
Die Karriere des iranischen Fußballtrainers Omid Ravankhah könnte vorbei sein. Und vielleicht kommen noch größere Probleme auf ihn zu. Am Montag wurde Ravankhah am Flughafen in Teheran für mehrere Stunden festgehalten und von Geheimdienstmitarbeitern befragt. Er musste seinen Reisepass abgeben und soll sich seither regelmäßig bei Sicherheitsbehörden melden. Das berichteten iranische Exilmedien.
Was war passiert? Omid Ravankhah, einst ein erfolgreicher Mittelfeldspieler, betreute in den vergangenen Wochen die U-23-Nationalmannschaft Irans bei der Asienmeisterschaft in Saudi-Arabien. Zumindest vor ihrem ersten Spiel gegen Südkorea verzichteten die iranischen Spieler auf das Singen der Nationalhymne, ein Zeichen der Solidarität mit den Demonstrierenden im Iran. Nach ihrem letzten Turnierspiel gegen den Libanon ging Trainer Ravankhah noch einen Schritt weiter. „Unter diesen Umständen ist es meine gesellschaftliche Pflicht, mich an die Seite meines Volkes zu stellen“, sagte er auf der Pressekonferenz. „Unabhängig davon, welche Konsequenzen das für mich haben mag. Ich hoffe, dass ihre Stimmen erhört werden.“
Durch die Internetsperre dringen seit bald zwei Wochen wenige Informationen aus dem Iran an die Öffentlichkeit. Doch es verdichten sich die Zeichen dafür, dass sich unter den tausenden Toten bei den Protesten auch etliche Sportlerinnen und Sportler befinden. In der nordiranischen Stadt Qaem-Schahr wurde Mojtaba Torshizi, ein ehemaliger Profi des Fußball-Erstligisten Tractor Täbris, von Sicherheitskräften erschossen. In Parand, in der Nähe von Teheran, wurde der 17-jährige Nachwuchsfußballer Rebin Moradi getötet. Das berichtet unter anderem die Menschenrechtsorganisation Hengaw, die sich auf Quellen im Iran stützt.
Diese Eskalationen riefen im Fußball unterschiedliche Reaktionen hervor. Mehdi Taremi, der Kapitän des iranischen Fußballnationalteams, spielt für Olympiakos Piräus. Bei einem Tor in der griechischen Liga verzichtete er vor Kurzem auf den Jubel. Und später sagte er: „Das Volk steht immer hinter uns, und deshalb stehen wir auch hinter ihm. Ich konnte aus Solidarität mit dem iranischen Volk nicht feiern.“
Auch andere iranische Nationalspieler, die im Ausland spielen, wie Alireza Jahanbakhsh oder Sardar Azmoun, äußerten in sozialen Medien ihre Solidarität mit den Demonstrierenden. Dabei verzichteten sie aber auf direkte Kritik am Regime. Spieler und Funktionäre, die sich in der Vergangenheit mit klaren Worten gegen die Machthaber positioniert hatten, wurden mitunter festgesetzt. Die Familie des langjährigen Nationalspielers und Trainers Ali Daei wurde beispielsweise 2022 am Flughafen in Teheran an der Ausreise gehindert.
Im Land selbst wurden seit Ausbruch der Proteste einige Spiele der ersten Liga abgesagt. Der Großteil der ausgetragenen Spiele findet ohne Zuschauer statt, aus Sorge vor Protesten und Solidaritätsbekundungen.
Seit Jahren entzündet sich am iranischen Fußball eine politische Debatte. Insbesondere Experten im kritischen Exilsender Iran International, der seinen Sitz in London hat, fordern von prominenten Iranern, dass ihre Kritik über moderate Solidaritätsbekundungen hinausgehen soll.
Die zentralen Institutionen des iranischen Fußballs positionieren sich zwar regelmäßig politisch, allerdings zugunsten des Regimes, denn der nationale Fußballverband und viele große Vereine sind eng an die Revolutionsgarden angebunden. Und so hat sich in Teilen der Diaspora auch für die iranische Nationalmannschaft, das sogenannte „Team Melli“, ein anderer Name eingebürgert: „Team Mullah“.
Als prägend für diese Wahrnehmung gilt das Jahr 2022. Nach dem gewaltsamen Tod der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini kam es damals im September landesweit zu Protesten, mehrere hundert Menschen wurden getötet. Zwei Monate nach dem Ausbruch der Proteste fand in Katar die Fußball-WM statt. Die iranischen Spieler verweigerten zwar vor ihrem ersten Spiel gegen England das Singen der Nationalhymne, doch vielen Fans reichte das nicht. Sie waren wütend darüber, dass das Team vor dem Turnier den damaligen Präsidenten Ebrahim Raisi getroffen hatte.
In den katarischen Stadien hielten Exilanten Plakate mit dem Protestslogan „Frau, Leben, Freiheit“. Fans berichteten aber auch, dass Sicherheitskräfte ihre Transparente, T-Shirts und Flaggen mit dem Symbol der alten iranischen Flagge, Löwe und Sonne, konfiszierten. Ein iranisch-amerikanischer Fan mit einem „Free-Iran“-T-Shirt wurde vor laufender Kamera abgeführt. Es kam bei den Partien mehrfach zu Handgreiflichkeiten zwischen regimetreuen und regimekritischen Zuschauern. Letztere bejubelten sogar die 0:1-Niederlage im dritten Spiel gegen die USA.
Einer der wenigen prominenten Fußballer, die sich schon 2022 klar gegen Polizeigewalt aussprachen, war der Abwehrspieler Vouria Ghafouri, der bis 2019 für das iranische Nationalteam gespielt hatte. Ghafouri wurde während der WM in Katar im November 2022 im Iran verhaftet. Nach sechs Tagen wurde er gegen eine Kaution wieder freigelassen.
Auch bei den gegenwärtigen Protesten erhebt Vouria Ghafouri, der seine Karriere inzwischen beendet hat, wieder seine Stimme. Im Januar schloss er die beiden Cafés, die er in Teheran betreibt, aus Solidarität an den beiden heftigsten Protesttagen und verkündete dies auf Instagram. Eine so klare Positionierung war von keinem aktuellen Nationalspieler zu lesen. Die Staatsanwaltschaft schloss seine Cafés daraufhin für zwei Monate.
Wie wird der Iran sich bei der WM in diesem Jahr präsentieren?
Der iranische Verband ist finanziell auf die WM angewiesen, mehr als andere Verbände. Denn wegen der internationalen Sanktionen gegen die Islamische Republik haben der nationale Fußballverband und seine Vereine Probleme bei der Suche nach internationalen Spielern und Sponsoren. Qualifiziert ist die Mannschaft. Doch die WM findet in diesem Sommer ausgerechnet in den USA, Kanada und Mexiko statt.
Dass die iranische Nationalmannschaft teilnimmt, wird zunehmend unwahrscheinlich. Zum einen, weil Funktionäre des iranischen Verbandes den Revolutionsgarden nahestehen. Einige Nationalspieler wie Kapitän Mehdi Taremi haben dort ihren Wehrdienst absolviert. Schon in der ersten Amtszeit von Donald Trump hatte die US-Regierung 2019 die iranischen Revolutionsgarden als Terrororganisation eingestuft. Zwar ist bislang die offizielle Position der US-Regierung, dass Spieler ein Visum bekommen – Fans und Funktionäre allerdings nicht.
Vor allem aber, weil seit den Protesten auch iranische Funktionäre eine WM-Teilnahme skeptisch sehen. Zwei der drei Vorrundenspiele des iranischen Teams sollen nämlich in Los Angeles stattfinden, wo die weltweit größte Gemeinde von Diaspora-Iranern lebt. Proteste gegen das Regime mit einer weltweiten Öffentlichkeit wären wahrscheinlich. Vor diesem Hintergrund würden es einige iranische Sportfunktionäre inzwischen begrüßen, wenn die iranische Mannschaft von der WM ausgeschlossen würde, berichtet Iran-Wire, ein Medienportal im Exil.
Noch ist nichts entschieden. Weder im Hinblick auf die WM-Teilnahme noch auf die Proteste. Die Regierung geht gewaltsam gegen die Protestierenden vor. Und sollte sich das Regime an der Macht halten, wird die Repression kaum enden. „Diese Unruhen werden bald ein Ende haben“, schrieb die staatliche Nachrichtenagentur FARS. „Aber die eigentliche Bewährungsprobe für die Funktionäre beginnt danach – wenn sie zeigen müssen, dass Aufrufe zum Chaos eine entschlossene Reaktion nach sich ziehen.“ Das klang wie eine Drohung. Auch gegen die Fußballer, die sich regimekritisch zeigen, wie der U23-Nationaltrainer Omid Ravankhah.
