Es gibt Sportler, bei denen sich das Besondere ihrer Karriere in einem einzigen Bild verdichtet. Von Hans Herrmann gibt es ein solches Bild. Es entstand am 2. August 1959 in Berlin auf der Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße, kurz Avus – die erste Straße der Welt, auf der ausschließlich Autos unterwegs sein durften.
Die Avus war 1921 eröffnet worden. Bis 1940 war sie eine gebührenpflichtige Renn- und Teststrecke, danach wurde sie auch als Teil einer normalen Autobahn genutzt. Viele Kurven gab es auf der Rennstrecke nicht. Gut neun Kilometer ging es strichgeradeaus dahin, nach einer engen Kehre dann strichgeradeaus zurück.
Die Autorennen waren zu jener Zeit überall gefährlich, aber die Sicherheitsstandards der Avus waren 1959 schon verrufen. Trotzdem fand der Große Preis von Deutschland in der damals geteilten Hauptstadt statt und nicht wie davor und danach wieder auf dem Nürburgring.

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Der Grand Prix war der sechste Lauf zur Weltmeisterschaft und wurde in zwei Wertungsläufen ausgetragen. Das Team British Racing Partnership hatte für den Anlass einen 31-jährigen Deutschen engagiert, der 1954 beim Mercedes-Werksteam in den sagenumwobenen Silberpfeilen debütiert und sich nach dessen Rückzug von den Grand-Prix-Rennen bei Maserati und Cooper versucht hatte: Hans Herrmann.
Von den 15 Fahrern, die antraten, erreichten neun das Ziel des ersten Wertungslaufes nach 30 Runden. Als es später zum zweiten Mal losging, lief fünf Runden alles gut. Dann ereignete sich in der besonders engen Südkehre, wo viele Zuschauer waren, ein spektakulärer Unfall.
Der Wagen mit der Startnummer elf traf die Strohballen, die am Ende der Geraden den Kurveneingang markierten. Er schoss in die Luft, überschlug sich, ein Rad schleuderte hoch, der Fahrer wurde aus dem offenen Cockpit katapultiert, er rollte sich neben dem Auto auf dem Asphalt weg und sah dem weiter rutschenden Wrack wie ein Unbeteiligter nach: Hans Herrmann.

Die Szene wurde von mehreren Fotografen festgehalten. Zur damaligen Zeit war das keine Selbstverständlichkeit. Die Schwarz-weiß-Aufnahmen prägten Herrmanns Spitznamen: „Hans im Glück“.
Sie prägten aber noch mehr. Wenn es in den Folgejahren darum ging, die halsbrecherischen Gefahren des Motorsports zu illustrieren, wurden sie immer wieder hervorgeholt. Herrmanns Unfall auf der Avus wurde zum Sinnbild für die Todesnähe des Sports, gerade weil der Protagonist das irrsinnig erscheinende überlebte.
Hans Herrmann, 1928 in Stuttgart geboren, hat in seinem Leben oft Glück gehabt. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er als 17-Jähriger zum Arbeitsdienst eingezogen und von dort zur Waffen-SS abkommandiert. Auf dem Weg zum Einsatzort glückte es ihm, sich mit vier Mitreitern abzusetzen und sich nach Hause durchzuschlagen.
Nach dem Krieg lernte er Konditor, er sollte das Café übernehmen, das die Mutter betrieb. Doch die Autoleidenschaft war stärker. Bei Porsche gelang Herrmann der Sprung in das Mille-Miglia-Team – ein Rennen, das über öffentliche Straßen quer durch Italien führte. Heute unvorstellbar.
1954 schaffte Herrmann es dabei an einem Bahnübergang nicht, rechtzeitig zu bremsen: Geistesgegenwärtig schlug er seinem Beifahrer Herbert Linge auf den Helm, damit dieser sich ducken solle. In den flachen Wagen gekauert schossen die beiden unter der Schranke hindurch und knapp vor einem sich nähernden Zug auf die andere Seite. Am Ende gewannen sie die Klasse, in der sie gemeldet waren.

Herrmanns größter Erfolg datiert aus seiner späten Karrierephase: 1970 gewann er mit 42 Jahren zusammen mit dem Briten Richard Attwood im strömenden Regen das 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Es war der erste Gesamtsieg für Porsche bei dem Langstreckenklassiker. Danach beendete Herrmann seine Rennfahrer-Karriere, wie er es seiner Frau versprochen hatte.
Später war Hans Herrmann als Geschäftsmann in der Automobilzubehör-Branche erfolgreich. 1991 wurden seine Frau und er Opfer einer Entführung. Sie kamen gegen Lösegeld frei. Der Fall blieb ungeklärt, auch Aktenzeichen XY konnte nicht weiterhelfen.
Hans Herrmann kam oft glimpflich davon. Dass der Unfall 1959 auf der Avus, der ihm seinen Spitznamen einbrachte, so ablief, habe aber nicht nur mit Glück zu tun gehabt, hat er später oft betont: Als er realisierte, dass die Bremsen versagten, habe er das Auto bewusst gegen die Strohballen gelenkt, von denen er wusste, dass sie schwer waren, weil es zuvor stark geregnet hatte. So habe er die Gefahr so gut es ging von den Zuschauern und sich weglenken wollen. Das glückte.
In den Schumacher-Jahren wurde Hans Herrmann noch öfter zu den Formel-1-Rennen befragt, von denen er sich keines am Fernseher entgehen ließ. Als einstige Porsche- und Mercedes-Größe genoss er Ausnahmestatus. Er war einer der letzten Zeitzeugen, der von den Anfangsjahren des Motorsports erzählen konnte, was er gerne und anschaulich tat.
In der Nacht auf Freitag ist Hans Herrmann im Alter von 97 Jahren gestorben.
