Ein Bundestrainer mit 100 Länderspielen – im Fußball wäre das dem Fernsehen vermutlich eine Sondersendung wert. Alfred Gislason hat sein 100. Länderspiel als Handball-Bundestrainer dagegen verpennt. Nicht direkt verschlafen, Gislason stand am Donnerstag in Zagreb schon an der Seitenlinie, hat gecoacht und gejubelt über den Sieg gegen den WM-Zweiten Kroatien. Aber es hat ihm erst hinterher jemand gesagt, dass dies sein Länderspiel Nummer 100 als Bundestrainer gewesen ist.
Kurz innegehalten hat Gislason schon. 100 Länderspiele seien „eine schöne Zahl“, sagt er. Seit Heiner Brand hat es kein Handball-Bundestrainer mehr auf diesen stolzen Wert gebracht: „Das zeigt auch, wie schnell die Zeit vergeht.“

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Ja, die Zeit vergeht, auch für Gislason. Am Donnerstag startet der Isländer mit dem deutschen Team in die Handball-Europameisterschaft in Dänemark, Schweden und Norwegen, mit dem ersten Vorrundenspiel am Abend gegen Österreich (20.30 Uhr/ARD). Es ist sein achtes großes Turnier als Nationalcoach, und man tritt dem früheren isländischen Nationalspieler kaum zu nahe, wenn man behauptet, dass nicht noch einmal hundert Länderspiele dazukommen werden. 66 Jahre ist er mittlerweile alt, sein Vertrag läuft bis 2027, bis nach der Heim-WM in Deutschland. Seine letzte Vertragsverlängerung vor Olympia 2024 musste er sich hart erkämpfen. Über eine weitere Ausdehnung des Arbeitspapiers spricht gerade niemand. Wohl aber hielt es DHB-Präsident Andreas Michelmann für eine gute Idee, öffentlich eine Verkürzung ins Spiel zu bringen, für den Fall, dass das deutsche Team bei der EM vorzeitig ausscheidet.
Gislason reagierte darauf entspannt – den Isländer, der seit Jahrzehnten in Deutschland wohnt und der mit dem THW Kiel alles gewann, was es im Vereinshandball zu gewinnen gibt, kann ohnehin nichts mehr schocken. Er weiß, dass es die Leute im deutschen Verband mit Jobgarantien nicht so haben. Seine Abschiedstour als Bundestrainer mag angelaufen sein; Gislason hat mit seinen Spielern aber noch einiges vor. Nur: Allzu viel Zeit bleibt dafür nicht, wenn er mit ihnen noch eine Medaille gewinnen will, die zweite seiner Amtszeit, nach Olympia-Silber 2024 in Paris.
„Was wir in diesen Jahren erlebt haben, hilft uns jetzt“, sagt Gislason
Mit einem Schmunzeln hat Gislason dieser Tage noch einmal berichtet, wie das war, als er seinen Job im Februar 2020 antrat. Als Nachfolger von Christian Prokop hatte er gerade losgelegt, da kam Corona und stürzte das Nationalteam ist eine zwei Jahre währende Chaosphase. Gislasons geplanter Einstand, zwei Länderspiele gegen die Niederlande, wurden prompt abgesagt, zwei große Turniere unter Ausnahmebedingungen abgehalten. Bei der EM 2022 musste er im Turnierverlauf 16 mit Corona infizierte Spieler heimschicken. Um die Lücken zu füllen, stattete Gislason damals junge Kerle wie Juri Knorr oder Julian Köster mit viel Spielzeit aus, früher als ursprünglich gedacht. „Was wir in diesen Jahren erlebt haben, hilft uns jetzt“, sagt Gislason. Er sei „extrem stolz“ darauf, wie die Mannschaft heute dastehe.
Dieses Nationalteam ist sein Nationalteam, das erzählt Gislason nicht nur bei jeder Gelegenheit, das empfindet er auch so. Nur noch vier Spieler stehen im Kader, die 2020 schon dabei waren: Andreas Wolff, Rune Dahmke, Jannik Kohlbacher und Johannes Golla. Alle anderen – von Renars Uscins über Justus Fischer und Marko Grgic bis zu David Späth – hat der Bundestrainer persönlich ins Nationalteam geholt, ihnen Vertrauen geschenkt, über Schwächephasen hinweggeholfen. Und dem Land immer wieder erzählt, dass es sich glücklich schätzen kann, solche Handballer zu haben, wenn es mal nicht so lief.

:„Das schwerste Turnier, das ich je gespielt habe“
Die deutschen Handballer reisen zur EM nach Skandinavien. Im Gepäck: zwei überzeugende Testspielsiege gegen Kroatien. Aber auch die Gewissheit, dass die Anforderungen beim Turnier noch höher werden.
Knorr spielt mittlerweile beim dänischen Spitzenteam Aalborg, Köster wechselt im Sommer zum THW Kiel. Aus den Jungspunden von damals sind die Leistungsträger von heute erwachsen. „Aus ihnen sind Weltklassespieler geworden“, sagt Gislason: „Ich bin ein Riesenfan dieser Mannschaft.“
Und es ist nicht so, dass Gislason auf der Zielgeraden seiner Karriere seinen Stiefel einfach runtercoacht. Gerade hat er eine Prämisse über Bord geworfen: Als Reaktion auf das Viertelfinal-Aus bei der WM gegen Portugal hat Gislason diesmal zwei reine Abwehrspezialisten mitgenommen – nachdem er zuvor jahrelang propagiert hatte, dass er auf Spieler setzt, die in Angriff und Abwehr zu gebrauchen sind. Doch er glaubt, dass er seinem Team durch den Einbau von Tom Kiesler und Matthes Langhoff helfen kann. Noch nie hat Gislason so viele Spieler nominiert, die in der Abwehrmitte Deckungsaufgaben übernehmen können. Nie zuvor konnte er sich erlauben, Stützen wie Köster oder Golla auf die Bank zu setzen und ihnen dringend benötigte Verschnaufpausen zu geben.
„Wir sind stabiler als in den letzten Jahren“, sagt Gislason, der Kader verfüge über „deutlich mehr Breite“. Das sehen auch seine Spieler so. In der aktuellen Generation sei dies „die beste deutsche Mannschaft, in der ich gespielt habe“, sagt Juri Knorr.
Ob das bei der EM für eine Medaille reicht? „An guten Tagen können wir alle schlagen“, sagt Gislason. Er weiß aber auch, dass schon wenige schlechte Momente seinem Team den Weg ins Halbfinale verbauen können – bei diesem schweren Turnierbaum. Der beschert den Deutschen in der Vorrunde Duelle mit Österreich, Serbien und Spanien, in der Hauptrunde vermutlich mit den Dänen, Franzosen, Norwegern und Portugiesen. Sollte das Turnier misslingen und der DHB zur Erkenntnis gelangen, dass ein jüngerer Trainer übernehmen soll – dann wäre das halt so. Gislason würde nicht in eine Lebenskrise stürzen, er hat öfter erzählt, dass es in Deutschland „eine ganze Reihe richtig guter junger deutscher Trainer“ gebe, von denen er dem einen oder anderen sein Team auch anvertrauen würde.
Alfred Gislason weiß, dass diese Mannschaft ihre beste Zeit immer noch vor sich hat. Ein Riesenfan dieses Teams würde er auch bleiben, wenn ein anderer sie trainiert.
