Hannover 96: Keine Politik mehr, kein Schmerz – die Läuterung eines Klubs

Hannover 96 hat eine turbulente Vergangenheit hinter sich. Nun geht es wieder um Fußball statt Politik. Und die runderneuerte Mannschaft macht Hoffnung, dass die lange Zeit in der 2. Liga bald endet. Aus Sicht des Trainers kommt es auf einen Punkt an.

Für nostalgische Rückblicke steht Jörg Schmadtke nicht zur Verfügung. „Wir wären alle gut beraten, uns auf den Neustart zu konzentrieren, statt uns um die Vergangenheit zu kümmern“, sagt der neue Geschäftsführer Sport von Hannover 96. Denn die Vergangenheit wecke „auch immer Erwartungen“. Zumal dann, wenn die Vergangenheit so bewegt und so erfolgreich war.

Von 2009 bis 2013 war Schmadtke schon einmal in gleicher Funktion bei den Niedersachsen. In diesen knapp vier Jahren ereigneten sich Dinge, über die heute noch viel gesprochen wird: Der Klub wurde damals emotional regelrecht durchgeschüttelt.

Am 10. November 2009 hatte sich Robert Enke das Leben genommen. Der Freitod des Torhüters war ein brutaler Schock. Die Mannschaft, damals noch in der Bundesliga, war monatelang wie gelähmt. Zu Beginn der Rückrunde musste Schmadtke den Trainer wechseln. Mirko Slomka kam, doch es dauerte, bis sich die Verkrampfung löste. Erst spät konnte der Klassenverbleib gesichert werden.

Hannover 96 spielt im siebten Jahr in Folge in der 2. Liga

Es folgte ein kaum für möglich gehaltener Höhenflug. Die Saison 2010/2011 wurde mit 60 Punkten die erfolgreichste der Vereinsgeschichte – Hannover spielte sogar lange um die Champions-League-Plätze, zog am Ende in die Europa League ein. Hier ging es im Spieljahr darauf bis ins Viertelfinale, und im Sommer 2012 schaffte es 96 erneut in die Europa League.

Doch es gab auch die für Hannover üblichen Missklänge: die Ultra-Plakate gegen Geschäftsführer und Vereinspatron Martin Kind und ein Fallout zwischen Schmadtke und Slomka. Die von Kind initiierte Versöhnung der beiden Architekten des Erfolges scheiterte – am 17. April 2013 wurde der Vertrag mit Schmadtke aufgelöst.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich 96 bereits im Abschwung, wenn es auch noch bis Sommer 2016 dauerte, ehe der Verein in die Zweite Liga abstieg. Das sei nur ein Betriebsunfall, dachten viele. Kind rief den sofortigen Wiederaufstieg aus, investierte noch einmal. Es klappte. 2017 ging es wieder hoch – doch nach abermals zwei Jahren, mittlerweile hatte der Streit zwischen Kind und den Fans den Klub regelrecht gespalten, ging es erneut runter. Mittlerweile spielen „die Roten“ im siebten Jahr in Folge im Unterhaus.

Es waren größtenteils schmerzhafte Jahre, in denen der Eindruck entstand, in Hannover ginge es mehr um Politik als um Fußball. Kind wollte eine gerichtliche Ausnahme von der „50+1“-Regelung erstreiten und den Verein ganz übernehmen. Auf den Mitgliederversammlungen kam es zu Turbulenzen. Ende Juli 2022 wurde der Unternehmer dann als Geschäftsführer der Hannover 96 Management GmbH abgesetzt. Kind klagte dagegen. Am 16. Juli 2024 entschied der Bundesgerichtshof letztinstanzlich, dass er gar nicht klageberechtigt war. Seither ist es merklich ruhiger geworden. Endlich, sagen viele.

15 Spieler gingen, 16 kamen

Seither geht der Blick wieder auf die Leistung der Mannschaft – und die macht vor allem in der laufenden Saison Mut. Hannover liegt zehn Spieltage vor Schluss mit 45 Punkten in Lauerstellung hinter den Aufstiegsplätzen. „Wir sind auf einem guten Weg und bei der Musik oben dabei. Wichtig ist, dass wir wachsam bleiben und nichts verschenken“, sagt Schmadtke, der seit Januar wieder bei 96 ist. Er trat die Nachfolge von Marcus Mann an, der zu RB Salzburg wechselte. Im Wesentlichen führt er dessen Arbeit fort.

Das Fundament, um wieder von der Rückkehr ins Oberhaus träumen zu dürfen, wurde im vergangenen Sommer gelegt. 15 Spieler gingen, 16 kamen. Was anfänglich noch als Risiko eingeschätzt wurde, hat sich mittlerweile als genutzte Chance herausgestellt. „Es hatte ein Für und Wider. Es waren ja auch viele Spieler unter den Abgängen, die eine hohe Qualität haben. Aber gleichzeitig hatten wir auch die Chance, mit diesem Umbruch unsere Gedanken zu verwirklichen“, sagt Christian Titz. Auch der Trainer war im Juli neu gekommen.

Die runderneuerte Mannschaft überzeugt: Torhüter Nahuel Noll, eine Leihgabe der TSG Hoffenheim, macht seine Sache trotz der nervigen Vergleiche mit seinem beliebten Vorgänger Ron-Robert Zieler ordentlich. Virgil Ghita, der neue rumänische Innenverteidiger, gibt der Defensive Halt. Maurice Neubauer, der von der SV Elversberg kam, sorgt auf der linken Seite für Dynamik und tritt zudem bei Standardsituationen gefährlich in Erscheinung. Vor allem aber garantiert der neue Mittelstürmer, Benjamin Källmann, für Torgefahr. Der Finne, der wie Ghita von KS Krakau kam, hat 13 Treffer erzielt.

Das Gerüst für den Aufstiegskampf wirkt gefestigt

Die neue Mannschaft hat sich schnell gefunden – auch wenn der Prozess mit gewissen Schwankungen einherging. Trotz des guten Saisonstarts mit vier Siegen in Serie gelang es 96 nicht, sich dauerhaft auf den Aufstiegsplätzen zu behaupten. Das sei auch nicht zu erwarten gewesen, so Schmadtke. „Wir haben das Team auf vielen Positionen verändert, ein neues Trainerteam installiert. Wenn du dann zum Abschluss der Halbserie Fünfter bist, dann ist nicht so viel verkehrt gemacht worden.“ Es wären zwar „sechs bis acht Punkte“ mehr möglich gewesen, „doch das ist auch ein Prozess bei einer jungen Mannschaft“, so der Geschäftsführer.

Dafür starteten die Hannoveraner dann in 2026 durch. Mit 16 Zählern ist die Mannschaft von Titz das beste Rückrundenteam. „Wir entscheiden jetzt die Spiele regelmäßiger für uns und haben den Abstand zu den oberen Plätzen verkürzt“, erklärt der Trainer, unter dessen Ägide sich auch eine neue Hierarchie herausgebildet hat. Weitere Zugänge wie Noel Aséko und Daisuke Yokota haben sich mittlerweile in der Mannschaft etabliert. Auch Kolja Oudenne und Neukapitän Enzo Leopold, die schon länger da waren, nutzten den Umbruch.

Das Gerüst, um im Aufstiegskampf ein entscheidendes Wörtchen mitzureden, wirkt gefestigt. Das muss allerdings auch so bleiben. „In den letzten Saisonspielen wird es auch auf das Nervenkostüm ankommen. Du musst stabil im Rennen bleiben und punkten“, sagt Titz. Die Mannschaft müsse ihre Hausaufgaben erledigen. Am Sonntag kommt die SpVgg Greuther Fürth (13.30 Uhr, im Sport-Ticker der WELT). Es sollte ein Sieg her.