

Wie präsent die Spuren des Nationalsozialismus mitunter in Frankfurt sind, zeigte in Frankfurt der Sommer 2017. Nachdem bei Bauarbeiten auf dem Uni-Campus Westend eine Luftbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt worden war, mussten bei der Entschärfung alle Häuser im Umkreis von anderthalb Kilometern evakuiert werden. Das betraf knapp 65.000 Menschen. Jahrelang hatten sie im Explosionsradius einer Bombe gelebt oder studiert, ohne es zu wissen. Das ist ein Extrembeispiel, doch es illustriert in aller Deutlichkeit, wie wenig bekannt teilweise die historischen Spuren naher Orte sind.
Vielfach weisen Gedenktafeln auf die frühere Nutzung eines Gebäudes hin. Außerdem erinnern Stolpersteine an die Schicksale jener Hausbewohner, die im Nationalsozialismus entrechtet und enteignet, verdrängt oder verschleppt, ermordet oder zur Zwangsarbeit missbraucht wurden. Zwar tragen diese Hinweise das Gedenken in den Alltag, werden in diesem aber auch häufig übersehen. Dagegen lädt die Initiative „Denk Mal am Ort“ dazu ein, nicht nur vor den Gebäuden an Verbrechen des Nationalsozialismus zu erinnern, sondern diese zu betreten. Auch hier geht es um ehemalige Bewohner, die verfolgt und ermordet werden.
15 Orte geöffnet
Am 28. und 29. März öffnen sich in Frankfurt 15 Orte, um die vielfach unbekannten Geschichten zu erzählen. Das Programm beginnt am Samstagmorgen mit einem geführten Rundgang durch die Hammanstraße im Nordend. Im Nationalsozialismus wurden von dort etwa 60 Prozent der Anwohner verfolgt. Das verdeutlicht, wie zentral die Ausgrenzung für die sogenannte Volksgemeinschaft war. Im Anschluss wird in der nahe gelegenen Elisabethenschule ein Film gezeigt, in dem die Zeitzeugen von ihren Erfahrungen berichten. Außerdem erzählen Nachfahren von ihren Familiengeschichten.
Am Samstagmittag erinnert dann die Katharinenkirche an der Hauptwache an ihren damaligen Pfarrer Wilhelm Fresenius. Als Mitglied der „Bekennenden Kirche“ stellte er sich gegen die nationalsozialistischen „Deutschen Christen“. Dafür wurde er zum Opfer von Hausdurchsuchungen, Verhören und Haftstrafen bis hin zur Suspendierung von seinem Kirchenamt. Bei einem Vortrag und dem anschließenden Gespräch kommen auch Fresenius’ Enkel und Urenkel zu Wort.
An beiden Tagen öffnet außerdem die KfW-Stiftung die Türen der „Villa 102“ an der Bockenheimer Landstraße. Sie gehörte bis 1937 der Frankfurter Familie Sondheimer, die ihre Villa dann jedoch unter Druck verkaufen musste. Neben der Familiengeschichte geht es auch um die allgemeine Geschichte der Frankfurter Juden im Westend – dem Stadtviertel, das bei den späteren Deportationen als Erstes in den Blick der Frankfurter NSDAP rückte.
Ähnlich vielfältig ist das Programm am Sonntag. So führt etwa die Historikerin Angelika Rieber über die Zeil und berichtet dabei mit konkreten Beispielen vom Boykott und der Verdrängung jener Geschäfte, die von jüdischen Inhabern geführt wurden. In einem Vortrag in der ehemaligen Dondorf-Druckerei berichtet wiederum die Historikerin Christine Hartwig-Thürmer von ihrer Spurensuche zur Familie Una, die vor einigen Jahren mit der Entdeckung eines Doppelgrabs auf dem alten jüdischen Friedhof begann. Während einige Programmpunkte frei zugänglich sind, ist für andere eine Anmeldung nötig. Die Anmeldemöglichkeiten und das vollständige Programm finden sich auf der Internetseite www.denkmalamort.de
