Es gibt diese obskure Gleichung, keiner weiß, wer sie zum ersten Mal angestellt hat, sie wurde in den vergangenen Tagen jedenfalls des Öfteren bemüht. Auch Erik Wudtke, der Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft, hat sie vor dem Montagsspiel wieder vorgerechnet: Von zehn Spielen gewinnt man eines gegen die Dänen. Das Gute daran? Sie wissen nicht welches. Ganz offenbar handelt es sich weniger um eine empirische Hypothese, denn um eine hoffnungsspendende Annahme, oder die Dänen haben es doch gewusst: dieses Mal nicht. Die Auswahl des Deutschen Handballbunds (DHB) hat am Montagabend die Partie gegen den Weltmeister und Olympiasieger mit 26:31 verloren – und damit die erste Gelegenheit verpasst, vorzeitig ins Halbfinale einzuziehen. Das haben nun die Dänen geschafft.
Den Deutschen hätte dafür bereits ein Unentschieden gereicht, denn in der zweiten Partie des Gruppenspieltags hatten die bis dahin punktlosen und bereits ausgeschiedenen Spanier dem DHB-Team den Gefallen getan, die Franzosen mit 36:32 zu besiegen. So bleibt der Titelverteidiger bei vier Pluspunkten in der Tabelle der Hauptrundengruppe 1 bei dieser Handball-EM. Deutschland hat wie die Dänen sechs Zähler gesammelt, es würde also ein Remis genügen, um die K.-o.-Runde der letzten Vier zu erreichen.
Eine komplizierte Aufgabe, aber keine aussichtslose, sagt Bundestrainer Alfred Gislason: „Aus meiner Sicht sind die Franzosen die zweitbeste Mannschaft im Turnier, also müssen wir 60 Minuten ein super Spiel machen.“ Zuversicht hätten ihm die ersten 40 Minuten der Dänemark-Partie gegeben: „Wenn wir hoch motiviert und ohne Angst ins Spiel gehen, die Abwehr so steht wie in der ersten Halbzeit, dann können wir ein überragendes Spiel machen.“ Was nötig sei gegen den Europameister, der seinerseits bei der Niederlage gegen die stark aufspielenden Spanier keine Furcht einflößende Vorstellung gab.
Liest man zwischen den Zeilen der Einlassungen von Trainer und Spielern, war diese Konstellation wohl in den Hinterköpfen. Gislason nahm vorsorglich seine beiden strapazierten und angeschlagenen Außen aus dem Spiel, er benötige sie am Mittwoch in Bestform, hat er erklärt. Auch Juri Knorr war keineswegs zerknirscht nach der Niederlage: „Wir sind voll im Turnier und haben uns die riesige Chance erkämpft, gegen Frankreich ins Halbfinale einzuziehen, sogar mit der besseren Ausgangsposition. Hätte uns das jemand bei dem Turnierbbaum vorher gesagt, wir hätten es sofort genommen.“
Auch den Dänen wusste die DHB-Auswahl mit einer starken Leistung in der ersten Halbzeit gehörig zuzusetzen. Vor allem die Abwehr verstand es, das enorme Tempospiel der Dänen zu unterbinden und diese ins Positionsspiel zu zwingen. Dort ist Mathias Gidsel zwar nie ganz zu bändigen, aber gegen seinen kongenialen Partner Simon Pytlick gelang das schon deutlich besser, was auch an David Späths Paraden lag, der überraschend für den zuletzt so hervorragend haltenden Andreas Wolff im Tor stand.
Nur versäumten die deutschen Angreifer, mit letzter Konsequenz die Chancen zu nutzen, was teilweise mit Pech zu tun hatte, Marko Grgic etwa donnerte den Ball mehrmals mit immenser Wucht an das dänische Gehäuse. Beispielhaft war der Siebenmeter von Nils Lichtlein, der ebenfalls vom Innenpfosten zurück ins Feld sprang und den 13:13-Ausgleich zur Pause verhinderte. Vor allem im zweiten Abschnitt lag die mangelnde Chancenverwertung aber am dänischen Torhüter, Emil Nielsen spielte sich langsam in seine Galaform, die er eigentlich immer zur Schau stellt.
Dann folgten zwei schnelle Zwei-Minuten-Strafen, eine davon war von der Unparteiischen reichlich übertrieben verhängt worden gegen Marko Grgic, und eine resultierende doppelte Überzahl für den Favoriten. Derlei Gelegenheiten nutzen die Dänen in der Regel mit gnadenloser Effizienz aus, so auch an diesem Abend. Der Weltmeister kam in sein Tempospiel und war fortan, wie so oft, nicht mehr aufzuhalten. Das Perfide an dieser Mannschaft ist, dass jeder Gegner genau weiß, was kommt, es aber nicht verhindern kann. Der Ball zirkelte im Rückraum mit ungeheurer Geschwindigkeit und Präzision, bis in der Regel entweder Gidsel oder Pytlick, die beide jeweils acht Tore erzielten, eine Lücke fanden. Oder es landeten schlecht vorbereitete Würfe in den Händen von Nielsen, der den Ball sofort von hinten herausbeschleunigt, auf dass er über die schnelle Mitte noch schneller im gegnerischen Tor landet.

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Diesen risikoreichen Hochgeschwindigkeitshandball kann nur die dänische Mannschaft in Perfektion spielen
So einfach das klingt, kann diesen risikoreichen Hochgeschwindigkeitshandball nur die dänische Mannschaft in Perfektion spielen, das mussten die Deutschen einmal mehr erkennen. Nun also der zweite Matchball zum Einzug in die Finalrunde gegen die Franzosen, ein eher besiegbar erscheinender Gegner. Und wer weiß, es könnte theoretisch, also rein rechnerisch, zu einem weiteren Aufeinandertreffen mit den Dänen kommen, im Finale.
Der letzte deutsche Sieg in diesem Duell ist zwar bereits zehn Jahre her, aber seither standen sich die beiden Nationalteams erst sechsmal gegenüber. Bleiben noch vier Versuche, um die Rechnung von Erik Wudtke zu belegen.

