Ilja Remeslo: Vom kremltreuen Denunzianten zum Putin-Kritiker

„Wladimir Putin ist kein legitimer Präsident. Wladimir Putin muss zurücktreten und als Kriegsverbrecher und Dieb einem Gericht übergeben werden.“ Sätze wie diese kommen üblicherweise aus der längst ins Exil getriebenen russischen Opposition. Doch deren Vertreter sind jetzt angesichts ihres Urhebers ebenso perplex wie die Unterstützer des russischen Herrschers.

Denn Ilja Remeslo, der Mann, der mit dieser Forderung am Dienstagabend einen Eintrag in seinem Telegram-Kanal zu „fünf Gründen, warum ich aufhörte, Wladimir Putin zu unterstützen“, beschloss, ist bisher stets aufseiten der Machthaber aufgetreten. Bekannt wurde der heute 42 Jahre alte Blogger und Jurist aus Sankt Petersburg, der zeitweise auch Mitglied in Putins zivilgesellschaftliche Teilhabe simulierender Gesellschaftskammer war, als kremltreuer Denunziant. Wiederholt ging Remeslo gegen den Putin-Gegenspieler Alexej Nawalnyj vor und sagte vor Gericht gegen den Antikorruptionskämpfer aus. Vehement unterstützte Remeslo vor vier Jahren den Großangriff auf den „Nichtstaat“ Ukraine, wie er seinerzeit Putin echote.

Zunächst wahrte er die „roten Linien“ der Machtkritik

Woher nun der Sinneswandel des Bloggers rührt, ist Gegenstand vieler Mutmaßungen, die von persönlichen Problemen über einen Wechsel der Auftraggeber bis zum Evergreen der Kreml-Beobachtung reichen: einem „Kampf der Türme“ und möglichen Rissen im System.

Schon am 7. März erklärte Remeslo auf Telegram, warum er bei den nächsten Wahlen zur Duma, dem Unterhaus, im September nicht für die Machtpartei „Einiges Russland“ stimmen werde: „Ringsherum ist völliger Verfall, Menschen leiden.“ Doch da wahrte der Blogger noch die beiden sogenannten roten Linien der Machtkritik, schimpfte nicht auf Putin persönlich und nicht auf den Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Screenshot vom Kanal des russischen Bloggers Ilja Remeslo, der ein Putin-kritisches Video gepostet hat
Screenshot vom Kanal des russischen Bloggers Ilja Remeslo, der ein Putin-kritisches Video gepostet hatremeslaw/Telegram

Anders zehn Tage darauf, als er seine Auflistung mit den Worten einleitete: „Jemand musste das sagen.“ Der wie eine Polizeioperation begonnene Ukrainekrieg habe schon eine bis zwei Millionen Opfer gefordert, sei ein „absoluter Sackgassenkrieg“ mit „enormen Verlusten“ geworden und könne noch fünf bis zehn Jahre dauern. Es gebe jetzt keine Internet- und keine Medienfreiheit mehr, klagte Remeslo und hielt dem 73 Jahre alten Putin vor zu planen, „mindestens auf dem Thron zu sitzen, bis er 150 ist“. Putin fürchte echte Debatten, „weil dann sofort klar wird, dass der König nackt ist“; die Russen brauchten stattdessen einen „neuen, modernen Präsidenten“.

Noch am Dienstagabend hob Remeslo hervor, dass niemand seinen Account gehackt habe, und legte am Mittwochmorgen einen sechsten Grund für seine Abkehr von Putin nach; als er die Reichtümer und den „Hang zum Luxus“ des Herrschers geißelte, klang der Blogger wie der von ihm bekämpfte Nawalnyj, der 2024 im Straflager ermordet wurde. In einem Kurzclip bescheinigte Remeslo Putins Machtsystem, noch in diesem Jahr zusammenzubrechen. Dann bekräftigte er seine Kritik in Gesprächen mit verschiedenen (im Ausland ansässigen) Medien, beteuerte, in Russland bleiben zu wollen und in einem möglichen Prozess gegen ihn „viel Interessantes zu erzählen“.

Soll der Auftritt die Blockade von Telegram erleichtern?

Manche vergleichen den Fall nun mit dem von Igor Girkin alias Strelkow, einem frühen Protagonisten der Landnahme in der Ostukraine 2014, der lange mit Putin-Kritik auffiel, nach dem Aufstand Jewgenij Prigoschins 2023 aber schließlich doch im Straflager landete. Oder gar mit diesem Milizenführer selbst, der bald nach seinem Aufbegehren mit seinem Flugzeug abstürzte.

Oppositionelle bezweifeln, dass Remeslo eigenständig seine Meinung geändert habe. Viele erklären den Vorfall mit der begonnenen Blockierung des Messengers Telegram, die schon seit Längerem für Unmut im Lager der sogenannten Z-Kriegsblogger sorgt. Diese sehen sich durch die geplante Ersetzung von Telegram durch den quasistaatlichen Messenger Max um Reichweite und Werbeeinnahmen gebracht. Eine Theorie dazu lautet, dass Remeslo nun nicht mehr, wie jahrelang, im Solde der Präsidialverwaltung stehe, sondern im Auftrag des Geheimdiensts FSB handele, der mit diesem verräterischen und publikumswirksamen Angriff eines langjährigen Loyalisten Putin dazu bringen wolle, Telegram rascher und entschlossener zu blockieren. So groß ist die Aufregung, dass auch das Machtlager den Fall nicht unkommentiert lassen kann.

Der Staatsfernseheinpeitscher Wladimir Solowjow sagte, bei einem langen Krieg wie dem aktuellen „halten bei manchen die Nerven nicht durch“ und Leute wie „dieser Jurist, der durchgedreht ist“, übernähmen dann „fremde Narrative“. Es herrsche ja nun Frühling, und dann „verschärfen sich Geisteserkrankungen“, behauptete Solowjow und wies raunend auf äußere Feinde: „Und vor diesem Hintergrund ist es so viel leichter, die psychisch Instabilen unter unseren Bürgern anzuwerben.“ In diesem Sinne meldeten russische Medien dann am Donnerstag, Remeslo sei in eine psychiatrische Klinik von Petersburg gebracht worden.