Hyracotherium: Das Urpferd war kein Pferd – Wissen

Um in uralten Fossilien die Vorfahren heutiger Tiere zu erkennen, dafür braucht es generell einiges an Fantasie. Für das Hyracotherium gilt das ganz besonders. Das sogenannte Urpferd wurde erstmals 1841 wissenschaftlich beschrieben und lebte bereits vor etwa 56 Millionen Jahren in Europa, Asien und Nordamerika. Was es auf den ersten Blick mit Pferden gemein hat? Es hatte vier Beine und lief auch auf allen Vieren. Ansonsten fallen vor allem Unterschiede auf. Das Hyracotherium war zum Beispiel nicht viel größer als eine moderne Hauskatze. Die Zähne waren noch nicht an den Verzehr von Gras angepasst. Und Hufe hatte es auch keine, stattdessen jeweils vier Zehen an den vorderen Beinen und drei an den hinteren. Damit gehörte es zumindest zur biologischen Ordnung der Unpaarhufer, so wie heutige Pferde auch.

Wie genau das Hyracotherium in den Stammbaum der Pferde einzuordnen ist, da gehen die Meinungen in der Forschung auseinander. Doch nun legt eine Stammbaum-Analyse der beiden Paläontologen Jérémy Tissier und Thierry Smith vom belgischen Institut für Naturwissenschaften in Brüssel nahe, die Bezeichnung Urpferd lieber aufzugeben. Denn wie die zwei Forscher in der Wissenschaftszeitschrift PNAS berichten, ist das Hyracotherium wohl nicht nur gar kein direkter Vorfahr der Pferde. Sondern es ist auch nicht einmal besonders nahe mit heutigen Pferden verwandt – zumindest nicht näher als auch mit heutigen Tapiren und Nashörnern.

Die Evolution der Unpaarhufer ist ein schwieriges Forschungsfeld. Denn die allermeisten der einst mehr als 300 verschiedenen Gattungen von Unpaarhufern sind ausgestorben. Heute existieren nur noch sechs: Pferde, Tapire sowie vier Nashorngattungen (Breit- und Spitzmaulnashörner, Dicerorhinus und Rhinoceros). Das macht es schwierig, den Stammbaum der Tiere mit Gen-Analysen zu erforschen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind stattdessen hauptsächlich auf Fossilien angewiesen, denen man aufgrund ihres Alters in der Regel kein Erbgut mehr entnehmen kann. Hinzu kommt, dass sich bei Unpaarhufern schwer nachvollziehen lässt, welche Tierarten und Gattungen zuerst existierten. Die großen Gruppen traten den Fossilien zufolge alle mehr oder minder gleichzeitig auf.

Auch die in Hessen gefundenen Urpferde sind keine Vorfahren heutiger Pferde

Tissier und Smith untersuchten für ihre Rekonstruktion Fossilien von 71 verschiedenen Arten früher Unpaarhufer auf 101 unterschiedliche anatomische Merkmale. Der Stammbaum, den sie zeichnen, hat etwas weniger Verästelungen als gängig: Einige bislang voneinander unterschiedene Gattungen seien eigentlich identisch, schreiben die Forscher in PNAS. Damit ist das Bild noch immer reichlich kompliziert, doch der Überblick fällt etwas leichter.

Insgesamt deuteten ihre Ergebnisse darauf hin, dass die ersten Unpaarhufer in Asien entstanden sind, und sich rasant über die nördliche Erdhalbkugel ausbreiteten, so Tissier und Smith. Das vermeintliche Urpferd Hyracotherium sei tatsächlich als einer der ursprünglichsten Vertreter dieser Ordnung anzusehen: Seine Linie spaltete sich bereits ab, bevor sich die evolutionären Linien von Hippomorphen wie den heutigen Pferden sowie von Tapiromorphen trennten. Zu letzteren gehören laut dem Stammbaum unter anderem die Ceratomorphen wie die heutigen Tapire und Nashörner. Das bedeutet: Hyracotherium wäre demnach zwar mit allen diesen noch lebenden Unpaarhufern verwandt, aber nicht ihr direkter Vorfahr, sondern eher ein sehr weit entfernter Uronkel.

Nicht ganz so weit entfernt, aber ebenfalls kein direkter Vorfahr heutiger Pferde ist laut dem neuen Stammbaum auch Eurohippus messelensis. Fossilien dieses 48 Millionen Jahre alten Tieres waren in der Grube Messel bei Darmstadt gefunden worden. Tissier und Smith zufolge gehören sie nicht zu den Pferdeartigen, wenngleich immerhin zu den Hippomorphen, also den Pferdeverwandten. Wenn Hyracotherium also ein entfernter Uronkel ist, dann wäre Eurohippus immerhin ein entfernter Onkel. Doch damit hat die Verwandtschaft auch schon ihr Ende.