Ich will nicht in die Kita, Mama! – Gesellschaft

Es kommt der Moment in einer jeden Kolumne, wo man die Wahrheit sagen muss. Sich häuten, entblößen, unzeitgemäß sentimental werden.

Warum ich so dramatisch daherrede, was passiert ist? Ach, nichts und alles eigentlich: Ich habe mein Kind an einem Dienstagmorgen in die Kita gebracht. Nachdem meine vierjährige Tochter auffällig kooperativ ihren Schneeanzug angezogen hatte, saßen wir auffällig gut gelaunt mit Frühstück in der Straßenbahn, und für meine Verhältnisse blieb ich auch auffällig ruhig, als die Bahn 20 Minuten lang im Tunnel feststeckte, dann 30, irgendwann 40, ohne Perspektive auf Erlösung, aber mit dem Wissen, dass im Büro ein fast leeres Word-Dokument und ein unaufschiebbarer Text auf mich warteten.

Wird man in diesen kalten Breitengraden Mutter, wird einem von Tag eins an die Weisheit eingehämmert, dass dein Baby immer nur so entspannt ist wie du selbst, nur so tief schläft wie du selbst, sich nur in die Kita so gut eingewöhnt wie du selbst, ja auf dieser Welt nur so gut klarkommt wie du selbst, und diese Weisheit zieht sich weiter durchs Kleinkindalter, vielleicht sogar bis zu Pubertät und Erwachsenwerden, ich habe keine Ahnung, aber im Frühwarnsystem meiner Fantasie geht auch bei der Abiturfeier noch irgendwer mit der Entspannte-Mutter-entspannte-Kinder-Philosophie auf einen los. Aber ich schweife ab.

Jedenfalls hatten wir an besagtem Dienstagmorgen die Odyssee hinter uns gebracht, standen tatsächlich vor der Kita, und dann passierte das, was schon sehr, sehr lange nicht passiert war und mich unvorbereitet traf: Meine Tochter warf sich auf den Boden und rief, dass sie nicht in die Kita will, sie weinte und tat mir sehr leid. Ich wollte auch nicht in die Arbeit zu meinem fast leeren Word-Dokument und tat mir sehr leid, fing aber nicht an zu weinen, sondern trug mein nicht mehr so leichtes Kind zur Garderobe, was für alle anderen, mit Mützen und Schnullern hantierenden Eltern ziemlich unsouverän ausgesehen haben muss. Versuchte es dann zu trösten, wie es nur unentspannte Mütter tun, die gerne entspannte Mütter wären: Ich verstehe, dass du traurig bist/Es geht heute nicht anders/Ich muss arbeiten/Ich muss wirklich/Bitte versteh doch/Nächste Woche kann ich mir einen Tag freinehmen … Kein Erbarmen, herzzerreißendes Weinen.

Irgendwann nahm eine der sehr freundlichen Erzieherinnen meine Tochter auf den Arm und ging mit ihr in den Gruppenraum. Im Büro angekommen, war ich komplett durchgeschwitzt, durchnässt von schlechtem Gewissen, und im Grunde zu nichts mehr fähig.

Außer zu destruktiven Gedanken: Wärst du doch ruhiger geblieben, hättest du sie nicht hoch auf den Arm gezogen wie ein Baby, wärst du gleich zu Hause geblieben, hättest du wärmer mit ihr gesprochen, wärst du doch nicht wieder gescheitert. Im Leben eines arbeitenden Elternteils gibt es fast nichts, was einen so sehr zerreißt wie ein Kind, das von einem auf den anderen Moment nicht in den Kindergarten gehen will. Außer vielleicht ein wegen Personalmangel geschlossener Kindergarten.

Eine Mail ploppte auf und riss mich aus meinen Gedanken, die Kita: Ihre Tochter sitzt jetzt beim Frühstück und ist happy. Dann fing ich an zu arbeiten.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.