Was haben ein Supermarkt, ein Gefängnis und eine Fabrik gemeinsam? Sie alle sind Funktionsgebäude, in denen sich Menschen in der Regel zu einem Zweck aufhalten, den sie nicht selbst bestimmt haben. Im Gefängnis landet man als Insasse gegen seinen Willen, im Supermarkt und in der Fabrik verrichtet die Belegschaft ihren Dienst, ohne diesen groß selbst gestalten zu können. Raum für Missbrauch aller Art bieten sie ebenfalls.
Solche Orte bieten den Rahmen der Handlung für drei recht unterschiedliche Filme aus Indonesien beziehungsweise Japan, die auf der 76. Berlinale vorgestellt werden. Ihre größte Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie zum Genre des Horrorfilms gehören: Der japanische Film „Anymart“ und die in Indonesien gedrehten Filme „Ghost in the Cell“ und „Monster Pabrik Rambut“ („Sleep No More“) sind nicht zimperlich, wenn es um Gewaltdarstellungen geht.
Das tun sie aber nicht als Selbstzweck. Sie erzählen von gesellschaftlichen Missständen wie Entfremdung, Korruption oder Ausbeutung, das bloß auf drastische Weise.
„Anymart“ ist das Spielfilmdebüt des Regisseurs Yusuke Iwasaki, zu sehen in der Sektion „Forum“. Als Hauptfigur steht der Supermarktangestellte Sakai (Shota Sometani) darin stoisch hinter einer Registrierkasse und antwortet ohne erkennbare Anteilnahme auf die Fragen von Kunden, sofern sie überhaupt mit ihm sprechen.
„Anymart“ (Forum):
14. 2., 9.30 Uhr, Cubix 8
18. 2., 22 Uhr, Bluemax Theater
22. 2., 20.30 Uhr, Delphi
„Ghost in the Cell“ (Forum):
14. 2., 15.15 Uhr, Cubix 8
20. 2., 21.30 Uhr, Bluemax Theater
22. 2., 13.30 Uhr, Cubix 8
„Monster Pabrik Rambut“ (Berlinale Special):
14. 2., 18.15 Uhr, Uber Eats Music Hall
15. 2., 20.30 Uhr, HdBF
18. 2., 20.30 Uhr, Cinemaxx 6
20. 2., 21.30 Uhr, Zoo Palast 1
22. 2., 15.15 Uhr, Colosseum 1
In kalten Farben leuchtet die Filiale der titelgebenden Kette Anymart, wie es sich für einen Transitort gehört. Kunden verweilen dort ungern, es sei denn, sie sind Rentner mit viel Zeit und wenig persönlichem Umgang. Im Hintergrund läuft dazu in Dauerschleife ein penetranter Jingle mit Musik, der geeignet erscheint, einen in den Wahnsinn zu treiben.
Zombiegleich schleichen die Mitarbeiter herum
Das Geschäft wird vom Marktleiter (Masahiko Nishimura) nach strengen, zugleich recht schrillen Maßstäben geleitet. So müssen die Angestellten jeden Morgen ein Gelöbnis herunterbeten, dass sie den Kunden mit Freundlichkeit begegnen. Eigeninitiative hingegen wird sanktioniert. Zombiegleich schleichen die Mitarbeiter mit ausdrucksloser Miene zwischen den Regalen hindurch, in den Pausen lästert man übereinander, ihre Gesichter bekommen dann etwas Fratzenhaftes. Sein „eigenes“ Leben scheint von ihnen niemand wirklich zu leben.
Nachdem Sakai eines Tages einen der Mitarbeiter erhängt in einem Hinterzimmer des Markts vorfindet, beginnt die scheinbare Ordnung sich langsam aufzulösen. Hatte Iwasaki den Film zunächst im Ton einer absurden Komödie gehalten, streut er nach diesem Schrecken mehr und mehr irritierende Details ein.
Sakai zum Beispiel trifft sich regelmäßig über Dating-Apps mit Frauen im Café. Eine der Frauen zeigt ihm minutenlang Fotos ihrer Katze, um irgendwann beiläufig zu erwähnen, dass sie vor Jahren gestorben sei. Bei einem anderen Treffen macht die Frau, mit der Sakai über seine Arbeit spricht, eine kryptische Bemerkung, dass „es in Supermärkten zu kippen beginne“. Was das bedeuten soll, erfährt Sakai später auf krassem Weg.
„Anymart“ bietet bis zum Schluss viel Witz, selbst wenn das dahinter schlummernde Grauen sich ganz allmählich in den Vordergrund schiebt und alles zu beherrschen scheint. Den stoischen Optimismus von Sakai kann das nicht erschüttern. Waren werden schließlich weiter gekauft.
Korruption in warmen Farben
Gegen die bewusst blasse Optik von „Anymart“ setzt der ebenfalls im Forum laufende indonesische Film „Ghost in the Cell“ von Joko Anwar warme Farben mit freundlicher Sepiatönung. Freundlich geht es in dieser Gefängniskomödie um Geister und Korruption jedoch nur sehr eingeschränkt zu. Der Journalist Anggoro (Abimana Aryasatya) landet in einer Haftanstalt zwischen Mördern und Betrügern, nachdem sein Chef tot in seinem Büro aufgefunden wurde.
Anggoro hat ihn als Letzter lebend gesehen, man trennte sich im Streit, weil der Chef einen Artikel von Anggoro wutentbrannt abgelehnt hatte. Die Todesumstände des Chefs sind allerdings von so ungewöhnlicher Art, dass Anggoro kaum als Täter in Frage kommt.
Im Gefängnis landet er schnell in einer Gruppe von Häftlingen, die sich geringfügiger Vergehen strafbar gemacht haben und sich seiner annehmen. Denn der noch junge Anggoro mit seinem sanften Aussehen erregt sofort das Interesse der Häftlinge, denen der Sinn nach „Frischfleisch“ steht.
Darunter ein mörderischer Psychopath, mit dem Anggoro sich obendrein die Zelle teilen soll. Man fürchtet, dass der Neuankömmling keine Nacht überstehen wird. Statt Anggoro ist es jedoch der Psychopath, der kurz darauf tot in der Dusche endet. Der Zustand der Leiche erinnert an den ermordeten Zeitungschef von Anggoro.
Komfortable Unterbringung
Der Regisseur Joko Anwar nutzt das raue Knastsetting und den gewaltbegleiteten Grusel, um von Korruption in der Gesellschaft Indonesiens zu erzählen. Die Gefängnisverwaltung schildert er als Erfüllungsgehilfen von reichen Eliten, die in einem anderen Gefängnistrakt sehr komfortabel untergebracht sind und dem Direktor, stets höflich, ihre Weisungen erteilen. Dass sie im Gefängnis einsitzen, liegt einerseits daran, dass sie ernsthaft straffällig geworden sind, andererseits hinter Gittern aber auch sicherer leben können als in Freiheit.
Als Störfaktor dringt eine Kraft in dieses System ein, die für „Ordnung“ sorgt, sogar im Dienste der Gerechtigkeit. Diese Kraft wird, ohne zu viel verraten zu wollen, gleichwohl zur Bedrohung für alle im Gefängnis. Wie sie der Bedrohung im Einzelnen und als Gruppe begegnen, ist am Ende entscheidend für das Überleben aller. „Ghost in the Cell“ mag seine blutigen Bilder zwar comicartig grell inszenieren, aber er erzählt auf durchaus witzige Art von Dingen wie Solidarität und Zusammenhalt. Die zutiefst moralische Haltung schmälert das Vergnügen keinesfalls.
Der andere Horrorfilm aus Indonesien, „Monster Pabrik Rambut“ („Sleep No More“) des Regisseurs Edwin in der Sektion „Berlinale Special“, ist allenfalls mit viel Sinn für schwarzen Humor als Komödie zu verstehen. Doch auch in ihm sind übernatürliche Kräfte im Spiel, die den Figuren das Leben schwer machen.
Zwei Schwestern beginnen in einer Fabrik zu arbeiten, in der ihre Mutter angestellt war. Sie habe sich umgebracht, heißt es. Das bezweifeln Putri (Rachel Amanda) und Ida (Lutesha) allerdings. Denn die Fabrikbesitzerin Maryati (Didik Nini Thowok) lässt ihre Angestellten exzessive Überstunden machen, was zu Arbeitsunfällen mit unappetitlichen Körperverletzungen und Todesfällen führt.
Um nicht zu viel vorwegzunehmen: Putri und Ida stoßen auf ein haariges Geheimnis. Ein Happy End ist da nichtsdestotrotz immer noch möglich. Ein Ende der Ausbeutung scheint gleichermaßen in Aussicht.
