist der Hauptsitz seiner Galerie Objects with Narratives, zu deren Sammlern Modedesigner wie Dries Van Noten und Christian Louboutin gehören. Nach seinem Architekturstudium hatte Vandewyngaerde eigentlich beim renommierten Architekturbüro OMA angefangen, sein Bruder arbeitete bei den Schweizer Kollegen Herzog & de Meuron. Zwölf Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. „Eigentlich unser Traumjob“, sagt Vandewyngaerde. „Aber irgendwann fragst du dich: Für wen machst du das eigentlich?“
Beide kündigen, entwerfen einen radikal puristischen Sessel aus drei Stahlscheiben, der im Internet für Furore sorgt, und gründen mit einem Jugendfreund die Galerie. Auf 2000 Quadratmetern zeigt das Trio unter anderem die Arbeiten des belgischen Designers Ben Storms – aufgeblasene, kissenartige Formen aus Metall und Marmor. Aktuell läuft eine Soloausstellung von Laurids Gallée, einem Österreicher, dessen Leuchten aus Kunstharz so aussehen, als habe man Licht und Farbe in Glas eingefroren.
Statt vom etwas wolkigen Begriff „Collectible Design“ spricht Vandewyngaerde lieber von „Functional Art“. Zum einen, weil dann jeder verstehe, worum es gehe, zum anderen, weil die Wertschätzung eine andere sei. In den Leuchten von Gallée stecken etwa zehn Jahre Arbeit, zahllose Versuche, bis das Kunstharz endlich genau das tut, was der Designer von ihm verlangt. Man könne diese Objekte auch als „zukünftige Antiquitäten“ begreifen, sagt Vandewyngaerde: Stücke, in denen das handwerkliche Wissen steckt, das man sonst mit historischen Möbeln verbindet. Und wenn alles gut geht, werden sie ähnlich lange überdauern – ein paar Jahrhunderte mindestens.

Zwei Etagen weiter steht eine Reihe „Lost Highway Chairs“ des Belgiers Lionel Jadot, für die der Designer dank guter Kontakte zur Brüsseler Straßenbauszene Asphaltreste zu erstaunlich bequemen Stühlen zusammengebaut hat. Jadot, den manche den Andy Warhol von Brüssel nennen, gehört zu den treibenden Figuren des Collectible Designs. „Er ist zu großen Teilen für den Erfolg der vergangenen Jahre verantwortlich, weil er die Menschen zusammenbringt“, sagt Vandewyngaerde. Vor acht Jahren gründete Jadot in einer alten Papiermühle eine Art Co-Working-Studio für Designer, Künstler und Bühnenbildner: die Zaventem Ateliers.
„Es funktioniert ein bisschen wie eine Familie“, sagt er. „Die Jüngeren wachsen in der Gemeinschaft, und wenn sie groß genug sind, machen sie Platz für die Nächsten.“ Eine ganze Reihe junger Gestalter ist so bereits aus dieser Familie hervorgegangen. Roxane Lahidji etwa, deren marmorgleiche Objekte in Wahrheit aus Salz bestehen. Oder Adeline Halot, die Skulpturen aus Metalldrähten und Flachsgarn webt, als würde sie ein störrisches Textil zähmen. Oder Arno Declercq, der brutalistisch angehauchte Möbel aus Holz, Metall und Bronze baut – schwere, skulpturale Stücke, die inzwischen in alle möglichen Weltgegenden verschifft werden.
Weil solche Modelle ansteckend wirken, haben sich inzwischen auch andere Gruppen formiert, etwa Espace Aygo, die den Gedanken gemeinsamer Produktion auf ihre Weise weiterführen. Das Angenehme an Belgien sei, sagt Jadot, dass es zwar eine erstaunliche Dichte an Handwerksbetrieben gebe, aber nicht diesen intellektuellen Druck, diese erdrückende Kunst- und Designgeschichte, die einem in Paris oder Mailand permanent im Nacken sitze. „Wer hier etwas ausprobieren will, probiert es einfach aus. Und wenn es niemanden überzeugt, dann eben das Nächste.“ Vielleicht funktioniere das auch deshalb so gut, weil in Brüssel niemand ein großes Ego vor sich hertrage.

Wo immer es geht, bindet Jadot seine Leute ein. Als er das Brüsseler Hotel „Mix“ einrichtete, ließ er 52 Designer jeweils ein Unikat entwerfen – Möbel, Leuchten, Objekte, die nun im ganzen Haus verteilt sind. Für diese Woche haben sich Jadot und seine Mitstreiter allerdings erst einmal in der Villa Empain eingerichtet, der dekadenten Privatresidenz eines belgischen Financiers aus den 1930er-Jahren. In die eleganten Art-déco-Räume sind nun Objekte eingezogen, die auf den ersten Blick einfach nur sehr schön aussehen – und auf Nachfrage die erstaunlichsten Materialprovenienzen zutage fördern.
Die Chaiselongue? Gefärbte Tennisbälle. Der Vorhang? Auberginenschalen, mit Zitronensaft eingefärbt. Und die fragile, wolkengleiche Leuchte, die sich mithilfe eines kleinen Ventilators ständig selbst aufbläst? „Es hat eine Weile gedauert, bis ich das richtige Material gefunden hatte, um das gewünschte Aussehen zu erzielen“, sagt der Designer Xavier Servas. „Am Ende habe ich Goldschlägerhaut genommen, die äußerste Hautschicht von Rinderblinddärmen.“

All die neue Sichtbarkeit, sagt Lionel Jadot, dürfe allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Collectible Design noch immer eine Nische ist. Andererseits zeige gerade diese Ausstellung, wie zugänglich das Feld inzwischen geworden sei. Manche Stücke gibt es hier schon für hundert Euro. „Und es sind Dinge, die ihren Wert behalten.“
Wie weit der Designbegriff für den Belgier reicht, erahnt man draußen vor der Villa. Dort steht ein Mercedes SL, eine Art kollektives Experiment. Das Lenkrad ist aus Beton, die Stoßstangen aus Holz, die Sitze tätowiert, die Sicherheitsgurte sorgfältig umhäkelt. Ob das Auto denn auch funktionstüchtig ist? „Natürlich!“, sagt Jadot. Er sei schließlich selbst damit hergekommen.
