Auf geht’s zum Siebenmeterwerfen. Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Normalerweise erledigt Lukas Zerbe die Angelegenheit im deutschen Handballteam. Stellt sich auf, täuscht den Torwart, trifft. Oder trifft nicht, was in den drei EM-Vorrundenbegegnungen unverhofft oft passierte. Weil die Erfolgsquote vom Siebenmeterstrich nur bei etwas über fünfzig Prozent gelegen hatte – ein aus vergangenen Turnieren bekanntes Übel –, probierte Alfred Gislason etwas Neues.
Eine Art Siebenmetercasting für die Nationalspieler. „Ich saß in meiner Ecke und habe zugeschaut, was sie machen“, sagte der Bundestrainer. Seine Wahl fiel auf Nils Lichtlein, der daraufhin baff war. Geht der Spielmacher bei den Füchsen Berlin doch nur in begründeten Ausnahmefällen wie Verletzungen zum Siebenmeterstrich.

Experiment gelungen, Portugal geschlagen, das Halbfinale im Hinterkopf: Beim 32:30-Erfolg zum Hauptrundenauftakt vollstreckte Lichtlein seine ersten drei Siebenmeter und brachte mit seinen Kurzauftritten Verlässlichkeit in die Mannschaft, die eine Halbzeit lang wenig mit sich anzufangen wusste und vor Fehlern strotzte. „Er hat sich nicht angeboten, es aber im Training super gemacht“, sagte der Bundestrainer lobend zum Werk des Spielers und zu seinem eigenen Beitrag.
Gislason hat neben großen Kämpfern auch Könner
Willkommen in Gislasons Ideenwerkstatt, die mitunter ungewohnte Modelle produziert. Nicht immer funktionieren sie reibungslos. Manchmal bleiben sie auf der Strecke, siehe die Coachingfehler, die zur Niederlage gegen Serbien führten. Doch über seinen Einfall, den in dieser Hinsicht zögerlichen Lichtlein zum Siebenmeterschützen beordert zu haben, konnte sich der Bundestrainer freuen.
Und was wird ihm für die zweite Hauptrundenpartie am Samstag gegen Norwegen (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, bei ZDF und Dyn) einfallen? „Wir haben die ersten Ideen gesammelt“, sagte Ko-Trainer Erik Wudtke am Freitag: „Jetzt müssen wir schauen, welche Taktiken gut zum Spiel der Norweger passen.“
Es gehört zum Glück und Geschick Gislasons, neben großen Kämpfern auch Könner zu haben in der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB). Spieler wie den schnellen und schmächtigen Lichtlein, der in der Rückraummitte phasenweise Juri Knorr und am Siebenmeterstrich Lukas Zerbe entlasten kann.
Oder wie den zweiten EM-Debütanten Miro Schluroff, der im DHB-Rückraum zwischen den Halbpositionen pendeln muss, in der zweiten Halbzeit gegen Portugal auf der bevorzugten linken mächtig aufspielte. Dort hatten Julian Köster und Marko Grgic, der seinen Bundesligaschwung aus Flensburg nicht zur EM ins benachbarte Dänemark hinüberzuretten vermochte, zuvor kaum Impulse setzen können.
Schluroff schlug ein. Vor allem waren es seine Würfe, die einschlugen. Selbst unvorbereitet und in Zeitnot holt Schluroff mit Schmackes das Beste heraus. Er traf siebenmal. „Bei seiner Wurfkraft kann kein Torhüter den Ball sehen“, sagte Gislason. Der Mann mit der „Wumme“ (Torhüter David Späth) hat vom Bundestrainer die Lizenz zum schnellen Abschluss. Mehr als 120 Kilometer in der Stunde wirft der Gummersbacher in der Regel, mit der Spitzengeschwindigkeit von 134,1 Kilometern pro Stunde führt er die Turnierwertung an.
Rune Dahmke könnte die Ideenwerkstatt bereichern
Obenauf ist auch die DHB-Auswahl, steht sie doch in ihrer hammerharten Hauptrundengruppe als einzige mit dem Optimum von vier Punkten da. „Jetzt haben wir eine komfortablere Ausgangslage, aber man weiß noch gar nichts“, sagte Schluroff. Ein bisschen schlauer wird die DHB-Auswahl am späten Samstagabend sein. Die Skandinavier, in den vergangenen fünf Jahren keine feste Größe mehr im Medaillenkampf, spielen unerwartet stark.
Ihr Starspieler, Sander Sagosen, glänzt bei der EM mehr als Vorbereiter denn als Vollstrecker. Eine Begegnung mit ihm ist so oder so kein Vergnügen. Den früheren Kieler Bundesligaprofi müsse man „früh attackieren, um (ihm) Geschwindigkeit zu nehmen“, warnte Wudtke: „Auch wenn es wehtut, wenn ein paar Kilo auf dich zufliegen, muss man den Körper reinstellen.“
Die Ideenwerkstatt des Trainerteams könnte Rune Dahmke bereichern. Der Kieler Linksaußen ist im DHB-Team der intimste Kenner des norwegischen Handballs: Seine Frau Stine ist die Schwester von Sagosens Frau Hannah. „Es wird für uns wichtig sein, relativ hart und gut in die Partie zu starten, damit wir ihnen den Wind aus den Segeln nehmen“, sagte Dahmke mit Blick auf die Abwehr. Sie bildet bisher das Prunkstück der Deutschen.
Im Angriff dagegen rumpelt es oft. Aus sieben Metern, wo Zerbe wieder von Lichtlein übernommen hat, wie aus der Distanz, wo Schützen wie Schluroff und Renars Uscins gebraucht werden. „Wenn wir es schaffen, dass wir immer wieder ein, zwei Spieler in eine herausragende Form bringen pro Spiel“, sagte Nationalmannschaftsmanager Benjamin Chatton, „dann haben wir diesen X-Faktor, den wir wahrscheinlich auch brauchen.“
Zum Schluss ein weiterer Hoffnungsschimmer: Norwegen ist in der Hauptrunde das einzige Team, das eine schlechtere Trefferquote aus sieben Metern hat als die deutsche.
