Applaus statt Aus: Die deutschen Handballer haben dem enormen Druck bei der EM standgehalten und die Hauptrunde erreicht – weil sie sich als echtes und stressresistentes Team zeigten und Bundestrainer Alfred Gislason endlich die ganze Kaderbreite nutzte. Das 34:32 über Spanien am Montag (19.01.2026) war nur möglich, weil Trainer und Team die richtigen Lehren aus der Serbien-Pleite zogen.
Am Ende des Abends in Herning, es war kurz vor 23 Uhr, brachte der oft knorrig und stur wirkende Gislason die versammelten Journalisten in der Interview-Zone zum Lachen. Der 66-jährige Isländer erinnerte nochmal an den Vortag vor dem Showdown gegen Spanien, als die Stimmung rund um die deutsche Mannschaft komplett im Keller war. In einer denkwürdigen Pressekonferenz hatte Gislason die Schuld für den Einbruch gegen Serbien komplett auf sich genommen.
„Wollte den Druck von der Mannschaft nehmen“
Seine Auszeit-Panne, mit der er der eigenen Mannschaft ein Tor klaute, habe einen, wenn nicht gar zwei Punkte gekostet, hatte er gesagt. Am Ende auch noch offensiv zu spielen, statt die Niederlage bei zwei Toren zu halten – auch sein Fehler. Und schlecht gewechselt habe er auch noch, er hätte nach eigenen Worten beispielsweise unbedingt Justus Fischer für Johannes Golla bringen müssen, gab er zu.
Zu diesen Sätzen stand er natürlich auch noch am nächsten Abend. Aber er erklärte seine offenen Worte auch so: „Ich habe alles versucht, um den Druck von der Mannschaft zu nehmen und auf mich zu lenken. Und da habt ihr mir alle super bei geholfen. Schönen Dank euch dafür!“
Bob Hanning? „Soll sich auf Italien konzentrieren“
Tatsächlich war das Trainer-Thema – bei einem Aus in der Vorrunde wäre Gislason mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von seinem Amt entbunden worden – in der Öffentlichkeit sehr präsent gewesen. Selbst ein Amtskollege hatte ihn angezählt, Italien-Trainer Bob Hanning kritisierte Gislason für seine Coaching-Pannen gegen Serbien scharf.
Wie das bei Gislason ankam? Er überlegte kurz, als ihm diese Frage gestellt wurde. Und sagte dann lächelnd: „Ich würde ihm einfach raten, sich mehr auf die italienische Nationalmsnnchaft zu konzentrieren.“ Italien hat bisher beide Spiele bei der EM klar verloren und vor der letzter Partie am Dienstag gegen Polen schon keine Chance mehr auf die Hauptrunde.
„Haben uns als echtes Team erwiesen“
Deutschland hingegen ist plötzlich Gruppenerster und nimmt sogar noch zwei Punkte mit in die Kracher-Spiele, aller Voraussicht nach heißen die Gegner Dänemark, Norwegen, Portugal und Frankreich. Wenn man den Lerneffekt des Bundestrainers und seines Teams von Samstag auf Montag zum Maßstab nimmt, scheint da plötzlich alles möglich. Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie wirklich eine Mannschaft ist: „Es war eine Achterbahn der Gefühle, aber wir haben uns als echtes Team erwiesen„, feierte Fischer im Soortschau-Gespräch. „Einfach jeder, der reinkam, hat performed. Und natürlich war es auch ein Schlüssel, dass wir diesmal die Last auf viele Schultern verteilt haben.“
Fischer selbst war das Beispiel für diese These, das gab auch Gislason zu: „Ich hatte eigentlich den Plan, ihn in beiden Halbzeiten mal für zehn Minuten zu bringen, um Golla zu entlasten. Aber Fischi hat es so grandios gemacht, dass ich ihn dann draufgelassen habe.“ Vier Tore, knallharte Abwehrarbeit und vor allem auch ganz viel Emotionalität im Dialog mit den knapp 10.000 Zuschauern in Herning gab der Hannoveraner seiner Mannschaft.
Auch Häseler und Langhoff erfüllten ihre Rollen
Aber es kam diesmal noch viel mehr von der Bank. Nils Lichtlein fügte sich nach ausgeheilter Fußprellung bei seinem ersten EM-Einsatz blendend ein, auch die zuvor gar nicht oder wenig berücksichtigten Mathis Häseler und Matthes Langhoff erfüllten ihre Rollen hervorragend.
„Die Jungs, die von der Bank kamen, haben das wirklich super gemacht“, lobte Gislason. „Und diesmal haben wir auch die Außen viel besser ins Spiel gebracht, das war extrem wichtig. Für mich persönlich war das eine große Erleichterung, wie diese junge Mannschaft dem Druck standgehalten hat. Die Abwehr war überragend, aber für mich war das auch die beste Angriffsleistung seit Olympia.“
Wolff lobt die Arbeit des Trainers
Spielmacher Juri Knorr, der mit seiner Kritik an Gislason nach dem Serbien-Spiel für zusätzlichen Druck auf den Coach gesorgt hatte, sah das ähnlich : „Jeder in diesem Kader hat das Zeug dazu, das Spiel zu verändern. Das haben wir heute genutzt, obwohl das Momentum vorher eher gegen uns schien.“ Auch Torhüter Andreas Wolff, der genau im richtigen Moment seinen Platz an David Späth übergab, sah das als Schlüssel: „Diesmal hatten wir auch sehr gute Wechsel, heute haben wir die Breite dieses Kaders genutzt. Das war eine gute Arbeit des Trainers.“ Als er das zu den Journalisten sagte, stand Alfred Gislason plötzlich unmittelbar neben ihm. Da mussten beide lachen.

