In diesem Garten küsste Goethe die Muse

Pflanzen sind erstaunliche Lebewesen. Dennoch gilt jeder Zoo mit seinen Tieren als aufregender als ein botanischer Garten mit seiner Vielzahl an Pflanzen und deren Besonderheiten: Große Blüten treffen winzige. Üppige Blätter stehen im Kontrast zu mikroskopisch kleinen. Immergrüne Pflanzen konkurrieren mit schriller Farbenpracht. Baumriesen beschatten zarte Bodendecker. Selbst die „Letzten ihrer Art“ finden ein hübsches Plätzchen.

Wenn im Winter der grüne Daumen zwar juckt, aber die Welt draußen wenig einladend fürs Gärtnern erscheint, werden botanische Gärten zum Sehnsuchtsziel. Südostasiatische Tropen, afrikanische Wüsten, südamerikanisches Hochgebirge, mediterranes Südeuropa liegen dort dicht beieinander.

Eine immergrüne Insel im Zentrum der Stadt

„Botanische Gärten kennen keinen Stillstand“, sagt Stefan Arndt, wissenschaftlicher Leiter des Botanischen Gartens Jena. „Wir sind umgeben von Veränderungen. Pflanzen leben, wachsen und beeinträchtigen mitunter andere Arten. Insofern müssen wir immer mal Exemplare rausnehmen oder Lebensräume eingrenzen, damit andere besser versorgt werden.“

Mehr als hundert botanische Gärten gibt es in Deutschland, einige sind berühmt wie der Palmengarten in Frankfurt, der Rhododendron-Park in Bremen oder der Alpengarten am Schachen im Wettersteingebirge. Andere erweisen sich als klein, aber fein. Wie der in Jena, der einen Besuch besonders lohnt.

Der Korallenkaktus mit seinen typischen roten Beeren
Der Korallenkaktus mit seinen typischen roten BeerenJens Haentzschel

Folgt man dem Pfad durch die vier Glashäuser, ist das Sukkulentenhaus ein erstes Ziel. Grün dominiert und beruhigt. Hinter Glas reihen sich an Trockenheit angepasste Pflanzen aus verschiedenen Regionen der Erde. Dank ihrer Sukkulenz, der Fähigkeit, Wasser in ihren Blättern zu speichern, zählen sie zu den Extremisten im Pflanzenreich. Der legendäre Schwiegermutterstuhl-Kaktus (Kroenleinia grusonii) gehört zu den besonders pflegeleichten Kakteen und darf ebenso wenig fehlen wie ein Feigenkaktus (Opuntia) oder der Kaktusbaum (Alluaudia ascendens) mit seinen herzförmigen Blättern.

Nicht alle Pflanzen sind so alt wie die Gewächshäuser, die noch aus den Achtzigerjahren stammen. Ein Gehölz macht da eine Ausnahme: Der Rasierpinselbaum (Pseudobombax ellipticum) zeigt im Verlauf des Jahres seine zwei Gesichter. Im Oktober präsentiert er sich dicht belaubt. Im Januar wirft er die Blätter ab und bildet langsam Hunderte große, malvenartige Blüten mit einem Durchmesser von mehr als zehn Zentimetern.

Mindestens eine Pflanze sorgt mit Verlass für Aufsehen

Durchgeblüht wird immer, aber auch die Gewächse in botanischen Gärten kennen Jahreszeiten. Zu meinen, dass der Winter die farbenprächtigste Zeit in den warmen Gewächshäusern sei, erweist sich als Irrtum. In den warmen Monaten blühen auch unter Glas mehr Pflanzen. Aber irgendeine Pflanze sorgt zu jeder Jahreszeit für Aufsehen, selbst in den trostlosen Wintermonaten.

Das Kalthaus schließt sich dem Sukkulentenhaus an. Hier ist es kühl, aber frostfrei, ideal für mediterrane Pflanzen aus dem Mittelmeerraum, aber auch aus Australien oder Neuseeland. Im Januar gibt der Blaue Eukalpytus (Eucalyptus globulus) alles. Wobei es nicht nur das silberblaue Laub ist, das verzaubert, sondern der erfrischende und zugleich würzige Duft, der den ganzen Raum erfüllt.

Blickfang Hibiskus
Blickfang HibiskusJens Haentzschel

Blütenstark sind andere Pflanzen wie die Baumfuchsie (Fuchsia paniculata), die aus Mittelamerika stammt, sich jedoch auch im Jenaer Gewächshaus wohlfühlt. Jetzt ist Blütezeit, und die rötlich-rosafarbenen Blüten stoßen fast an das Glasdach. Weitere Vielblüher sind die exotische Kreuzblume (Polygala virgata) mit ihren purpurfarbenen Blüten, das meterhohe Riesen-Greiskraut (Telanthophora grandifolia) mit sonnengelben Blüten, die an Gänseblümchen erinnern, oder es gibt ein Wiedersehen mit Urlaubsklassikern wie dem Madeira-Natternkopf (Echium candicans), der als „Stolz von Madeira“ als endemische Pflanze ansonsten nur auf der Insel vorkommt.

Jenas botanischer Garten ist mit seinen 4,5 Hektar nicht groß. Das ist sein Vorteil, denn so konnte das Areal in der Innenstadt bleiben. Der Garten hat die Funktion einer grünen Insel mitten im Zentrum. Was hier wächst, hat Tradition: 1586 wurde er als kleiner Hortus medicus, ein Lehrgarten der medizinischen Fakultät, gegründet. Er ist damit nach jenem in Leipzig der zweitälteste botanische Garten in Deutschland.

Rund hundert Jahre später kam das erste beheizbare Gewächshaus dazu. Mit dem Botaniker, Mediziner und Schriftsteller August Johann Georg Karl Batsch begann eine erste wichtige Blühphase, denn der Garten wurde neu gestaltet und zum botanischen Garten erweitert.

Goethe nannte Jena das „liebe närrische Nest“

Kein geringerer als der viel forschende Johann Wolfgang von Goethe sorgte in seiner Zeit als Weimarer Minister für den Umzug der botanischen Sammlungen an den heutigen Ort. Mit Jena fühlte er sich auf das Engste verbunden, nannte die Stadt das „liebe närrische Nest“. Dank seiner Empfehlungen wurden von 1794 an weitere Gewächshäuser gebaut und ein Bewässerungssystem errichtet. Bis in die Gegenwart gab es immer wieder Veränderungen. Man sammelt, präsentiert, forscht, vervielfältigt, kultiviert.

Heute gehört der Garten zur Fakultät für Biowissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität. Stefan Arndt sieht ähnliche Herausforderungen für den Garten wie für jedes gewöhnliche Museum. „Letztlich sind wir ein großes Freilichtmuseum und haben vielleicht den Vorteil, dass wir mit lebenden Pflanzensammlungen arbeiten und relevante Themen unserer Zeit besser aufgreifen können als andere.“

Wassermangel und Klimaveränderung gehörten dazu, auch Neophyten, die durch menschliche Aktivitäten – bewusst oder unbewusst – in ein Gebiet gelangt sind, in dem sie ursprünglich nicht heimisch waren. „Wir sind eine Schnittstelle für die Besucher, und die nehmen die Angebote dankbar an.“ Mit gut 60.000 Besuchern im Jahr ist der Garten mit seinen mehr als 12.000 Pflanzenarten und -sorten so erfolgreich wie nie und einer der magischen Orte der Universitätsstadt.

Wie hoch die Relevanz eines botanischen Gartens ist, machen andere Zahlen deutlich: Von den geschätzt über 250.000 Pflanzenarten auf der Welt werden 100.000 in botanischen Gärten kultiviert. Dass noch heute gesammelt wird, verdanken botanische Gärten meist ihren pflanzenverliebten Mitarbeitern. Im Durchgang vom Kalt- zum Tropenhaus läuft man fast an jener Gattung vorbei, die den Botanischen Garten Jena deutschlandweit einmalig macht.

Der Kaktusbaum gehört zu den extrem widerständigen Pflanzen.
Der Kaktusbaum gehört zu den extrem widerständigen Pflanzen.Jens Haentzschel

Die Universität beherbergt die größte Sammlung an epiphytischen Kakteen. Bekannteste Vertreter sind der Weihnachtskaktus (Schlumbergera) und Osterkaktus (Rhipsalidopsis), die millionenfach die Feiertage noch feierlicher werden lassen. Allen epiphytischen Kakteen ist gemein, dass sie meist aus den tropischen und subtropischen Regionen Mittel- und Südamerikas stammen und auf Bäumen wachsen, ohne diese zu schädigen.

Das Gros der umfangreichen Jenaer Sammlung mit mehr als 60 Prozent Wildarten befindet sich allerdings in Forschungsgewächshäusern, die öffentlich nicht zugänglich sind. Andere Sammlungen beschäftigen sich mit der Flora von Kuba, mit fleischfressenden Fettkräutern (Pinguicula) oder den beliebten Aronstabgewächsen (Araceae).

Letztere fühlen sich im großen Tropenhaus sichtlich wohl, in dem klassische Zimmerpflanzen im XXL-Format ebenso wachsen wie Zimt und Kakao. Im Januar wird viel Grün heruntergeschnitten, denn jedes Gewächshaus hat Grenzen, die Bananen oder Papaya längst erreicht haben.

Was nicht fehlen darf, ist ein Victoriahaus mit der namensgebenden Santa-Cruz-Riesenseerose (Victoria cruziana), die im Herbst nur kurz blüht. Gärtnern im und unter Wasser ist angesagt, wenn es darum geht, die verblühten Blätter aus dem Wasser zu holen.

Botanische Gärten sind immer Orte voller Rekorde. Neben der größten Seerose der Welt, eben der Santa-Cruz-Riesenseerose, findet sich im Wasser auch die mit dem Umfang einer Eincentmünze kleinste. Nymphaea thermarum, die bisher nur in Ruanda gefunden wurde, galt lange Zeit an ihrem Naturstandort als ausgestorben. Die Pflanze überlebte allerdings in vielen botanischen Gärten, in denen sie fleißig vermehrt wurde. Inzwischen hat sich die Nymphaea auch in ihrer ostafrikanischen Heimat wieder angesiedelt.

Im Winter bietet das Drinnen den höheren Reiz, aber Jenas Garten kann mehr. Der Außenbereich ist eine Weltreise für sich: mit eindrucksvollem, altem Baumbestand, unbekannten Weinreben, allerlei Nutz- und Heilpflanzen und dem Alpinum, der artenreichsten Freilandanlage mit gut 2200 Arten. Jenas botanischer Garten mag nicht groß sein, aber der Ort erzählt globale Geschichten von Evolution, Anpassung und von Pflanzen, die uns Menschen immer wieder in Erstaunen versetzen.