Insect Wars: Staatsanwaltschaft ermittelt wegen brutaler Tierkämpfe auf Social Media – Panorama

Die Szenen sind brutal, es ist ein Überlebenskampf in Nahaufnahme: Eine Gottesanbeterin attackiert einen Zwerghamster und frisst ihn bei lebendigem Leibe. Zu sehen ist die Szene auf einem Instagram-Video. Andere Clips zeigen, wie Ameisen eine Hornisse töten, Wasserkäfer einen Frosch malträtieren oder eine große Grille einen jungen Gecko zerlegt. Anders als in Horrorfilmen mit genmanipulierten Giga-Ameisen oder mutierten Riesenzecken sind die Szenen und die Tiere in diesem Fall echt.

Das Genre nennt sich „Insect Wars“: Unter diesem Titel werden auf Plattformen wie Instagram, Tiktok oder Youtube Videos verbreitet, in denen Insekten gegen andere Insekten, Amphibien oder Nagetiere antreten. Die Betreiber der Accounts versprechen „epische Käferkämpfe und die brutalsten Fighter der Natur“.

Es gibt ähnliche Formate, sie heißen „Monster Bug Wars“ oder „World’s Biggest and Baddest Bugs“. Dort werden ebenfalls Kämpfe zwischen Insekten und anderen Tieren gezeigt – allerdings als halbwegs seriöse Naturdokumentationen. „Monster Bug Wars“ etwa wird in freier Wildbahn gedreht und vom Science Channel präsentiert. Bei „Insect Wars“ dagegen werden Insekten mit Mäusen, Hamstern oder Reptilien in Terrarien gesetzt, aus denen sie nicht entkommen können. Mit Pinzetten, Fingern oder Stöckchen werden die Tiere zusätzlich zusammengedrängt, um Kämpfe zu provozieren. In den fast täglich veröffentlichten Clips sind die Insekten meist die überlegenen Gegner: Sie verstümmeln kleinere Wirbeltiere mit ihren Mundwerkzeugen oder töten sie mit Gift.

Die Insekten-Gladiatorenkämpfe haben viele Fans. Manche Videos erreichen sechsstellige Abrufzahlen, der Facebook-Kanal hat 1,5 Millionen, der Instagram-Kanal 1,2 Millionen Follower; zusätzlich werden die Clips auf Snapchat, Tiktok und X verbreitet. Die Aufnahmen sprechen archaische Instinkte an. „Angstlust“ nennt die Psychologie dieses Phänomen: Das Herz klopft, doch der Zuschauer befindet sich in Sicherheit – der Schrecken bleibt also kontrolliert.

Die Betreiber inszenieren qualvolle Überlebenskämpfe einzig, um Klicks, Reichweite und Gewinne zu erzielen.

Aus einer Pressemitteilung des Deutschen Tierschutzbundes

Tierschützer sind entsetzt. „Die gezeigten Kämpfe haben mit Natur nichts zu tun“, sagt Nina Brakebusch vom Deutschen Tierschutzbund, die sich mit Tierquälerei im Internet beschäftigt, laut einer Pressemitteilung. Denn die meisten der zusammengesperrten Tierarten würden sich in der freien Natur gar nicht begegnen oder sich, wenn sie denselben Lebensraum haben, im Zweifelsfall aus dem Weg gehen. In den Videos aber werden sie auf engstem Raum eingeschlossen und zum tödlichen Kampf gezwungen. Natürliches Fluchtverhalten ist unmöglich. „Die Betreiber inszenieren qualvolle Überlebenskämpfe einzig, um Klicks, Reichweite und Gewinne zu erzielen“, kritisiert der Verband.

Der Deutsche Tierschutzbund geht deshalb juristisch gegen die Videos vor. Nach einer Strafanzeige wegen Tierquälerei im vergangenen November ermittelt inzwischen die Hamburger Staatsanwaltschaft. Doch wie in vielen ähnlichen Fällen ist es schwierig, die Verantwortlichen zu identifizieren und haftbar zu machen. Nach Recherchen des Tierschutzbundes steckt hinter den „Insect Wars“-Accounts ein international agierender Konzern mit Millionenumsätzen und verschachtelter Firmenstruktur, eine GmbH in Deutschland ist auch beteiligt. Durch die hohen Abrufzahlen lassen sich die Videos wohl gut monetarisieren; die Betreiber verkaufen Merchandising-Produkte wie T-Shirts, Hoodies und Poster.

Die Strafanzeige richtet sich sowohl gegen die bislang unbekannten Veranstalter der Tierkämpfe als auch gegen die Verantwortlichen des Konzerns. „Das Geschäftsmodell von ‚Insect Wars‘ basiert auf massiver Tierquälerei“, sagt Norman Rahn, Jurist beim Deutschen Tierschutzbund, „wir erwarten von den Ermittlungsbehörden, dass sie konsequent gegen die Verantwortlichen vorgehen.“

Die Verbreitung von tierquälerischen Inhalten wie „Insect Wars“ wirft grundlegende ethische und rechtliche Fragen auf, die weit über die einzelnen Fälle hinausreichen. Müssen deshalb auch die Plattformen in Verantwortung genommen werden, über die „Insect Wars“-Videos verbreitet werden? Dazu äußert sich die Justiz bislang nicht. Der Vorgang sei „in der zuständigen Fachabteilung anhängig“, teilt die Staatsanwaltschaft Hamburg mit, „die Prüfung des Anfangsverdachts dauert an“. Das bedeutet: Die Ermittlungen laufen, während die Clips weiter abrufbar bleiben.