HBO-Chefs Bloys und Perrette zum Deutschlandstart

Mit viel Trubel feierte der amerikanische Sender HBO vergangenen Dienstag in Berlin den Start seines Streamingdienstes HBO Max. Vor der Vorführung des neuen „Game of Thrones“-Spin-Offs „A Knight of the Seven Kingdoms“ trafen wir JB Perrette (CEO Global Streaming bei Warner Bros. Discovery) und Casey Bloys (CEO HBO and Max Content) zum Interview.
Die Serien von HBO sind auch in Deutschland schon seit Langem ein Begriff. Warum hat es so lange gedauert, bis Sie hier Ihren Streamingdienst gestartet haben?

JB Perrette: Wir hatten lange Zeit eine sehr gute Partnerschaft mit Sky. Die früheren Eigentümer hatten einen langfristigen Lizenzvertrag abgeschlossen, der erst Ende letzten Jahres auslief. Jetzt freuen wir uns sehr, dass HBO und all die Geschichten, die wir erzählen, zum ersten Mal direkt auf diesem unglaublich großen und wichtigen Markt verfügbar sein werden.

Und Sie glauben, dass Sie in diesem sehr umkämpften Markt erfolgreich sein können?

Perrette: Ja. Erstens haben wir ein einzigartiges Angebot, eine unglaubliche Sammlung von 50 Jahren voller reichhaltiger und kulturell prägender Geschichten, die ihren Wert überall auf der Welt unter Beweis gestellt hat. Das gibt es nirgendwo sonst. Und auch wenn wir im Jahr 2026 ein bisschen spät zur Party kommen, können wir heute eine viel größere Vielfalt bieten als je zuvor. Die Verbraucher haben heute oft das Gefühl, in einem Tsunami an Inhalten zu ertrinken, der unaufhaltsam auf sie einprasselt. Unsere einzigartige Art, Geschichten zu erzählen, ist ein Gegengift gegen diese Überflutung. Wir glauben nicht, dass mehr automatisch besser ist. Wir glauben, dass besser besser ist.

Aber es hat ein bisschen gedauert, bis Sie das herausgefunden haben. Ted Sarandos, der Netflix-Chef, hat 2013 in einem Interview gesagt: „Unser Ziel sei es, schneller zu HBO zu werden, als HBO zu uns werden kann.“ Doch zuletzt sah es eher so aus, als wollte HBO Netflix werden und den Massenmarkt erreichen. Sie hatten sogar das HBO aus dem Namen gestrichen und Ihren Dienst nur noch als Max vermarktet. Vor einem halben Jahr sind Sie zum alten Namen zurückgekehrt. Was waren die Überlegungen dahinter?

Perrette: Wir kommen zu einem Zeitpunkt auf den deutschen Markt, an dem wir besser wissen, wer wir sind und was wir nicht sind, auch besser als noch vor zwei Jahren. Wir haben sehr offen darüber gesprochen, dass wir viel experimentiert haben. Sie haben recht, wir sind 2023 mit dem Anspruch angetreten, für jeden etwas zu sein. Wir glaubten damals, dass wir das nötige Angebot dafür hätten. Aber dann haben wir uns die Daten angesehen, wir haben gehört, was die Verbraucher sagen – und wir haben erkannt, dass sie eigentlich in diesem breiten, allgemeinen Bereich schon anderswo bestens versorgt sind. Wir fragten uns, warum wir überhaupt versuchen sollen, damit zu konkurrieren. Und wir besannen uns wieder darauf, was wir gut können – nämlich großartige Inhalte für Erwachsene und Familien zu schaffen. Deshalb haben wir aufgehört, uns auf Young Adult zu konzentrieren, und weitgehend auch auf Kinderprogramme verzichtet. Stattdessen sind wir zu unserem Kern zurückgekehrt. Die Rückkehr zur HBO-Marke im vergangenen Jahr war dafür das deutlichste und klarste Zeichen.

War diese Entscheidung, zu Ihren Wurzeln zurückzukehren, ein Erfolg?

Perrette: Alle Indikatoren, die wir verfolgen, zeigen ein positives Bild. In den letzten zwölf Monaten waren wir der am schnellsten wachsende Anbieter und hatten mehr neue Abonnenten als jeder andere. Im Gegensatz zu vielen anderen Diensten, die keine Abonnentenzahlen mehr nennen, veröffentlichen wir diese Zahlen. Auch die Intensität der Nutzung nimmt weiter zu. Ein weiterer Indikator, den wir inzwischen viel genauer beobachten, ist auch die soziale Konversation – also was in den sozialen Medien über uns gesprochen wird. Wir sind dort deutlich aktiver geworden, und viele unserer Entwicklungen sind ganz bewusst darauf ausgelegt, kulturell prägend zu sein. Die Online-Diskussionen über unsere Inhalte verzeichneten 2025 eine klare Aufwärtsbewegung, und wir sind überzeugt davon, dass wir auch 2026 neue Rekorde erreichen werden.

Alle Jahre wieder: die Krankenhaus-Serie „The Pitt“
Alle Jahre wieder: die Krankenhaus-Serie „The Pitt“Warner Bros. Discovery / HBO Max

Aber Sie versuchen trotzdem, eine Art Mittelweg zwischen Anspruch und Mainstream zu finden. Ihre Krankenhausserie „The Pitt“ dient als Modell für Serien mit kleinerem Budget und einer großen Zahl von Folgen. Verwässert das nicht Ihr Profil?

Casey Bloys: Die Idee dahinter war, dass man auch mit einem kosteneffizienteren Ansatz immer noch eine hochwertige Serie machen kann – was ja auch dadurch bestätigt wurde, dass „The Pitt“ den Emmy für das beste Drama und zuletzt sogar einen Golden Globe gewonnen hat. Aber der eigentliche Gedanke war: Wie können wir eine Serie so konzipieren, dass sie in der Lage ist, 15 Folgen pro Staffel herauszubringen? Wir veröffentlichen wöchentlich, das bedeutet also 15 Wochen Zuschauerbindung. Bei unseren großen Produktionen wie „The Last of Us“ oder „House of the Dragon“ dauert es eineinhalb bis zwei Jahre, bis eine neue Staffel erscheint. Also lautete die Frage: Wie können wir eine Serie entwickeln, die jährlich zurückkehrt? Im Grunde ist das ja genau das, womit das Fernsehen ursprünglich begonnen hat – also auch eine Rückbesinnung auf die Wurzeln. Ich würde sagen, „The Pitt“ war ein sehr erfolgreiches Experiment – sowohl, was die Zuschauerbindung betrifft, als auch in Bezug auf die Qualität des Storytellings.

All diese Bemühungen, ein unverwechselbares Profil für HBO zu finden, könnten am Ende vergeblich sein, falls Netflix den HBO-Mutterkonzern Warner Brothers kauft.

Perrette: Netflix hat Warner Brothers gekauft!

Richtig, aber es ist ja noch nicht klar, ob der Deal durchgeht. Immerhin hat Ted Sarandos angekündigt, dass er HBO unverändert lassen will. Hat er Ihnen das auch persönlich versprochen?

Bloys: Wir haben bisher keine konkreten Gespräche darüber geführt, wie die Zukunft aussehen könnte. Ich schätze Ted und sein gesamtes Team sehr. Aber mein Fokus liegt im Moment allein darauf, Qualitätsserien zu produzieren. Wir müssen einfach abwarten, wie sich alles entwickelt.

Perrette: An dem Satz von Sarandos, den Sie vorhin zitiert haben, kann man aber erkennen, dass es einen großen Respekt für die Marke HBO und unsere Arbeit gibt. Ich denke, man kann, ohne Insiderwissen zu haben, davon ausgehen, dass das Interesse daran, unsere Identität zu bewahren, sehr groß ist. Angesichts des Preises, den Netflix zahlt, wäre es auch unvernünftig, diese Marke nicht weiterzuführen.

Hätten Sie mehr Sorgen, wenn das Angebot von Paramount Erfolg hätte?

Perrette: Wir möchten nicht spekulieren. Jemand hat uns neulich gefragt: „Wie kommt ihr eigentlich mit all den Ablenkungen klar?“ Die Wahrheit ist: Wir kommen sehr gut klar, denn wir haben mehr als genug zu tun.

Eren M. Güvercin (Mitte) in der Serie „Banksters“, einer deutschen Eigenproduktion von HBO Max
Eren M. Güvercin (Mitte) in der Serie „Banksters“, einer deutschen Eigenproduktion von HBO MaxWarner Boros Discovery/HBO Max

Sie gehen auch mit deutschen Eigenproduktionen an den Start, ab Ende Februar läuft die Bankraub-Serie „Banksters“, im Herbst kommt dann der „4 Blocks“-Prequel „4 Blocks Zero“. Produzieren Sie diese Serien in erster Linie für den deutschen Markt, oder sind sie darauf ausgerichtet, international erfolgreich zu sein?

Bloys: Für jeden Streamingdienst, der in einem Land oder einer Region erfolgreich sein will, sind lokale Inhalte entscheidend. In meinen Gesprächen mit den lokalen Programmverantwortlichen sage ich immer: Macht euch keinen Kopf darüber, ein globales Publikum anzusprechen. Dreht einfach die besten Serien für eure Abonnenten. Man kann keinen Hit „konstruieren“, und man kann keine Serie so planen, dass sie automatisch auch woanders funktioniert – egal ob in Deutschland, Italien, Mexiko oder Brasilien. Die einzige Serie, die über Grenzen hinweg Erfolg hat, ist eine gute Serie. Und eine gute Serie zu machen, ist schwer genug. Wenn sie dann auch in anderen Märkten funktioniert – phantastisch.

Es gibt keine HBO-Formel, wie das funktioniert?

Bloys: Wir wissen, wie man gute Serien macht. Aber eine gute Serie zu machen ist etwas ganz anderes, als gezielt eine Serie so zu gestalten, dass sie in mehreren Ländern gleichermaßen beim Publikum ankommt. Die Entscheidung, was entwickelt wird, sollte nicht auf der Annahme beruhen, dass es eine universell internationale Anziehungskraft haben muss. Ich denke einfach, das ist nicht möglich.

HBO ist mal mit dem Anspruch angetreten – und erfolgreich geworden –, das Fernsehen neu zu erfinden. Ihr berühmter Slogan war: „It’s not TV, it’s HBO“. Ist das heute noch Ihre Ambition? Wie würde das gehen?

Bloys: Ich denke, HBO zu sein, bedeutet, sich ständig weiterzuentwickeln – neue Talente zu fördern und neue Wege des Erzählens zu finden. Im Wesentlichen geht es einfach darum, ein gutes Drehbuch zu haben – und von dort aus weiterzusehen.

Aber nach Jahrzehnten der Programmgestaltung haben Sie doch sicher auch die Erfahrung gemacht, dass es immer schwieriger wird, originell und überraschend zu sein. Diese Momente, in denen man denkt: „So was habe ich noch nie gesehen“ sind doch heute viel schwerer zu erreichen, oder?

Perrette: Viele sagen, sie wollen sich durch Qualität abheben. Und vielleicht gelingt es ihnen tatsächlich mal für ein oder zwei Jahre, ein paar herausragende Projekte zu schaffen. Aber die Konstanz, mit der HBO das seit fünf Jahrzehnten macht, ist der Unterschied. Das ist unser Erfolgsrezept.