Iran-Krieg: Blockade der Straße von Hormus gefährdet Versorgung mit Medikamenten – Wirtschaft

Noch ist es eine Warnung, aber eine bedrohliche. Ein andauernder Krieg im Nahen Osten gefährde die Versorgung mit Medikamenten in Deutschland, schreibt der Verband Pharma Deutschland am Donnerstag in einer Mitteilung. Durch die drohende Knappheit von Helium und anderen petrochemischen Ausgangsstoffen gerieten zentrale Analyse- und Produktionsprozesse bei der Herstellung von Tabletten, Infusionen und Biologika unter Druck. Helium sei ein „kritischer Rohstoff“ und Deutschland sei fast vollständig auf Importe angewiesen, heißt es in der Mitteilung des Verbandes, der nach eigenen Angaben rund 400 Mitgliedsfirmen vertritt.

Helium wird gasförmig und flüssig gehandelt. Es wird bei der Verflüssigung von Erdgas gewonnen. Nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur exportiert Katar rund 40 Prozent des weltweit gehandelten Aufkommens an Helium. Nach Angriffen auf Anlagen von Qatar Energy in den Industriezonen Ras Laffan und Mesaieed hatte Katar die Produktion von Flüssigerdgas (LNG) eingestellt. Nach Schätzungen der US-Behörde Geological Survey wurden 2023 weltweit 173 Millionen Kubikmeter Helium produziert. Größte Produzenten waren mit weitem Abstand die USA mit 81 Millionen Kubikmetern und Katar mit 66 Millionen Kubikmetern.

Für viele Menschen ist Helium nur ein harmloses Gas, das Ballons auf Partys schweben lässt. Für einige Industrien ist es ein kritischer Rohstoff. Auch die EU stuft Helium als einen von knapp drei Dutzend kritischen Rohstoffen ein. Unlängst hatte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) schon vor den Folgen einer Helium-Verknappung gewarnt, etwa für die Produktion von Halbleitern.

Noch ist der Iran-Krieg nicht in den Regalen der Apotheken angekommen, aber das kann sich bald ändern

In flüssigem Zustand hat Helium eine Temperatur von minus 269 Grad. Etwa ein Viertel des weltweiten Heliumverbrauchs gehe auf den Bedarf an extremer Kühlung von supraleitenden Magneten zurück, wie sie etwa in Magnetresonanztomografen (MRT) stecken, schreibt Siemens Healthineers auf seiner Internetseite.

Der Iran-Krieg sei noch nicht in den Regalen der Apotheken angekommen, mit diesen Worten wird Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland, in der Mitteilung zitiert. Nach Kenntnisstand des Verbandes gebe es in Deutschland noch kein Medikament, dessen Produktion gestoppt worden sei, weil Helium fehle. „Aber wir sehen sehr deutlich, dass Lieferanten Helium kontingentieren, Preise massiv anziehen und Unternehmen beginnen müssen, ihre vorhandenen Mengen zu priorisieren“, antwortet der Verband schriftlich auf Nachfragen: „Das ist die Vorstufe zu echten Produktionsproblemen.“ Bund und EU sollten nach Ansicht von Pharma Deutschland gezielt zusätzliche Bezugsquellen und Reserven aufbauen.

In den Laboren und Werken der deutschen Arzneimittelhersteller steige die Sorge, je länger die Blockade der Straße von Hormus dauere. Brakmann zufolge machen sich die Hersteller vor allem Sorgen um die Verfügbarkeit von Helium, heißt es in der Mitteilung. „Wenn das Gas knapp und teuer wird, geraten Qualitätskontrollen ins Stocken. Dann können die Unternehmen die Arzneimittel nicht mehr im gewohnten Umfang freigeben, selbst wenn Wirkstoffe und Packmittel vorhanden sind.“ Pharma Deutschland habe das Bundesgesundheitsministerium und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bereits informiert und auf die drohende Heliumknappheit als Risiko für die Arzneimittelproduktion hingewiesen, heißt es. Schon jetzt könnten Lieferanten Bestellungen nicht mehr vollständig bedienen. Zu den größten Anbietern gehören Linde, Air Liquide und Air Products.

In der Pharmaindustrie werde Helium vor allem für „gaschromatografische Qualitätskontrollen“ eingesetzt, die in vielen Fällen im Arzneibuch festgeschrieben sind, daran müssen sich die Hersteller halten. In Gaschromatografen lassen sich Gemische in einzelne chemische Komponenten auftrennen und analysieren. Das Arzneibuch ist eine Sammlung von pharmazeutischen Regeln. Die Analysen seien Voraussetzung dafür, dass Arzneimittel chargenweise geprüft und in Verkehr gebracht werden dürfen. „Diese Methoden lassen sich nicht von heute auf morgen auf andere Gase oder alternative Methoden umstellen, das würde neue Methodenentwicklungen, Validierungen und behördliche Genehmigungen erfordern und kostet wertvolle Zeit“, so Brakmann.

Erste Effekte der Lage im Nahen Osten würden auch entlang der Lieferketten bereits sichtbar, etwa steigende Transport‑ und Energiekosten, fehlende oder teurere Packmittel wie Glasflaschen und Verschlüsse sowie höhere Preise für petrochemische Grundstoffe und Ethanol. Eine längerfristige Störung der Straße von Hormus würde die ohnehin angespannte Versorgung zusätzlich destabilisieren, warnt Pharma Deutschland.