Andreas Wolff hat schon vor dem Start dieser Europameisterschaft bewiesen, dass er das offene Wort pflegt. Dem Nachbarn aus der Alpenrepublik hatte er „Anti-Handball“ attestiert, was dort nicht so gut ankam. Die österreichischen Handballer reagierten konziliant, indem sie mit ihrem Sieg gegen die Serben den Deutschen den Weg in die Hauptrunde ebneten. Nun legte Wolf mit einem weiteren Bonmot zur Spielweise des ersten Hauptrundengegners Portugal nach, das genau genommen nicht von ihm stammte. Er erzählte, dass Teamkollege Rune Dahmke das Dienstagabendspiel der Portugiesen beim Sieg gegen den hohen Favoriten Dänemark folgendermaßen zusammengefasst habe: „Hinten schlagen sie auf alles ein, was sich bewegt, und vorn haben sie die Costa-Brüder, die dafür sorgen, dass sie Tore werfen.“
Ganz so eindimensional war der Auftritt Portugals nicht, gleichwohl ist die physische Abwehr die große Konstante im Spiel der Iberer. Die beiden Kreisläufer Luís Frade und Victor Iturizza sowie Rückraum-Brocken Salvador Salvador stellen einen zupackenden Innenblock, im Angriff haben die Portugiesen allerdings mehr zu bieten als die in der Tat überragenden Costa-Brüder Francisco, 20, und Martim, 23, von Sporting Lissabon. Bundestrainer Alfred Gislason sieht in ihnen trotz ihres jungen Alters „Weltstars“. Vor allem Francisco wird von vielen als „Jahrhunderttalent“ gefeiert, wie Gislason sagt. „Sie haben auch dann noch Wumms im Arm, wenn sie Körperkontakt haben“, sagt Dahmke, dessen Abwehrstärke wohl wieder vonnöten sein wird, jedenfalls hat er seine muskulären Probleme überstanden.
Portugal hat mehr als die Superbrüder: Rechtsaußen Areia etwa, der gegen die Dänen die entscheidenden Tore warf
Aber die Portugiesen haben mehr zu bieten als eine knüppelharte Abwehr und die Superbrüder, die gegen die Dänen jeweils neun Tore erzielten. Rechtsaußen Antonio Areia etwa, der in der Schlussphase nervenstark die entscheidenden Treffer beisteuerte. Frade zählt zu den weltbesten Kreisläufern, seine Dienste hat sich Topklub Barcelona gesichert. Die Erwartungen in der Heimat sind nach dem Dänen-Sieg schlagartig nach oben geschnellt, Trainer Paulo Pereira sieht seine dringlichste Aufgabe darin, „ruhig zu bleiben. Wir müssen uns auf uns fokussieren, auf das, was wir gut gemacht haben, und das, was wir besser machen können.“
Folglich sind keine Überraschungen zu erwarten, was auch für das deutsche Team gilt: Für die angeschlagenen Dahmke und Lukas Zerbe „sieht es gut aus“, wie Gislason sagte, Rückraumspieler Nils Lichtlein werde ebenfalls rechtzeitig fit. Lichtlein steht stellvertretend für die Breite im Kader, überzeugte gegen Spanien trotz überschaubarer Einsatzzeit mit viel Schwung und guten Ideen. Gute Voraussetzungen, nur das Videostudium des Bundestrainers lief holprig: „Natürlich haben alle die Dänen als Gruppensieger erwartet, das hat mich zwei Stunden gekostet.“ Neben dem Switch in der Spielanalyse wird auch die Anwurfzeit den Rhythmus ändern. Am Donnerstag wird bereits um 15.30 Uhr gespielt, der Ablauf am Spieltag ist somit neu.
Kein großes Problem, sagt Julian Köster, „darauf können wir uns einstellen, und es trifft die Portugiesen genauso“. Wie dem Gegner denn beizukommen sei, gegen den es bei der WM im Viertelfinale eine Niederlage gesetzt hatte? „Wir müssen körperlich dagegenhalten und unsere Torhüter mit intensiver Abwehrarbeit gut reinbringen. Auch unser Tempospiel wird wichtig sein, dann müssen wir uns nicht im Positionsspiel aufreiben.“ Köster will Revanche: „Das hat schon sehr wehgetan.“
Auch Gislason glaubt, dass den Torhütern eine Schlüsselrolle zukommen wird, er vertraue auf sein Duo aus Andreas Wolff und David Späth. Aber auch Portugal habe einiges auf dem beziehungsweise im Kasten, sagt Wolff: „Die haben zwei Maschinen.“

