Iranische Fußballerinnen: Sportler sind auch im Exil in Gefahr

Iranische Fußballerinnen auf der Ersatzbank

Stand: 27.03.2026 • 10:49 Uhr

Im Exil erheben prominente Sportler ihre Stimme gegen autokratische Regime. Geflohene Athleten aus dem Iran gehen dabei ein großes Risiko ein – auch für ihre Familien.

Auf einer Bühne stehen die iranischen Fußballerinnen mit Blumensträußen dicht nebeneinander. Vor ihnen klatschen hunderte Zuschauer im Takt der feierlichen Musik. Auf einer Leinwand zeigen animierte Bilder die Spielerinnen beim Salutieren, dahinter erheben sich historische Bauten der Islamischen Republik. Die Botschaft, die von diesen Bildern ausgehen soll, ist klar: Die verlorenen Töchter, die sich nicht in Versuchung bringen ließen, sind wieder zu Hause.

In der vergangenen Woche sind die iranischen Fußballerinnen nach einer beschwerlichen Reise von der Asienmeisterschaft in Australien zurückgekehrt. Doch bei der Willkommensfeier in Teheran wurde nicht das ganze Bild gezeigt. Kein Wort davon, dass sie vor ihrem ersten Spiel auf das Singen der Hymne verzichtet haben. Kein Wort davon, dass sieben Spielerinnen in Australien humanitäres Asyl erhielten, von denen allerdings fünf ihre Anträge wieder zurückzogen haben. Und kein Wort davon, dass zwei Spielerinnen nun im Exil leben und trainieren, zunächst bei Brisbane Roar. Ohne Kopftuch, ohne Überwachung.

Überwachung im Teamhotel

„Das iranische Regime benutzt die Spielerinnen für Propaganda“, sagt der Journalist Farid Ashrafian, der die politische Lage im Iran aus Deutschland beobachtet. „Im iranischen Staatsfernsehen wird behauptet, dass die Spielerinnen in Australien zu ihren Asylanträgen genötigt worden seien.“ Mohammad Bagher Ghalibaf, der Sprecher des iranischen Parlaments, schrieb auf X, dass sich die Spielerinnen den „Verlockungen der Iran-Feinde“ widersetzt hätten. Selbstbewusst, heißt es, seien sie bei ihrer Rückkehr über die israelische Flagge gelaufen.

Der deutsch-iranische Journalist Farid Ashrafian berichtet mit Hilfe seiner Kontakte von ganz anderen Umständen: „Die Spielerinnen durften sich im Hotel in Australien nicht frei bewegen, die Aufpasser waren immer dabei.“ Aussagen von Menschenrechtlern und iranischen Exilanten legen nahe, dass Angehörige einiger Spielerinnen im Iran eingeschüchtert und vorgeladen wurden.

Der Geheimdienst ist auch im Ausland aktiv

Das iranische Regime steht so stark unter Druck wie wohl nie zuvor seit der Islamischen Revolution 1979. Und es möchte um jeden Preis verhindern, dass prominente Stimmen im Ausland diesen Druck verstärken. Denn in der Vergangenheit waren es auch geflohene Sportlerinnen und Sportler im Exil, die an Demonstrationen teilnahmen oder in sozialen Medien ihren Protest formulierten.

Eine der bekanntesten Stimmen im Exil ist der ehemalige Fußballnationalspieler Ali Karimi, der auf Instagram rund 15 Millionen Follower hat. Karimi erhält Morddrohungen und musste mehrfach seinen Wohnort wechseln. Menschenrechtsorganisationen haben vielfach dokumentiert, dass der iranische Geheimdienst auch gegen Oppositionelle in der Diaspora vorgeht, durch Einschüchterung, Spionagesoftware oder Rufschädigung.

Im Iran selbst wurde das Eigentum von Ali Karimi beschlagnahmt und sein Name von Ehrentafeln entfernt. „Die Islamische Republik will sicherstellen, dass sich nicht noch mehr Sportler absetzen„, sagt der Journalist Christoph Becker, der sich bei der FAZ seit langem mit Sport im Iran beschäftigt. „Sportler, die an internationalen Wettbewerben teilnehmen wollen, müssen vorher Sicherheiten hinterlegen.“ Es geht um Geldbeträge, Immobilien, Arbeitsverträge.

Repression, Flucht, Exil. Diese Themen prägen die Geschichte des Sports seit Generationen. Im Oktober 1956 etwa kommt es in Ungarn zum Volksaufstand, der jedoch von der sowjetischen Besatzungsarmee niedergeschlagen wird. Bei den Olympischen Spielen 1956, die kurz darauf in Melbourne stattfinden, treffen im Wasserball ausgerechnet die Mannschaften aus Ungarn und der Sowjetunion aufeinander.

Es war eines der brutalsten Wasserballspiele der Geschichte„, sagt der Journalist und Autor Martin Krauß. „Und in der Folge haben einige ungarische Spieler in Australien politisches Asyl beantragt.“ In seinem sporthistorischen Buch „Dabei sein wäre alles“ beschreibt Krauß etliche Biografien von geflohenen Athleten. Und er erinnert darin auch an eine berühmte Athletin.

1975 nutzt die junge Tennisspielerin Martina Navratilova ihre Teilnahme an den US Open zur Flucht. In ihrer Heimat, in der Tschechoslowakei, wird ihr Vater verhört. Die Medien im Ostblock berichten kaum noch über ihre sportlichen Erfolge. „Die Tschechoslowakei hat Navratilova die Staatsbürgerschaft entzogen„, sagt Krauß. „Sie sollte aus dem Gedächtnis gestrichen werden und hat erst wieder 2008 die tschechische Staatsbürgerschaft zurückerhalten.“

Sportverbände legen Programme auf

Auch in der Gegenwart erheben Sportler im Exil ihre Stimme. Der türkischstämmige Basketballer Enes Kanter, der ein Jahrzehnt in der NBA aktiv war, übt Kritik am türkischen Präsidenten Erdoğan. Dzmitry Shershan, Judoka aus Belarus, floh 2021 nach Deutschland und engagiert sich seither für die Exilgemeinde. Und etliche Fußballerinnen aus Afghanistan zogen nach der Machtübernahme der Taliban nach Australien und sind nun in dortigen Ligen aktiv.

Sport und Exil, dieses Thema dürfte an Bedeutung gewinnen. Die Verbände könnten geflüchteten Athleten die Integration erleichtern, durch Förderprogramme oder die Bereitstellung von Psychologen, Trainern und Medizinern. 2015 rief das IOC das Refugee Olympic Team ins Leben. Seither nimmt eine wachsende Anzahl von geflüchteten Sportlern an den Olympischen Spielen teil. Auch in anderen Ländern, in Deutschland, Großbritannien oder Australien, haben Sportverbände Programme und Stipendien für Geflüchtete aufgelegt.

Wieder wurde ein Ringer hingerichtet

Aber gehen diese Programme über Symbolpolitik hinaus? Das IOC und andere Verbände nehmen immer wieder geflüchtete Sportler aus dem Iran in ihre Programme auf. Zugleich aber sprechen sie selten Sanktionen gegen iranische Sportverbände aus, die in der Regel eng mit den Revolutionsgarden verbunden sind, die in USA und in der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft wurden.

Erst vor wenigen Tagen wurden im Iran wieder Oppositionelle hingerichtet, offenbar ohne Gerichtsprozess. Unter den Opfern war auch der 19 Jahre alte Ringer Saleh Mohammadi. Er soll bei Protesten im Januar an der Tötung von Polizisten beteiligt gewesen sein. Ein Vorwurf, den er und andere zurückgewiesen haben. Noch scheint der Überwachungsapparat der Islamischen Republik zu funktionieren. Und so sehen wohl viele Iraner, darunter auch Sportler, ihre Zukunft vor allem im Exil.