Humanitäre Hilfe: Die stillen Opfer des Krieges

Das Letzte, was Moamen Mohammed jetzt brauchen kann, sind Probleme mit Palette 53000. Die Palette mit dieser Liefernummer liegt seit Wochen in einer Lagerhalle der „Internationalen Humanitären Stadt“. Darauf gestapelt sind Kartons mit Penicillin, Ciprofloxacin, Zink, Heilsalben, Verbandsmaterial. Gesamtwert: rund 20.000 Dollar.

Das ist nicht mehr als ein Sandkorn in den Bergen von Hilfsgütern, die im weltweit größten humanitären Logistikzentrum in Dubai auf den Weitertransport in Krisengebiete warten. Aber es ist ein Sandkorn, das über das Leben von rund 6.000 Kindern im Jemen entscheiden kann.

Dort organisiert der Ägypter Moamen Mohammed, 39, Programmleiter bei der Hilfsorganisation Save the Children, den Nachschub für mehrere Kliniken. Penicillin und Ciprofloxacin sind Antibiotika, Zinktabletten stärken das Immunsystem, die Salben helfen bei Hauterkrankungen. Der Jemen ist ein Dauerkrisengebiet. „Die Kinder sind unterernährt, haben kaum noch Abwehrkräfte“, sagt er in einem WhatsApp-Gespräch, den Ärzten gingen bald die Arzneimittel aus. Das Letzte, was er jetzt also brauchen kann, sind Lieferprobleme mit Palette 53000.

Wenn in Deutschland von den globalen Folgen des Irankrieges die Rede ist, denken die meisten an hohe Benzinpreise. In vielen Ländern Afrikas, Asiens und des Mittleren Ostens fürchten die Menschen Hunger und Epidemien. Denn durch die Straße von Hormus werden in normalen Zeiten nicht nur 20 bis 25 Prozent des weltweiten Verbrauchs von Öl und Gas transportiert, sondern auch Hunderttausende Tonnen an Getreide, Milchpulver, Tabletten, Infusionen, Flüchtlingszelten und Trinkwasseranlagen. Das liegt daran, dass die Herrscherfamilie der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) als Teil ihrer Soft-Power-Strategie in Dubai mit der „International Humanitarian City“ ein riesiges Logistik-Zentrum für die UN und NGOs aufgebaut hat. Es erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 20 Fußballfeldern. Zum Flughafen Al-Maktum und zum Seehafen Dschabal Ali sind es nur wenige Minuten. Beste Lage für Noteinsätze in aller Welt.

Den höchsten Preis zahlen die Schwächsten

So dachte man jedenfalls bis zum 28. Februar, als die USA und Israel den Iran angriffen. Der attackiert seither nicht nur israelische Städte, sondern auch die Infrastruktur seiner arabischen Nachbarn am Golf und blockiert die Straße von Hormus. Militärisch ist der Iran den USA und Israel zwar klar unterlegen. Das Regime in Teheran hat aber die Weltwirtschaft als Geisel genommen – und das System der humanitären Hilfe. Den höchsten Preis zahlen die Schwächsten: weil von der Blockade der Straße von Hormus auch die Humanitäre Stadt in Dubai betroffen ist. Und weil für Millionen Menschen weltweit Nahrung und Treibstoff unbezahlbar zu werden drohen.

Sollte der Krieg bis zum Sommer anhalten, prognostiziert das Welternährungsprogramm der UN (WFP), dass weitere 45 Millionen Menschen in ein Leben mit akutem Hunger abrutschen. Besonders betroffen sind Kinder unter fünf Jahren, die in ausgezehrtem Zustand schnell an Krankheiten sterben, die eigentlich behandelbar sind.

Das Schiff mit Palette 53000 braucht unter normalen Umständen drei Wochen von Dschabal Ali bis in den Hafen von Aden. Weil der Seeweg versperrt ist, müssen die Medikamente jetzt aber auf Lastwagen umgeladen und über den Oman in den Jemen gefahren werden. „Das kostet uns das Doppelte, rund 12.000 Dollar“, sagt Moamen Mohammed. Auf dem Landweg dauert es zwar genauso lang, ist bei solchen Entfernungen aber fast immer teurer – auch wegen massiv gestiegener Preise für Treibstoff seit Kriegsbeginn. Geld, mit dem er sonst Hilfsgüter kaufen könnte, muss Mohammed jetzt für Benzin drauflegen.

Montag dieser Woche, Tag 22 des Irankrieges, ein Videoanruf bei der WFP-Zentrale in Rom. Auf dem Monitor erscheint Corinne Fleischer, die Direktorin für globale Logistik. „In Notsituationen innerhalb von drei Tagen vor Ort – das ist unser Mantra“, sagt sie. Das funktioniert, solange die regionalen Nachschubzentren des WFP regelmäßig aufgefüllt werden. Vor allem über den Seeweg.

Und jetzt? Jetzt muss die Schweizerin mit ihrem Team rund um die Uhr nach Schlupflöchern und Schleichwegen in einem weltweiten Transportsystem suchen, das zunehmend ins Chaos gerät. Kommt der weltweite Schiffsverkehr an einer Stelle ins Stocken, führt das zu einer globalen Kettenreaktion. Wenn Öltanker und Frachter die Häfen in Katar, Saudi-Arabien oder den VAE nicht anfahren können, blockieren sie Anlegeplätze in Rotterdam, Singapur oder Port Elizabeth, verzögern die Fahrten anderer Schiffe und das Be- und Entladen von Containern, die längst anderswo eingeplant sind. „Selbst wenn der Krieg morgen aufhören würde“, sagt Fleischer, „wird es Monate dauern, bis das System wieder normal läuft.“ Seit Wochen stecken sie und ihr Team in Verhandlungen mit Reedereien und Häfen, feilschen und bitten darum, humanitäre Lieferungen schnell abzufertigen und Zuschläge auf Lagerkosten zu erlassen.

Fleischer arbeitet seit 26 Jahren beim WFP und hat Hilfsmissionen im Sudan, in der Ukraine, Syrien und Gaza geleitet. Aber diese Krise sei schon „ziemlich absurd“, sagt sie mit dem diplomatischen Understatement von UN-Vertretern, die es gewohnt sind, dass Kriegsparteien ihnen die von ihnen angerichteten humanitären Desaster überlassen.