Hochsprung-WM Tokio: Woo Sang-hyeok gewinnt Silber – Sport

Woo Sang-hyeok lächelte vor seinem letzten Versuch im Hochsprungfinale der WM in Tokio, wie immer. Er ist bekannt für seine positive Ausstrahlung im Wettkampf, sie hat ihm den Beinamen Smile Jumper eingebracht, Springer des Lächelns. Aber die Situation war nun schwierig. Hamish Kerr, der Olympiasieger aus Neuseeland, hatte gerade 2,36 Meter übersprungen und sich auf Platz eins gesetzt. Woo musste 2,38 Meter meistern, um ihn noch abzufangen. Er blickte auf die Latte. Er lief an. Er sprang.

Die Latte fiel. Ein Seufzer ging durch das Rund des Nationalstadions.

Woo Sang-hyeok aus Südkorea kletterte enttäuscht von der Matte: Silber mit 2,34 Meter vor dem Tschechen Jan Stefela (2,31 Meter). Er hatte seinen Erfolg von der WM 2022 in Eugene wiederholt. Er konnte sich freuen. Aber es fehlte eben auch ein Stück, um seiner Geschichte ein ganz neues Erfolgskapitel hinzuzufügen.

Der Hochspringer Woo Sang-hyeok, 29, aus Daejeon ist ein asiatischer Sportpionier. Er gehört zu denen, die die Welt der Leichtathletik ein bisschen wachsen gelassen haben. Denn bevor er einstieg in die internationale Szene des olympischen Kernsports, war Südkorea eine Nation für die hinteren Ränge der Ergebnislisten. Woo Sang-hyeong war Südkoreas erster Hallenweltmeister, Südkoreas erster WM-Silber-Gewinner, Südkoreas erster Sieger beim Diamond-League-Finale. Und der koreanische Rekord ist mit seiner Leistungsentwicklung über die Jahre auf 2,36 Meter gestiegen.

Jugendliche in Südkorea wollen normalerweise Baseballprofis werden oder K-Pop-Idole, also tanzende Stars der nationalen Populärmusik-Kultur. Olympischen Ruhm verspricht im Tigerstaat vor allem das Bogenschießen, weil das Automobilunternehmen Hyundai so viel Geld in den Sport pumpt. Aber Woos Maße und Talente machten ihn eben zum Hochspringer. Schon als Teenager spürte er, dass er damit etwas werden konnte. Der Titelgewinn bei den Jugendweltmeisterschaften in Donezk war 2013 sein erster großer Erfolg, so ging es weiter.

„Damals dachte ich, alles ist vorbei“, sagte Woo nach Paris

Woos Karriere ist keine große lange Siegesserie. Sie entwickelte sich eher zu einer Abfolge von Achtungserfolgen auf hohem Niveau mit ein paar Enttäuschungen und Ausreißern an die Spitze. Der ganz große Sieg war nie dabei, aber den will man eigentlich sehen in Südkoreas Wettbewerbsgesellschaft. Und so kam es wohl, dass Woo Sang-hyeok im vergangenen Jahr an seinem eigenen Ehrgeiz scheiterte und für eine Weile nicht mehr weiterwusste.

Nach Platz vier bei den pandemischen Spielen in Tokio 2021 wollte er in Paris endlich Südkoreas erste olympische Leichtathletikmedaille gewinnen. Er war in guter Form. Er wollte Zeichen setzen. Er hatte sich sogar den Schädel rasiert, um seine sportsoldatische Entschlossenheit zu demonstrieren. Aber dann kam er im olympischen Finale nicht höher als 2,27 Meter. Siebter Platz. Die Enttäuschung war groß. „Damals dachte ich, alles ist vorbei“, hat er früher in dieser Saison der Zeitung The Dong-a Ilbo gesagt, „ich wollte nicht einmal mehr eine Hochsprunglatte sehen.“

Sein Trainer Kim Do-kyun hat ihm die Niederlage später erklärt. Nicht am Körper, am Kopf habe es gelegen. „Mach dir keine Sorgen“, sagte der Coach. Allmählich verwandelte sich Woos Enttäuschung in die Motivation für die nächste Chance. Die Haare wuchsen nach, das Hochspringerleben ging weiter. Im nationalen Leistungszentrum von Jincheon, in dem Woo Sang-hyeok trainiert, wenn er in Südkorea ist, hängte man zwischen Laufbahn und Kraftraum ein Banner auf, das ihn mit rasiertem Kopf bei Olympia in Paris zeigt. Das erinnere ihn daran, mit dem gebotenen Ernst zu arbeiten, sagt er. „Nach Paris habe ich zu mir gesagt, ich mache jetzt keine Pause mehr.“

Fleiß ist eine koreanische Tugend, manchmal schlägt sie in Übertreibung um. Aber Woo hatte eine gute Saison, bevor er nach Tokio reiste. Sieben Siege verzeichnete er bei sieben Meeting-Starts, ehe er sich in eine kurze verletzungsbedingte Pause verabschiedete. Sein Saisonrekord von 2,34 Meter war auch gut.

Aber die Dynamik des großen Wettkampfes ist anders. Woo Sang-hyeok schaffte den Sprung ins Finale locker. Und das Finale brachte ihm einen Moment, der sich golden anfühlte. 2,34 Meter übersprang er im dritten Versuch. Das Stadion jubelte. Dann zeigte Hamish Kerr seine Nervenstärke, und wenig später war klar: Woo Sang-hyeok muss beim nächsten Mal versuchen, Südkoreas Leichtathletikgeschichte umzuschreiben.