Inflation, Zinsen, JobsWie lange die Weltwirtschaft die Hormus-Blockade aushält

Ein Fünftel des weltweiten Ölhandels passiert täglich die Straße von Hormus. Ist diese Schifffahrtsroute länger außer Betrieb, könnten nicht nur die Energiepreise noch stärker unter Druck geraten. Energieökonom Fyfe zeigt in drei Szenarien, welche Folgen für Wirtschaft und Industrie drohen.
Vorübergehender Preisschock oder der Beginn einer Weltwirtschaftskrise? Für den Energieexperten David Fyfe von der Preisberichtsagentur Argus Media hängt die Antwort auf diese Frage allein an einer Variable: der Zeit. Fyfe hat drei Szenarien entwickelt, die verdeutlichen, dass die Dauer einer Blockade der Straße von Hormus über die Stabilität der Weltwirtschaft entscheidet.
Sollte die Meerenge über einen längeren Zeitraum blockiert bleiben, drohen der Weltwirtschaft dem Argus-Chefökonom zufolge Zinsschocks und eine handfeste Rezession. Für die Schifffahrt und die Energieversorgung ist das Nadelöhr von immenser Bedeutung. In Friedenszeiten läuft täglich rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels durch die Meerenge.
Fyfe unterscheidet in seiner Analyse zwischen drei zeitlichen Eskalationsstufen. Seiner Einschätzung zufolge wäre eine einmonatige Unterbrechung verkraftbar. Sie dürfte nur begrenzte Auswirkungen auf die Inflation haben, sodass die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank ihre Zinspolitik voraussichtlich unverändert beibehalten könnten.
Hielte die Blockade jedoch etwa drei Monate lang an, droht laut dem Experten der Inflationsdruck so stark zu steigen, dass geplante Zinssenkungen um mehrere Monate verschoben werden müssten. Bei einer sechsmonatigen Unterbrechung erwartet Fyfe die Kehrtwende: Um den massiven Preisdruck zu kontrollieren, könnten die Zentralbanken gezwungen sein, die Zinsen sogar wieder anzuheben.
Diese geldpolitischen Reaktionen hätten unmittelbare Folgen für das weltweite Wirtschaftswachstum. Während eine einmonatige Sperrung das globale Wachstum kaum merklich dämpfen würde, warnt Fyfe davor, dass das Wachstum des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) bei einer sechsmonatigen Unterbrechung unter die kritische Marke von zwei Prozent fallen könnte. Ein solcher Wert gilt in der Ökonomie faktisch als Stillstand der Weltwirtschaft mit weitreichenden Folgen für den Arbeitsmarkt und die Industrie.
Besonders kritisch ist die Lage für stark importabhängige, hoch verschuldete Schwellenländer, sagt Fyfe. Ein lang anhaltender Energiepreisschock würde diese Staaten in einer vulnerablen Phase treffen. Für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, China, ergibt sich laut dem Chefökonomen ein zweigeteiltes Bild: Dank strategisch aufgebauter Reserven an Energie und Rohstoffen scheint Peking kurzfristig gegen explodierende Energiepreise immun zu sein. Die Achillesferse bleibe jedoch die exportorientierte Industrie. Massive Steigerungen der Frachtkosten und signifikant längere Lieferzeiten könnten die chinesische Industrie trotz voller Energielager schwer treffen und das globale Wachstum weiter dämpfen, so Fyfe.
Die ohnehin fragile europäische Industrie, die noch immer unter den Folgen des Ukraine-Krieges leidet, steht laut Fyfe vor einer erneuten Zerreißprobe. Anhaltend hohe Erdgaspreise dürften seiner Einschätzung zufolge zeitversetzt auch die regionalen Strompreise in die Höhe treiben und die Wettbewerbsfähigkeit weiter untergraben.
Im Gegensatz dazu zeige sich die US-Wirtschaft deutlich resilienter. Dank des Zugangs zu vergleichsweise günstigen heimischen Energievorkommen sind die USA weniger direkt von den inflationären Schocks des Golf-Konflikts betroffen. Dennoch warnt der Experte, dass in den USA eine andere Inflationskomponente stärker in den Fokus rücken könnte: zollbedingte Preissteigerungen, deren Auswirkungen in diesem Jahr weitaus deutlicher spürbar sein dürften als noch 2025.
