Internationale Energieagentur – „Wir werden die Folgen viele Monate spüren, wenn nicht Jahre“ – Wirtschaft

SZ: Was bedeutet die Ankündigung einer zweiwöchigen Waffenruhe und die Öffnung der Straße von Hormus für die Energiekrise?

Fatih Birol: Das ist eine sehr erfreuliche Nachricht. Diese Deeskalation ist ein wichtiger Schritt hin zu einem dauerhaften Ende der Kampfhandlungen und den damit verbundenen positiven Auswirkungen auf das Leben und seine Grundlagen in den Ländern der gesamten Region. Wie die IEA wiederholt betont hat, ist die Wiederaufnahme des Handels durch die Straße von Hormus der wichtigste Weg, den Druck auf Energieversorgung und Preise sowie auf Weltwirtschaft zu verringern. Die IEA beobachtet die Lage aufmerksam.

Kann man damit schon Entwarnung geben?

Es ist wichtig zu bedenken, dass die energiepolitischen Folgen sich nicht schnell lösen lassen. Entscheidungen zur Wiederaufnahme der Öl- und Gasförderung in der Region setzen das Vertrauen voraus, dass die Waffenruhe zu einer dauerhaften Einigung führen kann. Es wird Zeit brauchen, die stillgelegten Anlagen sicher wieder in Betrieb zu nehmen. Viele Energieanlagen wurden beschädigt, darunter Raffinerien, petrochemische Anlagen, Öl- und Gasförderstätten sowie zwei von 14 LNG-Produktionsanlagen in Ras Laffan in Katar. Auch die Tanker, die die Golfregion verlassen, benötigen Zeit, um ihre Zielmärkte zu erreichen. Für Südasien dauert dies nur wenige Tage, für weiter entfernte Märkte in Asien und Europa jedoch mehrere Wochen.

Sie warnten in den vergangenen Wochen, die Welt steht vor der schwersten Energiekrise in der Geschichte der Menschheit. Haben Sie den Eindruck, dass Politiker den Ernst der Lage bereits erkannt haben und entsprechend handeln?

Ich denke, sie beginnen es zu erkennen. Als der Krieg begonnen hat, habe ich zuerst abgewartet. Aber dann sah ich, dass die politischen Entscheidungsträger das Ausmaß des Problems nicht verstanden haben, und es ein wenig herunterspielten. Dann begann ich zu reden, nannte Zahlen, um zu erklären, dass die Welt bereits 1973 eine große Ölkrise erlebt hat, 1979 eine weitere und in Europa hatten wir die Gaskrise nach der russischen Invasion in der Ukraine. Und ich sagte – und sage es immer noch –, dass die Krise durch die Blockade der Straße von Hormus größer ist als alle drei Krisen davor zusammen.

Die historisch größte Freigabe von Ölreserven verpuffte. Wie dramatisch ist die Versorgungssituation nach vier Wochen Krieg? Reichen die bisherigen Maßnahmen als Reaktion aus?

Politiker sind sich der Lage bewusst, aber ich wünschte, sie täten noch mehr. Für viele Regierungen ist es nicht einfach, Maßnahmen zu ergreifen. Wir haben den Politikern vorgeschlagen, ihre Bürger zu bitten, Entscheidungen zu treffen, um Öl zu sparen, wie die Reduktion der Tempolimits um zehn Kilometer pro Stunde, die Förderung des öffentlichen Verkehrs, Arbeiten von zu Hause. Es ist nicht leicht, dies den Bürgern zu vermitteln, weil die denken, die Politiker hätten ihren Job nicht gemacht, warum soll ich ein Opfer bringen? Die Regierungen haben zuerst abwehrend reagiert, aber nun setzen sie nach und nach Maßnahmen um, weil die Lage immer kritischer wird.

Wie beurteilen Sie die Lage in Deutschland? Ein Tempolimit auf Autobahnen gibt es ja zum Beispiel gar nicht. 

Ich denke, die Maßnahmen werden kommen. Vielleicht in Form von Arbeiten von zu Hause an einem Tag pro Woche, in manchen Regionen könnte es Anreize für die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel geben. Wenn die Straße von Hormus nicht dauerhaft geöffnet bleibt, werden die Länder früher oder später diesen Weg gehen müssen. Es gibt keinen Ausweg – auch nicht für Deutschland.

Noch mal ganz konkret gefragt: Rechnen Sie damit, dass auch Deutschland an den Punkt kommt, dass Politiker sagen: Wir müssen ein Tempolimit auf Autobahnen oder einen autofreien Tag einführen?

Vielleicht keinen autofreien Tag, aber Arbeiten von zu Hause, damit man das Auto stehen lässt – wie 1973. Wenn es so weitergeht, werden wir Schwierigkeiten haben, bestimmte Ölprodukte zu bekommen – etwa Diesel oder Kerosin. Wenn wir diesen Punkt erreichen, denke ich, werden wir in vielen Ländern, einschließlich Deutschland, solche einschneidenden Maßnahmen sehen. Ich weiß, in Deutschland sind Autos wie eine Art Gott, aber wir müssen realistisch sein, wenn die Lage so angespannt bleibt, werden Maßnahmen kommen.

Die IEA hat einen guten Überblick über die Versorgungslage in verschiedenen Bereichen. Bei welchen Energiequellen und in welchen Sektoren ist es am schwierigsten?

Die größten Probleme sind Kerosin für Flugzeuge und Diesel für die Industrie. Und bei den Industriezweigen, die am meisten leiden werden, sind es in Europa und Asien die energieintensiven Branchen – Aluminium, Petrochemie. Sie werden am stärksten betroffen sein.

Können Sie etwas genauer sagen, welche Probleme Sie erwarten? Und ab wann?

Ich denke, auch wenn die Straße von Hormus nicht vollständig geöffnet sein sollte, kann Europa im April noch ohne große Probleme durchkommen. Aber ein paar Wochen danach wird es viel schwieriger vor allem bei Diesel und Kerosin.

Das heißt, Sie erwarten ab Mitte Mai Einschränkungen?

Ich wäre nicht überrascht, wenn einige Fluggesellschaften in Europa Maßnahmen ergreifen, um Flugverbindungen zu reduzieren. Ich hoffe, dass die Straße von Hormus bis Ende April wieder vollständig geöffnet ist. Je länger sie geschlossen bleibt, desto schmerzhafter wird es, und desto schwieriger wird die Rückkehr zum Vorkriegszustand. Viele Energieinfrastrukturen sind beschädigt – das braucht Zeit.

Die IEA hat auch Vorschläge zum Energiesparen gemacht. Konkret: Was kann oder soll jeder Einzelne dazu beitragen?

Jeder sollte so viel wie möglich den öffentlichen Verkehr nutzen. Wenn ich Bürgermeister wäre, würde ich den öffentlichen Verkehr kostenlos oder zu einem deutlich reduzierten Tarif anbieten, um Anreize zu schaffen. Ich würde auch die Menschen bitten, etwas langsamer zu fahren. Ich würde Unternehmen empfehlen, ihren Mitarbeitern mindestens einen Tag Home-Office vorzuschlagen, um Öl zu sparen. Und wir sollten vermeiden, für kurze Strecken zu fliegen, wenn es Alternativen gibt – in Deutschland der Zug.

Wenn Sie die weitere Entwicklung beobachten: Was ist Ihre größte Sorge?

Wenn die Straße von Hormus nicht vollständig geöffnet ist und es auch bleibt, werden die Energiepreise steigen: Benzinpreise, Strompreise, Heizung. Und das ist nicht die Schuld der jeweiligen Regierung. Die internationalen Energiemärkte geraten in Schwierigkeiten, in Deutschland, in Bangladesch, in Brasilien, überall. Ich höre, dass bereits einige extreme politische Gruppen dies missbrauchen, als sei es die Schuld der Regierungen. Die Energiekrise könnte ein Verstärker für Populismus sein, obwohl dies nicht gerechtfertigt ist. Man muss diese Demagogie zurückdrängen.

In Europa wird debattiert, wie man mit den gestiegenen Treibstoffpreisen umgehen soll. Diskutiert wird die Deckelung von Benzinpreisen oder ob es finanzielle Unterstützung für Betroffene geben soll – Bürger wie Unternehmen. Was bevorzugen Sie?

Für mich ist der beste Weg, die verletzlichen Gruppen der Bevölkerung finanziell zu unterstützen – nicht alle. Wenn man die Preise drückt, kaufen reiche und arme Menschen das gleiche Benzin, den gleichen Strom. Aber wenn man gezielt die unteren Einkommen unterstützt, ist das zielgerichtet. Und es sollte temporär sein. Aber das sind nur vorübergehende Maßnahmen – sie lösen das Problem nicht, sie lindern nur den Schmerz wie ein Aspirin.

Was würde dann zur Lösung des Problems beitragen?

Wenn die Straße von Hormus nicht länger und dauerhaft geöffnet ist, wird es für die europäischen und andere Volkswirtschaften sehr schwierig. Ich befürchte, dies wird die Inflation anheizen und das Wirtschaftswachstum bremsen. Das ist meine größte Sorge.

Wie lange werden nach Kriegsende die Auswirkungen zu spüren sein?

Das hängt vom Land und von den Anlagen ab. Flüssiggas aus Katar – das wird angesichts der massiven Schäden lange dauern. Irak hat nicht die finanziellen und technischen Möglichkeiten wie Saudi-Arabien.

Das heißt, Sie rechnen mit Nachwirkungen und weiter hohen Preisen noch im ganzen Jahr?

Wir werden die Folgen viele Monate spüren, wenn nicht Jahre. Die Preise mögen sinken, aber diese Erfahrung beeinflusst das Denken der Menschen. Das wird ein Weckruf sein, die Energiestrategien neu zu gestalten. In den 1970er-Jahren fiel der Ölanteil an der Stromerzeugung von 50 auf zwei Prozent. Man nutzte Nuklearenergie, erneuerbare Quellen. Autos wurden effizienter – statt 20 Litern verbrauchten sie dann noch zehn Liter pro hundert Kilometer. Ich erwarte, dass nun Elektroautos stark an Bedeutung gewinnen.

Sie erwähnten Nuklearenergie. Deutschland hat sich für den Atomausstieg entschieden. War das aus Ihrer Sicht ein Fehler?

Es war ein strategischer Fehler, ein historischer Fehler. Ich bin froh, dass diese Bundesregierung inzwischen anerkennt, dass es ein Fehler war. Es war schlecht für die Wirtschaft, schlecht für die Emissionen, schlecht für die Souveränität. Hätte die Regierung die Kernkraftwerke nicht abgeschaltet, wäre Deutschlands Verwundbarkeit heute geringer. Ich hätte so eine Entscheidung von Deutschland nicht erwartet – dem Land Immanuel Kants, dem Land der Vernunft.

Glauben Sie, dass Deutschland den Atomausstieg überdenkt?

Deutschland wird alle Optionen prüfen, und ich wäre nicht überrascht, wenn zwar nicht klassische Kernkraftwerke, aber flexible kleine modulare Reaktoren eine Rolle spielen könnten.

Die IEA stand noch im Februar stark unter Druck aus den USA, der Energieminister drohte mit Mittelentzug, weil sich die Agentur seiner Ansicht nach zu sehr auf Klimaneutralität konzentrierte. Wie ist das Verhältnis nun?

Wir arbeiten sehr gut mit der US‑Regierung zusammen. Ich spreche regelmäßig mit dem Energieminister und anderen hochrangigen Vertretern der US-Regierung.

Hat sich die IEA in der Krise in einem Maße profiliert, dass die Kritik inzwischen verstummt ist, weil die Agentur auch öffentlich wahrnehmbar eine wichtige Rolle übernommen hat?

Ich würde nicht sagen, dass sich die IEA dadurch profiliert hat, aber ich hoffe, dass alle die zentrale Rolle der Internationalen Energieagentur verstehen. Wir müssen zusammenarbeiten, um aus dieser großen Krise herauszukommen. Nicht alle verstehen, welche wirtschaftlichen Folgen diese Krise haben könnte, wenn wir sie nicht schnell stoppen.