Corona ist vorbei, aber die Stimmung vor Ort ist so miesepetrig, dass es Horst Schlämmer, Chefredakteur des „Grevenbroicher Tagblatts“ nicht mehr aushält. Als auch noch seine Stammkneipe, der „Wilddieb“, schließt, macht sich Schlämmer mit einer jungen Social-Media-Mitarbeiterin auf die Suche nach dem Glück – wie einst Herr Rossi. Und wenn der Film über die Glückssuche auch ins Kino kommt, so die Wette mit dem Ex-Wirt, wird auch die Stammkneipe wieder geöffnet.

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Das ist die etwas dünne Ausgangslage für das Roadmovie „Horst Schlämmer sucht das Glück“, mit dem Hape Kerkeling seine Kultfigur zum zweiten Mal auf die Leinwand bringt, aufgepeppt mit satirischen Miniaturen über das deutsche Unterhaltungsfernsehen. Denn Schlämmer ist glühender Verehrer der Schauspielerin Gabi Wampel (Tahnee Schaffarczyk), deren Wirken im Fernsehen er verfolgt. Und so schlüpft Kerkeling nicht nur in die „Schlämmer“-Rolle, sondern ist auch eine Art „Guldenburg“-Pferdepfleger, „Traumschiff“-Gast, afrikanischer Farmer und vieles mehr. Der Film startet am Donnerstag.
AZ: Herr Kerkeling, erinnern Sie sich noch an Ihre erste Erwähnung in der Lokalpresse?
HAPE KERKELING: Natürlich. Das war in der „Recklinghäuser Zeitung“. Mit 14 Jahren belegte ich mit vier Schulkameraden beim Bundeswettbewerb Deutsche Geschichte den fünften Platz. Unser Thema war „Freizeit im Wandel“, und wir gewannen sage und schreibe 250 Mark. Und was macht man als sein eigener PR-Berater? Ich rief bei der Redaktion an, posaunte den Erfolg hinaus und keine zwei Stunden später stand der Reporter vor der Tür. Die Pointe der Geschichte: Unser Nachbargymnasium hatte den ersten Platz belegt. Aber weil sie sich nicht so großkotzig nach vorne gedrängt hatten wie ich, blieben sie ohne Foto in der Zeitung.
Und der Reporter war so eine Art Horst Schlämmer?
Exakt. Ein Macher im Trenchcoat – einer, der die Sache im Griff hat.
Beruht Schlämmer auch auf traumatischen Erfahrungen mit der Presse?
Absolut. Das sind all diese Lokalreporter, denen ich begegnen durfte, wenn ich damals mangels großer Säle in Turnhallen zwischen Ransbach-Baumbach und Bergisch-Gladbach aufgetreten bin. Dort traf ich auf diese Figuren, die im Kern diesen „Schlämmer-Spirit“ atmeten.

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Sie haben Horst Schlämmer vor Jahren in Interviews beerdigt und gesagt, er sei aus der Zeit gefallen. Nun ist er wieder auferstanden.
Man hätte es dabei belassen können, aber ich empfand die Rückkehr als notwendig. Als Horst 2009 in „Isch kandidiere!“ in den Wahlkampf zwischen Frau Merkel und Herrn Steinmeier stolperte, war Politik noch ein vergleichsweise amüsantes und eher träges Geschäft. Horst wirkte damals schrill, bunt und nahm den Mund voll. Im Jahr 2026 ist die Politik jedoch ein hochgradig toxisches Metier geworden. Vor diesem Hintergrund wirkt Horst mit seiner herausfordernden Art nahezu zutraulich. Was man früher an ihm als extrem empfand, geht heute fast als verbindliches Auftreten durch.
„Ganz Deutschland hat Rücken – aber im Gesicht“, sagt Horst Schlämmer und will etwas dagegen unternehmen.
Horst fungiert als der notwendige Stimmungsaufheller, gerade weil er im Kern ein durch und durch demokratischer Charakter ist. Er begegnet jedem auf Augenhöhe – ob das nun die Domina im SM-Studio ist, Herr Söder oder Kardinal Woelki. Für ihn ist das alles ein und dasselbe Biotop.
Ist gute Stimmung für Sie politisch?
Es hat schon seinen Grund, warum immer wieder dieser berühmte Glücksindex erhoben wird. Welches Land ist das glücklichste? Letztlich ist das auch ein Kampf der Systeme. Denn man analysiert genau, welche Politik in den glücklichsten Nationen betrieben wird. Oft gewinnen die Finnen – auch wenn sich das durch die Lage in Russland gerade verschieben mag.
Und was machen die Finnen richtig?
Man begegnet sich auf Augenhöhe, bekämpft die Armut konsequent und strebt nach sozialer Gleichheit. All das führt nachweislich zu einer höheren Lebenszufriedenheit.

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Horst Schlämmer fährt in diesem Roadmovie durch Deutschland und interviewt Menschen – auch den im Film arroganten Erfolgsschriftsteller Hape Kerkeling. Wie weit mussten Sie sich von Ihrem wahren Selbst entfernen, um diesen Kerkeling zu spielen?
Sagen wir es so: Ich habe mich neu ausgeleuchtet. Dabei habe ich Facetten an mir entdeckt, die mir bisher fremd waren. Es hat großen Spaß gemacht, diese Seite auszuspielen – auch wenn ich behaupte, dass die Figur weit von meinem Selbst entfernt ist.
Das Roadmovie wird unterbrochen durch eine parodistische Nummernrevue über die vorgeblich heile Welt des deutschen Unterhaltungsfernsehens, weil Schlämmer gerne seiner Lieblingsschauspielerin im TV folgt.
Wir haben uns hier von der ursprünglichen Planung gelöst. Die Idee, die deutsche Fernsehlandschaft von 1950 bis 1990 als nostalgischen Wohlfühlfaktor abzubilden, entstand erst im Laufe des Prozesses.
Herr Söder drängt sich einem via Social Media ja geradezu auf
Diese Einspieler lockern Horst Schlämmers Deutschlandtour auf, machen das Vergnügen aber erheblich teurer. Wo wurde denn die afrikanische Dschungelklinik gedreht?
In Afrika natürlich.
Und in der Realität?
Mein größenwahnsinniger Regisseur Sven Unterwaldt und ich als der mindestens ebenso größenwahnsinnige Hauptdarsteller hatten die Vorstellung, dass wir unbedingt vor Ort in Afrika drehen müssten. Als wir daraufhin in die leeren Augen der Produzenten blickten, sagten wir: „Gut, wir sind zu einem Kompromiss bereit.“ Und ich finde, wir haben uns durchgesetzt: Wir haben dann in der Nähe von Hamburg gedreht. Nirgendwo in Deutschland ist die Ähnlichkeit mit der afrikanischen Savanne so frappierend wie im Hamburger Umland.
In einer Szene, in der Sie eine Lehrerin spielen, zieht Tahnee Schaffarczyk den Stuhl durchs Klassenzimmer. Ich habe dieses Geräusch seit Jahrzehnten nicht mehr gehört, aber erschaudernd sofort wiedererkannt.
Das ist meine Lieblingsszene. Mit meiner geschätzten Kollegin Tahnee hatte ich allerdings ein Problem: Ich habe selten mit jemandem zusammengespielt, der so unfassbar komisch ist. Und diese Nummer mit dem Stuhlschieben hat sie so genüsslich ausgekostet, dass unser Kameramann an den Rand der Verzweiflung getrieben wurde.
Aus Münchner Sicht gesprochen: Fällt Ihnen auf der Suche nach dem bayerischen Glück nicht Besseres ein, als den Löwen in der Bayerischen Staatskanzlei zu besuchen?
Herr Söder drängt sich einem via Social Media ja geradezu auf. Und wenn in Bayern, wie er stets betont, alles so viel besser ist, dann kann Horst Schlämmer ja wohl mal nachfragen, woran das liegt. Wir haben bei Herrn Söder angefragt und er hat umgehend zugesagt. Tatsächlich gibt es zwischen ihm und mir mehr Sympathien, als man von außen vermuten würde.
Die „Apotheken Rundschau“ gibt positive Energie
Das Interview ist gedreht worden, bevor Sie den Ehrenpreis des Ministerpräsidenten beim Bayerischen Buchpreis erhielten?
Ja, weit davor. Und falls Sie mir völlig zu Recht Kungelei unterstellen wollen: Die Entscheidung für den Preis stand bereits fest, noch bevor ich die Anfrage für den Dreh gestellt habe.
Der erste „Horst Schlämmer“-Kinofilm kam 2009 bei der Kritik eher mäßig an, hatte aber 1,3 Millionen Zuschauer.
Für so eine Resonanz nimmt man ein paar schlecht gelaunte Kritiken gerne in Kauf. Am Ende ist mir das Urteil des Publikums wichtiger als das der Feuilletons. Ich bin Unterhalter und möchte, dass meine Arbeit mit guter Laune konsumiert wird.
Wie bleiben Sie eigentlich durch Journalismus informiert, ohne sich die Laune zu verderben?
Ich lese sehr gerne die „Apotheken Umschau“.
Warum?
Weil dieses Blatt mir helfen will. Die Redaktion dort will mich gesund und munter sehen – da schwingt nichts Negatives mit.
Und wie halten Sie es mit der Weltpolitik?
Es versetzt mich in Erstaunen, dass Menschen an die Schalthebel der Macht gelangen, die offenkundig dümmer sind als ich. Das betrübt mich. Es ist eine verkehrte Welt. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass ich selbst ans Ruder möchte – nur, dass diese Leute dort nichts verloren haben. Ich weigere mich jedoch, zuzulassen, dass die Nachrichtenlage meine Grundstimmung vergiftet. Ich sehe es als unsere Aufgabe, uns gegen diese Zustände zu wehren. Vielleicht ist dies eine Zeit, in der wir uns alle wieder lebendiger fühlen müssen. Möglicherweise haben wir zuvor in einem Dornröschenschlaf gedämmert und geglaubt, die Demokratie käme einfach so aus der Steckdose. Das tut sie nicht mehr. Sie ist in Gefahr, und wir müssen aktiv an ihrem Erhalt arbeiten. Das erfordert Fleiß, Kampfgeist und vor allem Durchhaltevermögen.
