analyse
Dass Deutschland bei der Handball-EM voll auf Halbfinalkurs bleibt, lag diesmal an anderen Tugenden als spielerischer Klasse. Gegen Dänemark-Besieger Portugal half am Donnerstag (22.01.2026) beim 32:30-Erfolg die Brechstange – vor allem in Person von Miro Schluroff.
Dass Andreas Wolff ein Freund der feinen Klinge im Handballsport ist, hat er vor dem Duell mit Österreich in der Vorrunde nachhaltig zu Protokoll gegeben. Da hatte er den „Anti-Handball“ von Team Austria aufs Korn genommen, sich allerdings später – als ausgerechnet Österreich dem DHB-Team am letzten Gruppenspieltag entscheidende Schützenhilfe leistete – in aller Form entschuldigt.
Wolff feiert die Rückraum-Geschosse
Dass auch Wolffs Team ganz ausgezeichnet Anti-Handball spielen kann, zeigte die erste Hälfte gegen Portugal. Neun Ballverluste und technische Fehler standen da nach 30 Minuten zu Buche, mehr als doppelt so viel wie in der kompletten Partie gegen Spanien (34:32). Im zweiten Durchgang wurde die Offensivleistung zwar deutlich ansehnlicher, doch die Zahl der technisch hochwertig herausgespielten Tore blieb gegenüber der Brechstange aus dem Rückraum klar in der Unterzahl. Das fand Wolff aber ganz ausgezeichnet.
Er feierte Schluroff, der mit sieben Toren bei acht Versuchen – alle im zweiten Durchgang – zum X-Faktor des Spiels wurde, für die rohe Gewalt, mit der der Gummersbacher die Bälle „unerbittlich reinschrotete“. Wolff selbst steuerte laut der offziellen Spiel-Statistik 13 Paraden bei, doch Bundestrainer Alfred Gislason erklärte, dass die EHF gleich drei Ballberührungen von ihm übersehen habe: „Für uns hat er 16 Bälle abgewehrt. Er war überragend, genau wie Miro.“
„Ein bisschen Training ist schon dabei“
Schluroff selbst war ebenfalls begeistert von seinem Auftritt: „Ich bin sehr froh, dass ich in der zweiten Halbzeit einige Akzente setzen und meinen Beitrag leisten konnte“, sagte er der Sportschau. „Es fällt eine Riesenlast ab. Das war ein unfassbar wichtiges Spiel für den Ausgang dieser Gruppe und jetzt ist die Freude einfach riesig.“
Woher er seine „Steinschleuder“ (so nannte Teamkollege Marko Grgic die 130-km/h-Kracher) nimmt, erklärte Schluroff lachend so: „Ein bisschen Training ist schon dabei. Aber natürlich auch viel Technik.“ Wichtiger war ihm noch eine andere Botschaft: „Das Spiel hat gezeigt, was uns hier als Mannschaft ausmacht. Wenn einer mal nicht so krass performt, kommen zwei, drei andere rein und können was bewirken.“
Zwei Tore aus unmöglicher Entfernung
Dazu gehörten auch richtige Nackenschläge für die Portugiesen. Als das Spiel acht Minuten vor Schluss beim Stand von 24:23 auf Messers Schneide stand und wegen eines angezeigten Zeitspiels ein Notwurf aus fast zwölf Metern hermusste, feuerte Schluroff die Kugel ins rechte untere Eck – ein Wahnsinnstor.
Als dann Johannes Golla eine sehr umstrittene Rote Karte sah und die Portugiesen wieder auf 25:26 dran waren, „schrotete“ Schluroff den nächsten Distanzwurf ins Netz. Diesmal war es ein Aufsetzer von jenseits der Neun-Meter-Linie, der Portugals Trainer Paulo Pereira an der Seitenlinie zum Wutausbruch brachte.
Deutscher Angriff bleibt unberechenbar
Als sich anschließend die portugiesische Abwehr noch mehr auf Schluroff stürzte, war endlich Freiraum für Renars Uscins vorhanden, der das Spiel mit drei Toren in den letzten zweieinhalb Minuten über die Ziellinie brachte. Uscins war zuvor gegen Spanien der Matchwinner, diesmal war es im Angriff Schluroff, beim Auftakt gegen Österreich Golla. Der nächste Gegner Norwegen hat nun das Problem, dass er definitiv nicht weiß, wer beim DHB-Team am kommenden Samstag (20.30 Uhr/live im ARD-Audiostream) über sich hinauswächst.

