

Noch ist der Irankrieg nicht beendet, doch bereits heute hat er einen überraschenden Verlierer hervorgebracht: Indien, das sich wie kaum ein anderes Land von Energieimporten aus Nahost abhängig gemacht hat. Seit die Revolutionsgarden die Straße von Hormus abgeriegelt haben, wissen die Inder nicht mehr, wie sie ihr Abendessen kochen sollen. Weil der Subkontinent fast sein gesamtes Gas vom Golf importiert, wo derzeit 22 indische Frachter festsitzen, herrscht in Delhi und Mumbai Panik auf der Jagd nach Gaszylindern. Schon kommen Fragen auf, ob es bald noch Lebensmittel gibt, die sich zubereiten lassen – stellt Gas in Indien doch auch die Grundlage für Dünger dar.
So groß ist die Krise, dass Ministerpräsident Narendra Modi zur Verteidigung einen Zeugen aufruft, der sich nicht mehr wehren kann. Schon Republikgründer Nehru, visionärer Architekt der indischen Demokratie, habe festgestellt, dass externe Einflüsse wie der Krieg in Korea die Inflation in Indien treiben könnten – so wie der Irankrieg heute die Preise auf dem Gasmarkt in Indien treibt.
So einfach ist es nicht. Selbst wenn Indiens Regierungschef auf seiner Israelreise zwei Tage vor Kriegsausbruch die Angriffe und das Ausmaß ihrer Folgen nicht hat voraussehen können: Dass Indien in den Jahren zuvor trotz eines steigenden Gasverbrauchs keine strategische Reserve aufgebaut hat, war ein Fehler ebenso wie das Kalkül, beim Gasimport zu 90 Prozent auf eine einzige Region in der Welt zu setzen, die alles andere als friedlich ist. Das gilt auch für Neu Delhis Traum von der indischen Seidenstraße, deren Handelsweg ausgerechnet im iranischen Hafen von Chabahar seinen Anfang nehmen sollte.
Nach der Lektion, dass Abhängigkeit teuer werden kann, hält sich Indien nun alle Seiten offen. Während es sich von den USA zugestehen lässt, doch wieder in Russland Öl kaufen zu dürfen, hält es die Beziehungen zu Iran am Leben, das in der Folge indischen Frachtern die Fahrt durch die Meerenge erlaubt. Strategische Autonomie nennt das Neu Delhi. Anders ausgedrückt: In dieser Welt will sich Indien auf niemanden mehr verlassen.
