Handball-EM: Die deutsche Fehlerkette beginnt beim Trainer

Alfred Gislason im Spiel gegen Serbien

Stand: 18.01.2026 03:13 Uhr

Dass Deutschlands Handballer nach der 27:30-Pleite gegen Serbien plötzlich vor dem EM-Aus stehen, lag natürlich nicht nur an der Auszeit-Panne von Alfred Gislason. Doch es kamen weitere Fehler hinzu, von der Mannschaft, aber auch vom Bundestrainer – eine Analyse.

Überraschungen in der Startformation

Die erste Überraschung des Abends lieferte Gislason schon mit seiner Startformation. Als es in das wegweisende Duell um den Einzug in die Hauptrunde ging, stand beispielsweise mit Rune Dahmke der Mann beim Anwurf auf dem Spielfeld, den der Bundestrainer beim Auftaktsieg gegen Österreich (30:27) aus dem Spieltags-Kader gestrichen hatte. Da war er ihm also nicht mal gut genug für die Top-16. Im Tor begann nicht der gegen Team Austria überragende Andreas Wolff, sondern David Späth. Hintergrund dieser Maßnahmen war, dass Gislason möglichst große Teile seines Kaders „ins Turnier holen“ wollte. Die Serben machten diesem Ansinnen allerdings einen deutlichen Strich durch die Rechnung. Und als es eng wurde, saßen Dahmke oder Späth wieder draußen.

Knorr spielte stark – aber zu wenig

Auch Juri Knorr durfte nach seiner Bank-Verbannung gegen Österreich (er kam erst nach 22 Minuten) diesmal starten – und machte das herausragend. Der Aalborger übernahm Verantwortung, machte auch Fehler, traf aber im ersten Durchgang gleich viermal und glänzte mit spektakulären Assists. Dass ihn Gislason dann im zweiten Durchgang ausgerechnet in der wichtigsten Phase der Partie plötzlich auf die Bank setzte, kritisierte Knorr im Sportschau-Interview überraschend deutlich: „Natürlich brodelt es in einem, wenn man da draußen sitzt.“ Und weiter: „Ich verstehe es auch nicht ganz“ Dazu monierte er, dass andere Kollegen „60 Minuten durchspielen“.

Grgic wie bei der WM abgestraft

Die Bank war auch für Markos Grgic wieder mal der Hauptaufenthaltsort. Nach seiner schwachen Leistung gegen Österreich hatte er im ARD-Interview gegen die Serben Wiedergutmachung angekündigt. Doch der Rückraumschütze, der in der vergangeben Bundesliga-Saison mit 296 Treffern sogar öfter traf als Welthandballer Mathias Gidsel, musste die komplette erste Hälfte zuschauen. Als die Partie kippte, erinnerte sich Gislason dann an in der 43. Minute plötzlich an Grgic. Der kam kalt von der Bank – und fand dann nicht mehr ins Spiel. Das Szenario kennt er noch aus dem Vorjahr: Auch bei der WM 2025 verzieh ihm Gislason keine Fehler.

Trainer „klaut“ ein eigenes Tor

Gerade in dem Moment, als Juri Knorr den Ball zum vermeintlichen 26:26 über die Linie beförderte, hatte sein Trainer den Auszeit-Buzzer gedrückt, weil er statt auf das Spielfeld auf den Videowürfel an der Hallendecke geschaut hatte – das Tor zählte nicht. Nach dieser kuriosen Panne ging beim DHB-Team nichts mehr. Gislason zeigte später immerhin Größe und sagte in der ARD: „Mein Fehler, das geht natürlich auf meine Kappe..“

Unnötige Hektik und wilde Wurfauswahl

Andreas Wolff hatte 42 Minuten von draußen und dann die letzten 18 im Tor einen guten Überblick über das, was vor ihm schieflief. Statt in Führung liegend die Angriffe überlegt auszuspielen, brach nach der 17:13-Pausenführung plötzlich totale Hektik aus. Es gab Würfe aus großer Distanz oder nach viel zu kurzer Vorbereitungszeit, die Serbien-Keeper Dejan Milosavlev sogar festhalten konnte – im Handball die Höchststrafe. Wolff im Sportschau-Interview schonungslos offen: „Wir haben in der zweiten Hälfte unser Angriffskonzept komplett verloren. Wir haben nicht mehr mit dem nötigen Druck zum Tor gespielt, sondern unvorbereitete und individuelle Abschlüsse genommen.“ 22 Mal zielten die Deutschen aus neun oder mehr Metern aufs serbische Tor – zwölf dieser Würfe scheiterten.

Fehlpässe, Ballverluste, Siebenmeter-Pannen

Zur Pause hatte Deutschland noch mit 17:13 geführt, verlor dann den zweiten Durchgang krachend mit 10:17. Das war neben der wilden Wurfauswahl auch eine Folge von unnötigen Ballverlusten, krassen Fehlpässen, plumpen Stürmerfouls und einem in der entscheidenden Phase weit über das Tor platzierten Siebenmeter von Lukas Zerbe. Julian Köster wütend: „Wir brechen komplett ein, werfen die Bälle einfach weg.“ Renars Uscins monierte dazu noch im Sportschau-Interview: „Wir schaffen es schon im ersten Durchgang nicht, unsere Dominanz noch besser auszunutzen. Schon da machen machen wir ein, zwei Fehler zuviel.“ Jetzt gehe es darum, die Pleite abzuhaken, aufzuarbeiten und gegen Spanien die Fehler abzustellen. Die To-do-Liste ist allerdings ziemlich lang.