Es ist kurz nach Mitternacht. Im Schutz des dunklen Schlafzimmers begeben sich Fingerspitzen, über leuchtende Bildschirme streichend, auf die Suche nach dem nächsten Schatz des Doomscroll-Universums. Kurz halten sie inne, um ein Fundstück länger zu betrachten, und setzen dann wischend ihre Suche fort. Das nächste Video beginnt. Eine aufgeheizte Version des Songs „Maneater“ untermalt schnelle Bildabfolgen der Serie „Heated Rivalry“.
Die zwei Protagonisten und rivalisierenden Hockeyspieler Shane Hollander und Ilya Rozanov wechseln von intensivem Blickkontakt auf dem Eis zu Kuss- und Sexszenen. „You wish you never ever met her at all“, schallt Nelly Furtado aus dem Lautsprecher des Handys, während Shane und Ilya ihre durchtrainierten Körper berühren. Der Zusammenschnitt zählt bereits 1,1 Millionen Aufrufe, und die Kommentare zeigen, dass von dem Video eine besondere Anziehungskraft auszugehen scheint. Eine Userin schreibt: „Das hätte der Trailer sein sollen.“ 86.400 Likes. Eine andere schreibt: „Ich schaue dieses Video jeden Tag für meine geistige Gesundheit.“ Und wieder eine andere: „Jedes Mal, wenn ich es schaue, bekomme ich Gänsehaut am ganzen Körper.“
Auf Tiktok, Instagram und Youtube finden sich Tausende solcher „Edits“ – Videos, die mit passender Musik die besten Szenen einer Serie zu heißen, kurzen Videos verarbeiten. Insbesondere Edits der Serie „Heated Rivalry“ zählen Millionen Aufrufe. Aber auch von anderen Serien oder Filmen über schwule Liebesgeschichten, wie „Red, White & Royal Blue“ (2023), „Young Royals“ (2021) oder „Élite“ (2018), finden sich viele Edits mit großer Reichweite. In den Kommentaren versammelt sich die begeisterte (vorwiegend weibliche) Community: Das eigene Nachts-im-Bett-Liegen-und-Edits-Schauen wird zu einer kollektiven Erfahrung; zu einem „Safe Space“, in dem sich angeregt und meist anonym über die sexuellen Phantasien ausgetauscht wird, die die Videos bei ihren Zuschauerinnen auslösen.
Was ist es, das Frauen an schwulen Romanzen so fasziniert? Eine kurze Antwort gibt es auf diese Frage nicht. Jede Seherfahrung ist individuell. Dennoch zieht sich durch die Welt der schwulen Liebes- und Erotikgeschichten ein roter Faden: Sie werden meist von Frauen verfasst – für Frauen. Das gilt auch für „Heated Rivalry“: Denn die Autorin der Bücher „Game Changers“, auf denen das Drehbuch beruht, ist Rachel Reid, eine Frau. Und auch die Fans der Serie sind überwiegend weiblich.
„Die Chemie in der Show ist unvergleichlich“
Zu den eingeschweißten Fans der Serie gehört Alina. Sie ist auch beim Doomscrollen über ein Tiktok auf „Heated Rivalry“ gestoßen. „Die Serie hat mich emotional auf mehreren Ebenen mitgerissen“, erklärt sie. Bei dem finalen Liebesgeständnis von Ilya seien ihr ein paar Tränen die Wangen hinuntergeflossen. „Die Chemie in der Show ist unvergleichlich. Ich habe sehr lange keine so gute Atmosphäre gesehen. Die Küsse sind leidenschaftlich, manchmal soft, oft auch sehr sehnsüchtig. Alles passiert einvernehmlich.
Klar, es gibt Missverständnisse und unklare Momente für die beiden Hauptcharaktere, aber jede der intimen, sexuellen Handlungen passiert mit Einverständnis beider Parteien.“ Die Neunundzwanzigjährige schaut schon seit ihrer Kindheit queere Serien und Filme und beschreibt sich selbst als Teil der BL/MLM-Community.
„MLM“ steht für „Men love Men“ oder „Männer lieben Männer“ – ein inklusiverer Begriff als „schwul“. „BL“ ist kurz für „Boys Love“: Es ist ein Genre, das der japanischen Anime- und Mangakultur entstammt und sich mit sexuellen oder emotionalen Beziehungen zwischen männlichen Charakteren befasst. Die BL/MLM-Community interessiert sich für genau diese Geschichten in der Popkultur.
Was Alina daran fasziniert? „Ich lese oder schaue selten etwas, nur weil ich die Charaktere ‚heiß‘ finde. Mir geht es immer um die ganze Story, die komplette Umsetzung, die subtilen Momente wie Blicke oder Körperhaltung.“ Als Frau könne sie sich von den Charakteren distanzieren, anstatt sich auf sie zu projizieren. Die Geschichten ermöglichen Alina eine Pause von dem heteronormativen Alltag, den sie als Frau erlebt.
„Eine Phantasie männlicher Empfindsamkeit“
Der „New York Times“-Filmkritiker Wesley Morris analysiert in seinem Podcast „Cannonball“ die popkulturelle Bedeutung von „Heated Rivalry“. Er sagt: „Ein Teil von dem, was meiner Meinung nach die Popularität der Serie trägt, ist, dass sie eine Phantasie männlicher Empfindsamkeit ist.“ Die Männer seien eben nicht nur sexuell aktiv und attraktiv, sondern auch emotional erreichbar – füreinander.
Der Umgang sei liebevoll und immer mit Respekt für die Grenzen des anderen. Fragen wie „Ist das okay?“ oder „Wäre das in Ordnung für dich, wenn wir tauschen?“ würden ein einvernehmliches Miteinander kreieren, sowohl sexuell als auch emotional. Aber immer in einem Rahmen, der die Erotik und Romantik nicht durch „juristische“ Steifheit ersticke.
„Heated Rivalry“ erschafft dadurch eine Welt, in der herkömmliche Männlichkeitsideale wie Stärke und Coolness ersetzt werden durch emotionale Nähe und Verletzlichkeit. Und das kommt gut an – vor allem bei Frauen. In Beziehungen tragen viele von ihnen nicht nur den Großteil der Haus- und Erziehungsarbeit, sondern sind für ihre männlichen Partner auch die einzigen emotionalen Bezugspersonen. Denn das Zeigen von Gefühlen vor anderen Männern wird immer noch häufig als Schwäche abgestempelt. Serien wie „Heated Rivalry“ bieten für Frauen einerseits eine kurze Ausflucht aus diesen gesellschaftlichen Strukturen und erschaffen andererseits neue Vorbilder für Männer, auch für heterosexuelle.
„Heated Rivalry“ verbindet Pornographie mit Romantik
Nichtsdestotrotz schmälern auch die expliziten Sexszenen nicht den Erfolg der Serie – eher im Gegenteil. Davon ist jedenfalls die britische Wissenschaftlerin Lucy Neville überzeugt. Seit über zehn Jahren beschäftigt sie sich in ihrer Forschung mit dem Interesse von heterosexuellen Frauen an schwuler Pornographie. Sie sagt: „Ich denke, das Offensichtliche an ‚Heated Rivalry‘ ist, dass es eine Handlung gibt und dass die romantische sowie die emotionale Seite dieser Handlung ein wesentlicher Bestandteil der Serie sind. Aber es gibt eben auch sehr explizite Sexszenen. Und ich glaube, ohne das eine oder das andere wäre sie nicht so erfolgreich gewesen.“
Neville schreibt in einem Artikel für die Zeitschrift „Porn Studies“, dass Frauen genau wie Männer an explizitem Sex und Pornographie interessiert seien. Aber das bestehende Angebot der Pornoindustrie würde an vielen Stellen nur ein männliches Publikum bedienen. „Heated Rivalry“ verbinde Pornographie mit Romantik und tiefgehender Handlung. Neville sagt: „Für Frauen ist es dieser narrative Aufbau, also das Gefühl, dass es einen Grund gibt, warum dieser Sex stattfindet, der zur gesamten Atmosphäre beiträgt, die sie schlussendlich sexy finden.“
Von ihrer Forschung berichtet sie weiter: „Viele der Frauen, mit denen ich gesprochen habe, erzählten zum Beispiel, dass sie einen Liebesroman oder eine Fanfiction mit viel Handlung und Kontext lasen, die auch heiße Sexszenen enthielten. Aber wenn sie masturbieren wollten, blätterten sie anschließend zurück und lasen nur die Sexszenen noch einmal. Das heißt, sie steuerten direkt den pornographischen Teil an – aber in ihren Köpfen hatten sie den ganzen Kontext bereits präsent.“
Dieses Phänomen lässt sich auch bei den zu Beginn erwähnten Edits wiederfinden. Die kurzen, heißen Zusammenschnitte funktionieren vor allem deswegen so gut, weil die Personen, die die Edits schauen, die Protagonisten und deren Geschichten in den meisten Fällen bereits kennen. Sexy Szenen – aber mit narrativem und emotionalem Kontext eben.
