Iran: „Direkte Schüsse in die Köpfe“, berichtet Krankenhaus-Mitarbeiterin – Trump prüft Militär-Optionen

Neue Berichte geben Einblicke in die Brutalität, mit der das iranische Regime die Massen-Proteste niederzuschlagen versucht. In einem Krankenhaus stapeln sich Leichen in einem Gebetsraum, sagt eine Quelle vor Ort. Der US-Präsident soll derweil konkrete Interventions-Optionen prüfen.

Die Zahl der Todesopfer bei den seit inzwischen zwei Wochen andauernden Protesten im Iran ist nach Angaben von Aktivisten auf mindestens 116 gestiegen. Die in den USA ansässige Human Rights Activists News Agency (HRANA) teilte dies am Sonntag mit und berichtete zugleich, dass die Zahl der Festnahmen auf über 2.600 gestiegen sei. Die Agentur stützt sich bei ihrer Berichterstattung auf ein Netzwerk von Aktivisten innerhalb des Irans. Unabhängig ließen sich die Zahlen nicht überprüfen.

Im Iran demonstrieren seit Tagen viele Menschen gegen wirtschaftliche Not und politische Unterdrückung. Über das Ausmaß der Brutalität des islamistischen Regimes in Teheran berichtete am späten Samstagabend der britische öffentlich-rechtliche Sender BBC unter Berufung auf Quellen vor Ort. Dem Sender haben Mitarbeiter von drei Krankenhäusern im Iran berichtet, dass ihre Einrichtungen mit toten oder verletzten Patienten überfüllt seien. Eine Krankenhaus-Mitarbeiterin in Teheran berichtete laut BBC von direkten Kopfschüssen auf Demonstrationsteilnehmer. Ein anderer Arzt berichtete, dass eine Augenklinik in der Hauptstadt aufgrund von Verletzungen bei Demonstrationen in den Krisenmodus versetzt worden sei.

Der persische BBC-Ableger, BBC Persian, habe bislang die Identität von 26 Todesopfern bestätigen können, darunter sechs Kinder. BBC Persian habe zudem bestätigt, dass am Freitagabend 70 Leichen in ein Krankenhaus in der Stadt Rasht am Kaspischen Meer gebracht worden seien. Die Leichenhalle dort sei voll gewesen, daher seien die Leichen wieder abtransportiert worden. Der BBC berichtet weiter, dass die iranischen Behörden von den Angehörigen der Toten Geldzahlungen für die Freigabe der Leichen zur Bestattung verlangen; das habe eine Quelle aus dem Krankenhaus mitgeteilt.

Der Sender zitiert in der Berichterstattung auch ausführlich eine Krankenhaus-Mitarbeiterin in Teheran, von der die Aussagen über Kopfschüsse stammen. Sie habe „schreckliche Szenen“ beobachtet und gesagt, es habe so viele Verletzte gegeben, dass das Personal keine Zeit gehabt habe, Wiederbelebungsmaßnahmen durchzuführen. „Etwa 38 Menschen starben. Viele starben, sobald sie die Notfallbetten erreichten“. Sie berichtete, so die BBC, von „direkte Schüsse in die Köpfe der jungen Menschen, auch in ihre Herzen. Viele von ihnen schafften es nicht einmal bis ins Krankenhaus.“

„Leichen wurden übereinander gestapelt“

Die Zahl der Opfer sei so groß gewesen, dass „in der Leichenhalle nicht genug Platz war; die Leichen wurden übereinander gestapelt“, und zwar im Gebetsraum, so zitiert die BBC die Mitarbeiterin. Bei den Toten und Verletzten habe es sich überwiegend um junge Menschen zwischen 20 bis 25 Jahren gehandelt.

Die BBC und auch andere Medienhäusen weisen stets darauf hin, dass die Berichterstattung über die Proteste in Iran seit Abschaltung des Internets durch das Regime nur äußerst erschwert möglich ist.

Angesichts der Berichte über das brutale Vorgehen des iranischen Regimes stellt sich zunehmend die Frage nach einer US-Intervention. US-Präsident Donald Trump hat den Demonstranten im Iran am Samstag via der Plattform Truth Social die Unterstützung ⁠der USA zugesagt. „Der Iran schaut auf die FREIHEIT, vielleicht wie ‍nie zuvor. Die USA stehen bereit zu helfen!!!“, schrieb er dort.

Trump teilte am Wochenende zudem einen Post des republikanischen US-Senators Lindsey Graham auf der Plattform X, in dem dieser die iranische Staatsführung warnte, dass ihre Brutalität gegen das Volk nicht ohne Konsequenzen bleiben werde. An Irans Volk gerichtet schrieb Graham: „Euer langer Alptraum geht bald zu Ende.“

Zuvor schon hatte Trump mehrfach mit einem Militäreinsatz gedroht. „Wenn sie anfangen, Menschen zu töten, wie sie es in der Vergangenheit getan haben, werden wir uns einmischen“, warnte der US-Präsident. Das bedeute nicht, US-Bodentruppen in den Iran zu schicken, „sondern dass wir sie dort, wo es weh tut, sehr, sehr hart treffen“.

„New York Times“: Trump über Militär-Optionen informiert

Am Sonntagmorgen deutscher Zeit berichtete die „New York Times“, dass der US-Präsident in den vergangenen Tagen über neue Optionen für Militärschläge gegen den Iran informiert worden sei. Die „Times“ beruft sich auf mehrere Personen innerhalb mit der Angelegenheit vertrauten Regierungskreisen.

Trump habe diesen zufolge noch keine endgültige Entscheidung getroffen, erwäge aber ernsthaft, einen Militärschlag als Reaktion auf die Handlungen des iranischen Regimes zu genehmigen. Unter den Trump vorgelegten Optionen befänden sich auch nichtmilitärische Ziele in Teheran, so die „New York Times“ unter Berufung auf dies selben Kreise. Auf die Frage nach der Planung möglicher Angriffe habe das Weiße Haus auf Trumps öffentliche Äußerungen und Social-Media-Beiträge der letzten Tage verwiesen.

Laschet: „Sanktionen müssen nun verschärft werden“

Zu den Entwicklungen in Iran äußern sich auch immer mehr deutsche Politiker. Nachdem die europäischen Regierungschefs Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer zuletzt „die Tötung von Demonstranten auf das Schärfste“ verurteilt hatten, fordert nun CDU-Außenpolitiker Armin Laschet verstärkten Druck auf die Führung in Teheran.

„Die Sanktionen gegen die Regime-Eliten müssen nun verschärft werden, damit die Führung versteht: Wer im Iran mit Gewalt, Folter und Mord das eigene Volk unterdrückt, wird Konsequenzen spüren“, so der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag zu den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Millionen Menschen hätten ihre Angst verloren, sagte Laschet weiter. Sie forderten überall im Iran „das Ende des Terror-Regimes“. Die gemeinsame Verurteilung durch Merz, Macron und Starmer begrüßte der CDU-Politiker. Dies zeige, dass Europa „klar und eindeutig an der Seite der Freiheitsbewegung steht“.

Verhindern, dass „regimenahe Akteure Aktivisten in der Diaspora einschüchtern“

Die Linkspartei fordert die Bundesregierung zudem auf, auch iranische Aktivisten in Deutschland verstärkt zu schützen. „Es muss verhindert werden, dass regimenahe Akteure und Netzwerke Aktivistinnen und Aktivisten in der Diaspora einschüchtern, bedrohen oder kriminalisieren“, sagte die Parteivorsitzende Ines Schwerdtner der Deutschen Presse-Agentur. „Europa muss ein sicherer Raum für oppositionelle Stimmen sein.“

Sie schlug drei weitere Punkte vor: gezielte Sanktionen gegen Vertreterinnen und Vertreter des Iran, die für Gewalt verantwortlich seien; Hilfen für sichere Kommunikationswege und Internetzugänge für Oppositionelle im Iran; und die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen mit Blick auf eine künftige mögliche Strafverfolgung.

Die Bundesregierung habe im Koalitionsvertrag Schutz für Menschen im Iran versprochen, habe dem aber keine Taten folgen lassen, monierte Schwerdtner. Dasselbe gelte für die Europäische Union, die faktisch kaum eine relevante Rolle spiele. Sie warf der EU „politisches Totalversagen“ vor.

Die Koalition aus Union und SPD hatte in ihrem Koalitionsvertrag von 2025 festgehalten: „Wir unterstützen die internationalen Sanktionen gegen das iranische Regime und setzen uns weiterhin entschieden dafür ein, die Revolutionsgarden auf die EU-Terrorliste zu setzen. Wir werden den Druck erhöhen, indem wir Sanktionslücken umfassend schließen, Menschenrechtsverteidiger und vor allem Frauen gezielt unterstützen.“

jac/mit AP/dpa/AFP