
Langsam kehrt im Haus der Familie Oehm wieder Ruhe ein. Von dort ist die schmale Mittelmeerbucht zu sehen, über die mitten im mallorquinischen Winter tagelang ein Sturm der Empörung tobte. Die beiden Architekten machten sogar Schlagzeilen in der britischen Boulevard-Presse. „Deutsches Millionärsehepaar will Mallorca-Traumbucht abriegeln“ lauteten die Vorwürfe und: „Zaun gegen Besucher: Deutsche Familie will Tausende Touristen aussperren.“
„Das ist das Gegenteil von dem, was wir wollen: Wir wollen gemeinsam mit den Behörden eine Lösung für einen geregelten Zugang finden“, sagt Hans-Peter Oehm über seinen Hilferuf aus der Caló des Moro, wie die Bucht heißt. Er und seine Frau hatten sich vor rund 30 Jahren im Südosten der Insel niedergelassen und ein Architektenbüro gegründet.
Die einsame Bucht unter ihrer Finca ist zum Sinnbild für den Massentourismus geworden, der Mallorca überrollt. Früher war Caló des Moro ein Geheimtipp, längst ist der Strand durch soziale Medien weltbekannt. Auf der Suche nach dem perfekten Urlaubsfoto kommen im Sommerhalbjahr täglich mehr als 4000 Urlauber; bis zu einer Million in einem Jahr. Dabei ist die „Instagram“-Bucht am azurblauen Meer mit dem schmalen Sandstrand unter steilen Felsen nur 70 Meter lang.
„Einmal standen Menschen in unserer Küche“
Die kleine Völkerwanderung führt mitten durch das Grundstück der deutschen Familie. „Wir leiden hier alle unter dem Massenansturm, den Bergen von Müll und den Fäkalien, die sie hinterlassen“, klagt Hans-Peter Oehm. „Immer wieder standen schon Menschen in unserem privaten Garten. Einmal sogar in der Küche.“ Auch die Wut bei den Einheimischen wächst. Aktivisten hatten die Bucht vor zwei Jahren sogar symbolisch besetzt. Sie entrollten ein großes Spruchband mit der Aufschrift „Lasst uns unsere Strände zurückerobern“.

Die meisten kommen gar nicht, um zu baden. Ihnen geht es nur um ein Foto, das sie auf X oder Instagram posten. Dafür stehen sie manchmal stundenlang bei 40 Grad in der Sonne an. Ein „Initiationsritual“, das unter Touristen, die von immer weiter her anreisen, „eine fetischhafte Dimension“ angenommen habe, nennt es die Zeitung „Diario de Mallorca“.
Die Oehms fühlten sich tagelang wie in einem falschen Film. Die Familie gehörte zu den Ersten, die versuchten, die Bucht und ihr unberührtes Hinterland zu erhalten. Sie trommelten schon Ende der Neunzigerjahre alle Nachbarn zusammen, um zu verhindern, dass über der Bucht eine Hotelanlage mit Minigolf- und Tennisplatz errichtet wurde. Am Ende kauften die Oehms das 40.000 Quadratmeter große Grundstück, an dessen Rand sie ihr Haus bauten. Mit ihren beiden Töchtern, den Nachbarn und seit 2014 auch mit einer Stiftung erweckten sie das verwilderte und vermüllte Brachland zu neuem Leben. Sie pflanzten unter anderem weit mehr als 20.000 Sträucher und Bäume an.
Täglich füllen sie große Müllsäcke
Doch in den vergangenen Jahren wurden sie immer mehr zur Müllabfuhr. Sie mussten Hinterlassenschaften der Touristen einsammeln und Feuer löschen, die sie unachtsam entzündet hatten. Täglich füllten sie große Säcke, allein in einem Vierteljahr sechs Tonnen – Tausende Tampons und Berge von Windeln. Für den Sand, den die Besucher an ihren Schuhen und Füßen vom Strand wegtragen, stellte Tochter Marie Oehm Sandbürsten auf. Jedes Jahr kehren auf diese Weise mehrere Tonnen an das schwindende Ufer zurück.
Als „Notwehr“ beschreibt Oehms Anwalt den jüngsten Vorstoß der Familie. Ihr privates Grundstück solle einen Zaun bekommen, damit es nicht länger als bequemer Strandzugang diene, sagte Rafael Barber-Llorente der „Mallorca Zeitung“. Besucher sollten künftig den öffentlichen Zugang nutzen, während einheimische Anlieger weiterhin das Grundstück auf dem Weg ans Meer durchqueren dürften.
Er und seine Frau Maren hätten nie vorgehabt, den Strand zu sperren, wie ihnen vorgehalten worden sei, betont Hans-Peter Oehm: „Das ist Unsinn und geht rechtlich gar nicht, denn in Spanien sind alle Strände öffentlich.“ Den direkten Zugang zum Strand müsse die Küstenbehörde regeln. Mit ihr und den Nachbarn suche seine Familie weiterhin nach einem guten Ausweg für alle Beteiligten. Doch das erweist sich als schwierig und langwierig. Besonders die regionale und nationale Küstenschutzbehörde spielten „Pingpong“, obwohl die Zeit dränge. Denn der Weg führt über unterirdische Höhlen, deren Decken durch die Menschenmengen absacken, die Erosion an der Küste schreitet voran.
„Solche Berichte hetzen die Mallorquiner gegen uns auf“
In den vergangenen Jahren feierte die lokale Presse die Oehms und ihre Stiftung als „Schutzengel“ der Bucht. Aber in der neuen Debatte klingen jetzt andere Töne an, die die bisher gute Nachbarschaft gefährden und die Oehms betrüben. „Solche Berichte hetzen die Mallorquiner gegen uns auf“, befürchtet Hans-Peter Oehm, der sich seit mehr als drei Jahrzehnten auf der Insel längst als Einheimischer fühlt; ihre beiden Töchter wuchsen auf Mallorca auf.
Die Aufregung über den Strandzugang hatte mit einem Kommentar des bekannten Kolumnisten Matías Vallés begonnen. Er beklagte, dass die Mallorquiner auf ihrer Insel nur noch Statisten seien: „Die Besitzer des neuen Mallorcas sind Ausländer und wollen die Grundstücke einzäunen, die die Mallorquiner nicht zu verteidigen wussten.“ Nicht nur an der Caló des Moro könnten jedoch die Schlangen noch länger werden. Im vergangenen Jahr kamen fast 16 Millionen Urlauber auf die balearischen Inseln, die nur 1,2 Millionen Einwohner haben. Dieses Jahr zeichnet sich ein neuer Rekord ab.
