Handball-WM: Top-Thema für die Tagesschau – Sport

Am Freitagabend um 20 Uhr waren die deutschen Handballerinnen die Top-Meldung in der Tagesschau. So was ist dieser Mannschaft noch nie passiert. Exakt 45 Minuten zuvor hatte sie in Rotterdam ihr WM-Halbfinale gegen den amtierenden Weltmeister und Olympia-Zweiten Frankreich mit 29:23 gewonnen. Am Sonntag bestreiten die deutschen Spielerinnen ab 17.30 Uhr (live in der ARD) in Rotterdam das WM-Finale gegen den amtierenden Olympiasieger und Europameister Norwegen. Am Sonntagabend um 20 Uhr als Weltmeister noch mal Top-Meldung in der Tagesschau zu sein, könnte allerdings schwierig werden. Norwegen ist noch mal deutlich stärker als Frankreich. Aber diesen deutschen Handballerinnen ist auf ihrem rauschhaften Siegeszug alles zuzutrauen.

Man muss den Einzug ins WM-Finale noch mal in historische Verhältnisse setzen. Seit 1993 war eine deutsche Frauenhandballmannschaft in keinem WM-Endspiel mehr und seit 2007 in keinem WM-Halbfinale. 1993 gewann Deutschland sensationell Gold und 2007 Bronze. Dies war die bislang letzte Medaille gewesen. Jetzt haben sie Silber sicher und könnten mit einer Sensation gegen Norwegen den zweiten gesamtdeutschen Frauenhandball-WM-Titel holen. In den Siebzigern war das Frauennationalteam der DDR dreimal Weltmeister.

Vater des Erfolgs:  Bundestrainer Markus Gaugisch bejubelt stolz die Leistung seiner Mannschaft im WM-Halbfinale gegen Titelverteidiger Frankreich.
Vater des Erfolgs:  Bundestrainer Markus Gaugisch bejubelt stolz die Leistung seiner Mannschaft im WM-Halbfinale gegen Titelverteidiger Frankreich. (Foto: Federico Gambarini/dpa)

Noch am Freitagabend gab es Glückwünsche von höchsten Stellen. „Sie haben den Titelverteidiger bezwungen, und seit Jahrzehnten steht wieder eine deutsche Frauenhandballmannschaft im Finale, das ist großartig! Toi, toi, toi für Sonntag!“, gratulierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Handballerinnen bei Instagram. Bundeskanzler Friedrich Merz schloss sich im Internet an: „Was für ein Spiel – Einzug ins WM-Finale für unsere Handballerinnen. Sie begeistern mit Kampfgeist und Können gegen die Titelverteidigerinnen aus Frankreich. Herzlichen Glückwunsch! Jetzt heißt es: voller Einsatz für den letzten Schritt. Ganz Deutschland fiebert mit.“

Gruppenbild nach getaner Arbeit: Die deutschen Handballerinnen stehen erstmals seit 32 Jahren wieder in einem WM-Endspiel.
Gruppenbild nach getaner Arbeit: Die deutschen Handballerinnen stehen erstmals seit 32 Jahren wieder in einem WM-Endspiel. (Foto: Federico Gambarini/dpa)

Mit dem achten Sieg im achten Spiel binnen 17 Tagen setzten die deutschen Spielerinnen eine beeindruckende WM-Serie fort. Keiner dieser Erfolge wurde mit weniger als vier Toren Vorsprung erzielt. Mit sieben Toren Unterschied wurde im Viertelfinale Brasilien geschlagen, mit sechs Treffern im Halbfinale Frankreich. Nicht einmal 1993 war das deutsche Team ohne Niederlage ins Finale marschiert. Damals war eine der Spielerinnen im deutschen Kader Andrea Bölk. Sie ist die Mutter der heutigen Nationalspielerin Emily Vogel, die seit ihrer Hochzeit im Sommer nicht mehr Bölk heißt. Es wäre ein eigenes kleines Handball-Wunder, sollte Andrea Bölk vor Ort in Rotterdam miterleben, wie ihre Tochter Emily 32 Jahre später ebenfalls Weltmeisterin wird. „Im Endspiel ist alles möglich“, sagte Mutter Bölk am Freitagabend in der Rotterdamer Ahoy-Arena am ARD-Mikrofon.

„Norwegen ist unfassbar stark“, sagt Bundestrainer Markus Gaugisch, „das wird eine Riesenaufgabe für uns“

Das würde der Bundestrainer Markus Gaugisch niemals dementieren, allerdings klang aus ihm größte Ehrfurcht, als die Norwegerinnen ihr anschließendes Halbfinale gegen Gastgeber Niederlande haushoch mit 35:25 gewonnen hatten. „Norwegen ist unfassbar stark“, sagte der 51 Jahre alte Schwabe, „das wird eine Riesenaufgabe für uns – aber es ist eine Ehre, das WM-Finale gegen die beste Mannschaft der Welt zu spielen.“

Sportvorstand Ingo Meckes nannte den deutschen Sieg gegen Frankreich „ein unglaubliches Statement“. Die Mannschaft habe „den Weltmeister über 60 Minuten beherrscht, im Stile einer Spitzenmannschaft“. Norwegen im Endspiel bezeichnete Meckes als „den ultimativen Endgegner“. Dort habe die deutsche Mannschaft nichts zu verlieren. Alle glauben aber an die Chance für das deutsche Team.

Allein dieses Endspiel und damit mindestens Silber erreicht zu haben durch einen Sechs-Tore-Sieg gegen Frankreich, das bewerteten vier Spielerinnen mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Prägnanz: Die Torfrau Katharina Filter fand es „sehr verrückt“, die Kapitänin Antje Döll „phänomenal“, die junge Rückraum-Shooterin Viola Leuchter „Wahnsinn“ und Emily Vogel schlichtweg „geil“.

Das Finale wird das größte Spiel für jede einzelne der 17 Handballerinnen im deutschen Kader

Vogel, 27, spielt seit neuneinhalb Jahren in der Nationalmannschaft und hat bei zehn Turnieren miterlebt, wie das Team mal mehr, mal weniger klar am jedes Mal ersehnten Einzug ins Halbfinale gescheitert ist. Im elften hat es nun endlich geklappt. „Das ist eine Riesenbelohnung für so viele Jahre der Enttäuschungen und Entbehrungen“, sagte sie. Xenia Smits, 31, für die es ebenfalls das elfte Turnier ist, sagte, ihr falle ein Stein vom Herzen: „Wir belohnen uns für all das, was wir uns in den letzten Jahren erarbeitet haben.“

Smits schickte im Interview bei ‚Sporteurope.tv‘ auch explizit einen Dank ans Trainerteam um Markus Gaugisch: „Die Video-Vorbereitung ist immer auf den Punkt, sie arbeiten Tag und Nacht, um uns bestmöglich auf jedes Spiel vorzubereiten.“

Die Tagesschau am Freitagabend haben die Handballerinnen nicht anschauen können. Sie mussten feiern, Interviews geben, laut singend im Bus ins Hotel fahren, zu Abend essen und dann auf den Zimmern mit dem Kopf voller Gedanken irgendwie versuchen einzuschlafen. Einen Tag Pause haben sie, dann kommt das WM-Finale gegen Norwegen. Es wird das größte Spiel für jede einzelne der 17 Handballerinnen im deutschen Kader.