Helge Fuhst: „Unsere Aufgabe ist es nicht, den Menschen etwas auszureden.“

DIE ZEIT: Helge Fuhst, als bekannt wurde, dass Sie von der ARD zum Springer-Verlag wechseln und Chefredakteur der Welt werden, wurden Sie sofort auf der Plattform X geschmäht. Es gab Sätze wie: „Jetzt geht’s mit Lichtgeschwindigkeit nach Linksaußen“, „Die Welt ist verloren“. Was sagen Sie dazu?

Helge Fuhst: Es zeigt, wie unversöhnlich und scharf manche Debatten geworden sind. Die meisten Menschen wollen eine harte Auseinandersetzung in der Sache, aber anständig im Ton. Dass es unterschiedliche Standpunkte gibt, das müssen wir aushalten, auch wenn es manchen schwerfällt.

ZEIT: Ein Teil der Gesellschaft ist der Ansicht, ARD und ZDF würden nicht ausgewogen berichten und seien zu linksliberal. Sie haben in den vergangenen 18 Jahren für NDR, WDR, Phoenix und zuletzt als zweiter Chefredakteur für ARD-aktuell gearbeitet, haben die Redaktion der tagesthemen geleitet. Gehen Sie als linkes U-Boot zum Springer-Verlag?

Fuhst: Ein lustiges Bild. Aber, nein, sicher nicht. Ich bin immer bei meiner journalistischen Haltung geblieben. In der ARD galt ich vielen als konservativ, während andere, vor allem in den sozialen Netzwerken, von rechts kritisch zu mir rüberschauen.

ZEIT: Auf X schrieb Waldemar Hartmann, ehemaliger Sportreporter bei der ARD und inzwischen Stammgast beim rechten Portal Nius, man sehe bereits, dass sich durch Sie die Tonalität der Welt ändere. Das liege an Ihren linken Grundüberzeugungen.

Fuhst: (lacht) Schon interessant, was er sieht, denn ich werde erst in dieser Woche in der Redaktion starten. Genauso habe ich es gerade von links abbekommen: Der Chef von 1KOMMA5° (ein Anbieter erneuerbarer Energien, Anm. d. Red.) warf mir vor, ich hätte einen Wirtschaftslobbyisten gegen Klimaschutz in den tagesthemen platziert. Allerdings war ich da längst nicht mehr verantwortlich für die Sendung.

ZEIT: Im Studium sind Sie von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung gefördert worden. Gab es in Ihrem Leben politische Idole? Vorbilder?

Fuhst: Nicht im eigentlichen Sinne. Aber ich habe großen Respekt vor Politikern, die nicht nur die Sprache der Großstädter sprechen, sondern auch das Vertrauen der Menschen im ländlichen Raum gewinnen können.

ZEIT: Wie haben Sie das in den Journalismus übersetzt?

Fuhst: Ich habe zum Beispiel das Format „Mittendrin“ in den tagesthemen eingeführt, eine tägliche Reportage aus dem deutschen Alltag, damit wir nicht nur über internationale Krisen und Hauptstadtpolitik berichten. Die Menschen müssen sich und ihre Lebensrealität in einer Nachrichtensendung wiederfinden. Das schafft Vertrauen. Und das gilt genauso für den Journalismus der Welt.

ZEIT: Zuletzt sind in der Welt immer wieder Kommentare und Gastbeiträge erschienen, die durchaus irritieren. Da nahm etwa der Kolumnist Leon de Winter eine unbelegte Behauptung des US-Gesundheitsministers Robert F. Kennedy Jr. sehr ernst: Zecken seien als Biowaffen eingesetzt worden und hätten Zehntausende von US-Amerikanern infiziert. Schafft das Vertrauen?

Fuhst: Ich werde mich nicht zu einzelnen Kommentaren aus der Vergangenheit äußern. Grundsätzlich gilt, dass die Welt stolz sein kann auf den Pluralismus, den sie vorlebt. Meinungsfreiheit schafft Vertrauen. Journalistische Standards müssen dabei eingehalten werden, und wir müssen mit Argumenten überzeugen. Nur so erreichen wir das ganze Land.

ZEIT: In diesem Fall müssen wir doch noch über ein zweites Beispiel sprechen: Gerade erst forderte der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse in der Welt eine Aufhebung des „Unvereinbarkeitsbeschlusses“ der CDU mit der Linkspartei, aber auch mit der AfD. Die „Brandmauer“ sei ein politischer Fehler. Stimmen Sie die Leser schon ein auf ein Wahljahr, in dem die AfD in zwei Bundesländern stärkste Kraft werden könnte?

Fuhst: Die AfD könnte sogar die absolute Mehrheit erreichen. Das und wie die anderen Parteien damit umgehen können, müssen wir abbilden. Unsere Aufgabe ist es dabei nicht, den Menschen etwas ein- oder auszureden. Die Welt empfiehlt auch keine Koalitionen mit links oder rechts außen, das hat lange Tradition, und das wird auch so bleiben. Wenn wir in eine Ecke geschoben werden, macht sich das meist an einzelnen Kommentaren fest, die medial hochgespielt werden. Guckt man sich jedoch die Berichterstattung an, stellt man fest, wie breit, kritisch und kenntnisreich wir über die AfD berichten. Etwa im neuen Podcast Inside AfD von Politico und Welt mit Pauline von Pezold und Frederik Schindler. Dieser Podcast und die Berichterstattung der beiden ist beispielhaft für den Journalismus, für den wir stehen.

ZEIT: Werden wir Sie als Moderator auf Welt TV sehen? Bei der ARD haben Sie ja moderiert, etwa die tagesthemen oder die politische Talkrunde Unter den Linden bei Phoenix …