Hormonfreie Verhütung: Ist die Skepsis bei Antibabypille und Co. berechtigt? – Gesundheit

„Ich wollte unbedingt von den Hormonen wegkommen, weil sie mein psychisches Wohlbefinden beeinträchtigen“, sagt Jasmin Hoppe in die Kamera, während sie ihre langen Haare zu einem Pferdeschwanz bindet. Hoppe ist Influencerin, Hunderttausende Menschen folgen ihr auf den Social-Media-Plattformen Tiktok und Instagram. Unter dem Hashtag „pilleabsetzen“ berichtet sie, wie sie nach zwölf Jahren aufgehört hat, hormonell zu verhüten. Ihre Haut sei seither schon schlechter geworden, sagt sie, die sonst hauptsächlich Mode- und Beauty-Inhalte postet. Das Wichtigere jedoch: Dieser Schleier an negativen Gedanken sei endlich weg.

In sozialen Medien sind Hunderttausende Beiträge zu hormonellen Verhütungsmitteln zu finden. Viele davon sind persönliche Erfahrungsberichte. Und in vielen kommt die Pille nicht gut weg. Nicht wenige junge Frauen sorgen sich um ihre psychische Gesundheit unter der Pilleneinnahme und fühlen sich gleichzeitig von Frauenärztinnen und Frauenärzten zu hormonellen Verhütungsmitteln gedrängt. Zu Recht?

Hormonelle Verhütungsmittel wie Pille, Hormonspirale, Verhütungsstäbchen, Verhütungspflaster, Vaginalring und Dreimonatsspritze sollen durch künstlich hergestellte Hormone eine Schwangerschaft verhindern, indem sie hauptsächlich den Eisprung unterdrücken. Wer von der Pille spricht, meint meistens sogenannte Kombi- oder Mikropillen, die eine Kombination aus zwei Hormontypen enthalten: Östrogen und Gestagen. Allein in Deutschland sind mehr als 50 verschiedene Mikropillen-Varianten erhältlich.

Zur Markteinführung in den 1960ern feierten viele Frauen die Antibabypille als Befreiungsschlag, als große Hilfe für eine selbstbestimmte Sexualität. Endlich konnten Frauen ihre Familienplanung selbst in die Hand nehmen und mussten sich nicht mehr allein auf unsichere Verhütungsmethoden verlassen. Doch schon früh sorgten sich Frauen wie manche Experten auch über mögliche Nebenwirkungen: „Berichte darüber, dass sich die Antibabypille auf die Stimmung auswirkt, kursierten bereits damals“, sagt die Psychologin Belinda Pletzer, die an der Universität Salzburg dazu forscht, wie die hormonelle Verhütung im Gehirn der Anwenderinnen wirkt.

Die Pille hat sich durchgesetzt, wurde millionenfach verschrieben; doch in den vergangenen Jahren stieg die Aufmerksamkeit für körperliche und psychische Nebenwirkungen. Heute begegnen junge Menschen hormonellen Verhütungsmethoden zunehmend mit Skepsis. Ließen sich 2015 noch 43 Prozent der unter 22-jährigen Frauen und Mädchen die Antibabypille verschreiben, so waren es 2024 nur noch 22 Prozent. Das geht aus einer Analyse des AOK-Bundesverbands hervor. Für gesetzlich versicherte Mädchen und Frauen unter 22 Jahren übernimmt die Krankenkasse die Kosten für verschreibungspflichtige Verhütungsmittel. Doch trotz der Kostenübernahme ist seit 2023 das Kondom wieder das am häufigsten gewählte Verhütungsmittel unter Erwachsenen in Deutschland, zuvor war es 16 Jahre lang die Pille. Das geht aus Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hervor.

Warum die Zahlen zurückgehen, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Vieles deutet darauf hin, dass die wachsende Skepsis gegenüber hormonellen Verhütungsmitteln auch mit der gesteigerten Aufmerksamkeit für die Nebenwirkungen zu tun haben könnte: Fast zwei Drittel der sexuell aktiven Menschen zwischen 16 und 25 Jahren befürchtet „negative Auswirkungen auf Körper und Seele“ bei hormoneller Verhütung, zeigt eine Umfrage der BZgA aus dem Jahr 2024. Dabei äußern sich junge Frauen, die direkt von möglichen Nebenwirkungen betroffen sind, besorgter als junge Männer. Mehr als die Hälfte der Befragten bezweifelt außerdem, dass die Pille oder andere hormonelle Verhütungsformen über Jahre unbedenklich angewendet werden können.

„Die jungen Frauen und Mädchen haben heute mehr Körperbewusstsein und einen Wunsch nach mehr Natürlichkeit. Und für viele sind Hormone etwas, das sie dem Körper nicht künstlich zuführen wollen“, sagt Kai J. Bühling, Frauenarzt und Gynäkologischer Endokrinologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Viele Frauen kommen heute deutlich informierter in die Frauenarztpraxis als noch vor zehn oder zwanzig Jahren“, sagt auch Cornelia Hösemann, niedergelassene Gynäkologin nahe Leipzig und Vorstandsmitglied im Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte. Das sei erst einmal eine gute Sache. Doch viele Informationen, die im Internet zur Antibabypille kursierten, seien falsch oder verzerrt, kritisiert Hösemann.

Junge Frauen und Mädchen nutzen zunehmend soziale Medien, um sich über Verhütung zu informieren. Auf Instagram oder Tiktok ist allerdings ein Überhang an negativen Erfahrungsberichten über hormonelle Verhütung zu finden, wie eine BZgA-Studie nahelegt. „Wir Frauenärzte müssen vieles, was in den sozialen Medien überdramatisiert wird, wieder geraderücken“, sagt Bühling.

In seiner Sprechstunde, so Bühling, rede er niemandem die Antibabypille oder Hormonspirale ein. Aber er versuche seinen Patientinnen klarzumachen: Hormonelle Verhütungsmittel gehören nach wie vor zu den verlässlichsten, um eine ungewollte Schwangerschaft zu vermeiden. Zudem könnten manche Frauen mit bestimmten hormonellen Störungen wie Prämenstruales Syndrom (PMS) oder Endometriose sogar von der hormonellen Verhütung profitieren, weil sie die hormonellen Schwankungen weniger spüren oder sogar ihre Fruchtbarkeit besser erhalten werden könnte.

Psychologin Pletzer hält es für gefährlich, wenn Frauen wegen verzerrter oder falscher Informationen die hormonelle Verhütung ablehnen, obwohl die Mittel ihnen helfen könnten. Die Sorge um psychische Belastung sei berechtigt, nur müsse man die individuelle Situation der Frau berücksichtigen. Immerhin, betont Pletzer, könne auch eine ungewollte Schwangerschaft Frauen psychisch belasten.

Etwa vier bis maximal zehn Prozent der Pillennutzerinnen sind anfällig für depressive Symptome

Wie zuverlässig Verhütungsmittel vor einer Schwangerschaft schützen, sei bei vielen jungen Frauen allerdings gar nicht mehr das wichtigste Anliegen, wenn sie sich zu Verhütungsmitteln beraten lassen. Viele hätten Sorge um ihre Gesundheit unter der Pilleneinnahme, so Bühling. Häufige Themen in seiner Sprechstunde: Thrombose-, Brustkrebs- und Depressionsrisiko.

Diese vermehrte Aufmerksamkeit auf die Folgen für die Psyche begann aus Sicht von Belinda Pletzer bereits im Jahr 2016, als eine dänische Registerstudie für Aufregung sorgte. Aus den Daten von etwa einer Million Frauen ging hervor, dass jene, die hormonell verhüteten, ein um 23 Prozent erhöhtes Risiko hatten, später Antidepressiva verschrieben zu bekommen. Mädchen und junge Frauen zwischen 15 und 19 Jahren, die Pillennutzerinnen waren, bekamen der Studie zufolge sogar um 80 Prozent öfter später Antidepressiva verschrieben. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) ordnete an, dass fortan alle Beipackzettel von hormonellen Verhütungsmitteln einen Warnhinweis auf Depression und Suizidgedanken enthalten müssen. Doch Fachleute kritisierten das Design der dänischen Studie: Sie könne eigentlich keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Pille und der psychischen Gesundheit der Frauen belegen.

Placebo-kontrollierte Studien, bei denen die untersuchten Teilnehmerinnen nicht wussten, ob sie eine Pille aus Zucker oder mit Hormonen einnahmen, lieferten widersprüchliche Ergebnisse. Das liegt auch daran, dass in Studien zumeist nur ein oder zwei Präparate untersucht werden. Eine groß angelegte Studie aus den USA kam sogar zu einem gegensätzlichen Ergebnis: Frauen, die hormonell verhüten, berichten über eine insgesamt bessere psychische Gesundheit. In den vergangenen Jahren hat sich daher die Sichtweise durchgesetzt, dass psychische Reaktion auf hormonelle Verhütung unter Frauen möglich, aber sehr individuell ist.

Fasst man alle verfügbaren Daten zusammen, so „gehen wir davon aus, dass etwa vier bis maximal zehn Prozent der Pillennutzerinnen anfällig für depressive Symptome sind“, sagt Psychologin Pletzer. Es gebe Hinweise, dass dies mit einer Sensibilität gegenüber hormonellen Veränderungen zu tun haben könnte. So hätten Frauen mit früheren depressiven Symptomen – etwa in der Schwangerschaft oder bei anderen Hormonpräparaten – ein höheres Risiko für Depressionen durch hormonelle Verhütung. Umgekehrt sei auch das Risiko für postpartale Depression bei Frauen höher, die schon während der Pilleneinnahme mit depressiver Symptomatik reagierten.

Mit der Libido ist es wie mit der Stimmung: Jede Frau reagiert individuell auf die Pille

In sozialen Medien nennen Frauen neben Depressionen häufig eine weitere unerwünschte Nebenwirkung der hormonellen Verhütungsmittel: Die Lust auf Sex lässt nach. Auch im Beipackzettel der meisten Pillenarten ist als Nebenwirkung aufgeführt, dass sich die Einnahme negativ auf die Libido auswirken kann. Doch ein Meta-Review aus 2013 legt nahe, dass die Einnahme von Kombipräparaten zwar bei 15 Prozent der Frauen zum Libidoverlust führt, 22 Prozent geben aber eine Steigerung der Lust an. Pletzer geht davon aus, dass es bei der Lust auf Sex ähnlich ist wie mit der Stimmung: Es ist sehr individuell, wie Frauen auf die Pille reagieren. Möglicherweise habe es etwas damit zu tun, dass manche Frauen um den Eisprung herum einen Anstieg der Libido bemerken. Diese Frauen könnten womöglich auch anfälliger sein, eine verminderte Lust auf Sex zu spüren, wenn die Pille den Eisprung unterdrückt, mutmaßt Pletzer.

Die Psychologin gibt noch etwas zu bedenken: „Es gibt auch ein Leben um die Pilleneinnahme herum.“ So lassen sich Frauen etwa die Pille verschreiben, wenn sie gerade eine neue Beziehung begonnen haben. Oder wenn sie unter hormonbedingten Beschwerden wie Endometriose leiden. All das wirke ebenfalls auf die Libido und die Stimmung und sei in Studien aber schwer von der Pilleneinnahme zu trennen, sagt Pletzer.

Sie hält es für notwendig, dass Gynäkologinnen und Gynäkologen schon im Erstgespräch nach psychischen Vorbelastungen fragen. Das sei in den meisten Ländern immer noch nicht der Fall. „Wahrscheinlich ist das Thema immer noch schambehaftet und viele denken, es gehört nicht zum Gynäkologen.“

„Wir müssen den Mädchen und Frauen klarmachen, dass sie nicht irgendein Präparat nehmen müssen“

Wie verbessert man den Ruf der Pille unter jungen Frauen, und muss man das überhaupt? „Ich glaube, dass sich Frauen beim Thema Verhütung oft sehr bevormundet fühlen von Ärztinnen und Ärzten“, sagt Bühling. Niemand müsse hormonell verhüten, und die Aufgabe der Gynäkologen sei es, auch über nicht-hormonelle Verhütungsmittel umfassend und mit Risikoabwägung aufzuklären.

Pletzer schlägt vor, individueller auf die Frauen und Mädchen einzugehen: Im Idealfall müssten die Frauenärztinnen und Frauenärzte erst einmal mit einem Präparat starten und dann die Patientinnen gut beobachten. Sollten sich unerwünschte psychische Nebenwirkungen einstellen, könnten Frauen und Ärzte dann gemeinsam das nächste Präparat ausprobieren.

Frauenärztin Hösemann weist darauf hin, dass Verhütungsberatung in Deutschland meist nicht eigenständig vergütet wird. „Obwohl es eine eigentlich wichtige und umfangreiche Beratungsleistung ist“, so Hösemann. Bühling will die Frauen ermutigen, eine individuelle Betreuung einzufordern: „Wir müssen den Mädchen und Frauen klarmachen, dass sie nicht irgendein Präparat, das ihnen über den Tisch geschoben wird, nehmen müssen. Dass sie einen Anspruch auf eine umfassende Beratung haben.“