Er hörte regungslos zu, als ob vorne die Lehrkraft Noten verteilen würde. Und zwar die aktuellen, nicht die Eins mit Sternchen von den Olympischen Spielen 2024 in Lille: 14 Tore als Nobody im Viertelfinale gegen Frankreich. Eine epische Leistung, die so schnell nicht zu wiederholen sein würde. Vielleicht nie?
Gislason senkte die Messlatte, als er sagte: „Er muss nichts Besonderes machen, nur sein Talent einbringen. Er wird, wie andere im Team, mit der Erfahrung von Jahr zu Jahr besser werden. Das kommt automatisch.“ Es war, als würde der ganze Saal mit Renars Uscins tief durchatmen: Er muss den deutschen Handball nicht allein tragen!
Aber der 23 Jahre alte Linkshänder darf gern so auftreten wie am Donnerstagabend in Zagreb. Vor 15.200 Menschen brauchte Uscins für seine fünf Tore beim 32:29 nur sieben Versuche. Mut, Wurfkraft und Entscheidungsverhalten erinnerten an den alten, jungen Renars, der als Kopf der U21-Weltmeister von 2023 eine Seniorität ausstrahlte, die ihn den vielen Kindsköpfen vom Jahrgang 2002/03 entwachsen wirken ließen. Wenn sie kasperten, lächelte er milde.
Im 100. Länderspiel unter Bundestrainer Gislason trat die Nationalmannschaft abgeklärt und selbstsicher auf, verkraftete Rückstände, wirkte in wechselnden Formationen wehrhaft gegen Kroaten, die ohne ihren altersbedingt zurückgetretenen Anführer Domagoj Duvnjak eine neue Hackordnung suchen. Allerdings verdeutlichte sich auch wieder einmal Uscins’ Wert: Sein Ersatzmann Franz Semper vom Tabellenletzten Leipzig verbreitete nur Unsicherheit.
Tage des Tapetenwechsels
Der „fachfremde“ Miro Schluroff hat als Rechtshänder schon bessere Auftritte in der Linkshänderrolle erwischt. Soll es klappen mit dem avisierten Halbfinale bei der am Donnerstag beginnenden Europameisterschaft in Dänemark, Schweden und Norwegen, braucht Gislason einen Uscins, der seinen überraschenden Schlagwurf so gezielt einsetzt wie in der Saison 2024/25, zudem Pässe verteilt wie in der abgelaufenen Bundesliga-Hinrunde – da warf er zwar nur jeden zweiten Ball ins Tor, war als Assistent aber am wenigsten daran Schuld, dass Hannover trudelte und jüngst Trainer Christian Prokop entließ.
Der ehemalige Bundestrainer war ab 2022 sein Förderer, als manche ihn nach schwierigen sieben Jahren in Magdeburg schon abgeschrieben hatten. „Er will auch, dass es dir als Mensch gut geht“, sagt Uscins im Gespräch mit der F.A.Z., „wenn ich mal eine schlechte Phase hatte, haben wir diskutiert, ob die vielleicht nicht nur handballerische Gründe haben könnte.“ Einfach überspielt wirkte der Dessauer mit familiären Wurzeln in Lettland. Auch überfordert, eine junge Mannschaft zu führen. Das gipfelte in einen schwarzen Tag beim 26:26 gegen Aufsteiger Minden am 27. Dezember: fünf Versuche, null Tore. Ausgerechnet dieser Auftritt kostetet Prokop in Summe den Job.

Die Frage, ob er die anstehenden Veränderungen im Verein mit sich herumtrage, verneint Uscins. Trotzdem sollen die Tage bei der Nationalmannschaft auch Tage des Tapetenwechsels und der Formverbesserung werden: Mit nur 189 Zentimetern Länge braucht er seine komplette Physis, um in die Weltspitze zu langen. Ein schlapper Uscins ist nur die Hälfte wert.
Rasenmähen mit der Oma
„Ich habe mir viel erarbeiten müssen. Auch den Weg in die Bundesliga. In meiner Familie ging es immer um Fleiß und Bodenhaftung“, sagt er. Die Geschichte, dass seine lettische Oma ein Plumpsklo benutze, war so schön, dass sie noch erzählt wurde, als sie nicht mehr stimmte. Uscins lächelt zwar dazu. Aber er mag die digitalen Medien und ihre Macht nicht: „In der heutigen Zeit von Instagram, Tiktok, dem ganzen, ich sage mal ,Mist’, denken Leute, dass sie was Besseres sind. Weil sie vielleicht mehr Klicks haben. Das kotzt mich an“, sagt er in der ARD-Doku „Generation Goldjungs“, worin es über ihn, Torwart David Späth und Rückraumwerfer Marko Grgic geht.
Das war schon ein bemerkenswerter Gefühlsausbruch eines jungen Profis, der sich im Sommer beim Scheite stapeln und Rasen mähen mit Oma in Lettland „erholte“. Das sind nötige Pausen für seinen Geist in der anstrengenden Handball-Bundesliga; dort wollen ihn die Fans am liebsten als Wurfmaschine sehen.
Er liebt es, Handball zu spielen und die Leute mitzureißen. Gleichwohl begann Uscins, BWL zu studieren. Als Kaffee-Narr des Teams gilt er schon länger. Daheim in Dessau eröffnete er neulich das Café „1023“. Der Name ist gebildet aus seinen Rückennummern in Hannover (10) und dem Nationalteam (23). Geführt wird der Laden von Renars Uscins Mutter Aija: Er hat ihn ihr geschenkt.
