Hausse an Börse in Tokio„In Japan beginnt eine völlig neue Zeitrechnung“
Von Juliane KipperArtikel anhören(08:18 min)

Japans Börsen erleben Analysten zufolge mehr als nur ein Rekordhoch. Veränderte Spielregeln machen das Land für Investoren langfristig interessant. Marktexperten sehen darin den Start einer neuen Ära.
Die japanischen Börsen haben mit einem Freudensprung den Erdrutschsieg der Liberaldemokratischen Partei (LDP) unter Premierministerin Sanae Takaichi gefeiert: Der Tokioter Leitindex Nikkei 225 stieg um bis zu 5,7 Prozent auf den Höchststand von 57.337,07 Punkten. Danach pendelte er sich bei einem Plus von rund vier Prozent auf 56.364 Zähler ein.
Für Martin Geißler von der Unternehmensberatung Argon & Co markiert das Allzeithoch den Beginn einer völlig neuen Zeitrechnung für Japan. „Der schlafende Riese ist erwacht“, sagt Geißler auf Anfrage von ntv.de. Das Rekordhoch markiere die Rückkehr Japans als strategisches Schwergewicht auf der globalen Bühne.
Getrieben wurde die Entwicklung seiner Einschätzung zufolge maßgeblich durch das Aufleben der heimischen Chip-Industrie. So habe der weltweit führende Chip-Hersteller gerade das Budget für sein Werk in Japan auf 17 Milliarden Dollar aufgestockt. „Das ist ein absolutes Novum, weil TSMC damit, anders als in dem geplanten Werk in Deutschland, absolute High-Tech-Chips in Japan produzieren will“, sagt Geißler.
Diese Einschätzung teilt auch Eckhard Schulte, Vorstandsvorsitzender und Leiter Portfoliomanagement von MainSky Asset Management. Er ergänzt, dass auch der Bankensektor und die klassische Industrie die Börsen maßgeblich beflügelt hätten. Seiner Einschätzung zufolge handelt es sich bei dem Allzeithoch um eine nachhaltig positive Entwicklung. „Entscheidend ist, dass die japanische Wirtschaft nominal wieder stark wächst und die Deflation besiegt scheint“, sagt Schulte auf Anfrage von ntv.de. In der Deflation seien Fiskalprogramme immer nur ein Strohfeuer und deshalb nicht nachhaltig gewesen.
Die LDP von Ministerpräsidentin Takaichi kommt zusammen mit dem Koalitionspartner, der Japanischen Innovationspartei (Ishin), im Unterhaus auf eine Zweidrittelmehrheit. Das erlaubt es ihr sogar, Beschlüsse des Oberhauses zu überstimmen. Sie ist als Befürworterin höherer staatlicher Ausgaben zur Ankurbelung der Konjunktur bekannt und befürwortet zugleich eine lockere Geldpolitik. Takaichi hat bereits ihre Siegesrede genutzt, um zu bekräftigen, dass sie Steuersenkungen vorantreiben will. So soll etwa ein Gremium ihre Idee erörtern, die nationale Verbrauchssteuer von 8 Prozent auf Lebensmittel und Getränke für zwei Jahre auszusetzen. Nach Schätzungen des Finanzministeriums würde die Aussetzung der Abgabe zu jährlichen Mindereinnahmen von etwa 5 Billionen Yen führen, was rund 32 Milliarden US-Dollar entspricht.
Für das Vertrauen in die Märkte ist der überwältigende Sieg Schulte zufolge essenziell gewesen. Man habe jetzt mehrere Jahre politische Klarheit. „Klare Mehrheiten sind immer gut für die Börse.“ Geißler stellt in seiner Analyse außerdem heraus, wie selten ein solch ungewöhnliches Mandat in einer westlichen Demokratie ist. Das schaffe viel Vertrauen.
Der Yen wertete nach dem LDP-Sieg in Erwartung höherer Staatsschulden zunächst ab. Die japanische Währung verbilligte sich um bis zu 0,3 Prozent auf 157,72 Yen je Dollar. Damit gab sie den siebten Tag in Folge nach und erreichte den tiefsten Stand seit zwei Wochen. Nach Berichten über mögliche Interventionen durch die japanische Notenbank liegt sie jetzt wieder vorn.
Schulte zufolge ist der schwache Yen für die Rally zwar ein Faktor, aber nicht so entscheidend gewesen. Dem schließt sich auch Geißler an: „Der schwache Yen war ein Katalysator, ist aber nicht mehr die Existenzgrundlage.“ Für ein importabhängiges Land bei Energie und Agrar sei eine zu schwache Währung sogar riskant. Er sieht die aktuelle Rally aber ohnehin davon weitestgehend entkoppelt. „Die Investitionen folgen heute zuvorderst geopolitischen Motiven, die klassische Währungseffekte bei Weitem überlagern.“ In einer deutlichen Yen-Aufwertung sieht er derweil kein hohes Risiko. Strategisch sei Japan mittlerweile so unverzichtbar für die globale Tech-Industrie, dass eine moderate Aufwertung die Attraktivität für Direktinvestitionen kaum bremsen würde.
„Keine Blase, sondern überfällige Marktkorrektur“
Anstatt eines Anzeichens der Überhitzung sehen sowohl Schulte als auch Geißler Nachholpotenzial. „Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von aktuell 24 im Nikkei ist keinesfalls zu hoch, zumal japanische Aktien historisch immer etwas teurer waren und sind“, sagt Schulte. Für Geißler war Japan sogar über Jahre fundamental unterbewertet. „Ich bin überzeugt, wir sehen hier keine Blase, sondern eine überfällige Marktkorrektur nach Jahrzehnten der Ignoranz.“
Im Vergleich zu Europa und den USA hält Schulte Japan für attraktiv für Anleger. Der japanische Markt gehöre auf alle Fälle ins Portfolio. „Gerade gegenüber Europa hat Japan viele strukturelle Vorteile und ist wirtschaftspolitisch viel flexibler.“ Er gibt aber auch zu bedenken: Größtes Risiko seien ganz klar die Bank of Japan und der Anleihemarkt. „Sollte die BoJ die Zinsen schneller erhöhen müssen oder der Anleihemarkt wegen der Last der neuen Schulden mit stark steigenden Renditen reagieren, wäre für Aktien Gefahr im Verzug.“ Geißler bezeichnet das Land sogar als „herausragend attraktiv“. „Japan bietet die industrielle Tiefe und technologische Exzellenz der USA, gepaart mit einer politischen Geschlossenheit, die in Washington oder Brüssel derzeit undenkbar ist.“
Die japanische Wirtschaft ist über Jahre von Stagnation geprägt gewesen, nachdem eine massive Immobilien- und Aktienblase in den 1990er Jahren geplatzt war. Sie war gezeichnet von Deflation, geringem Wachstum, sinkenden Immobilienpreisen und einer Bankenkrise mit faulen Krediten. Nachdem Japan jahrzehntelang wirtschaftlich abgemeldet war, etabliert sich das Land laut Geißler „als die letzte sichere Bastion“ des Westens in Asien. „Japan hat seine Lethargie abgelegt und sich neu erfunden: Durch den engen Schulterschluss mit den USA und massive Investitionen in High-End-Fertigung wandelt sich das Land vom Sorgenkind zum unverzichtbaren Rückzugsraum.“ Immer spürbarer werde das zum Beispiel in der globalen Halbleiter-Lieferkette.
Das größte Risiko, das die Rally kurzfristig beenden könnte, wäre eine militärische Eskalation in der Region. „Eine Zuspitzung rund um Taiwan oder im Südchinesischen Meer würde das Marktumfeld fundamental erschüttern“, sagt Geißler. Wie real diese Gefahr eines Schocks für die Märkte ist, verdeutlicht die rhetorische Schärfe, mit der die Regierung auf die wachsenden Spannungen reagiert. Außenpolitisch tritt Takaichi offensiv gegenüber China auf. Kurz nach ihrem Amtsantritt sagte sie, eine militärische Eskalation des Taiwan-Konflikts etwa durch den Einsatz chinesischer Kriegsschiffe könne auch Japan in seiner Existenz bedrohen. Für diesen Fall schloss sie einen Militäreinsatz nicht aus, was für heftige Reaktionen in Peking sorgte.
