„Hamnet“ von Chloé Zhao: Weinen oder Nichtweinen?

Während dieser awards season fräsen sich gerade zwei Filme durch den Trophäenwald: Sentimental Value von Joachim Trier bekam sechs Europäische Filmpreise und Hamnet von der Oscarpreisträgerin Chloé Zhao zwei Golden Globes. Beide handeln von einem Vater, der Frau und Familie alleinlässt, um große Kunst zu machen. In Sentimental Value gewinnt ein Regisseur mit einem Filmprojekt über die eigene Familiengeschichte die Herzen der verlassenen Töchter zurück. In Hamnet wiederum führt die Trauer eines abwesenden Vaters um seinen verstorbenen kleinen Jungen zu einem der berühmtesten Theaterstücke aller Zeiten.

Zentrum von Hamnet, der auf dem Erfolgsroman von Maggie O’Farrell beruht, ist zunächst William Shakespeares spätere Ehefrau Agnes (eigentlich Anne). Begleitet von einer dynamischen Kamera, streift sie durch die Wälder von Stratford-upon-Avon, frei und ungebunden, beseelt von einem tiefen Naturempfinden und dem von ihrer Mutter erlernten Heilerinnenwissen. Jessie Buckley verleiht ihr eine überzeitliche Modernität, eine in sich ruhende Sinnlichkeit, die auch den jungen Lateinlehrer William (Paul Mescal) verzaubert. Beim Sex übernimmt Agnes die Führung; als sie schwanger wird, heiraten die beiden gegen den Widerstand ihrer Familien. Drei Kinder kommen zur Welt. Aber William will weg von Frau, Haus und Babygeschrei, es drängt ihn nach London zur dichterischen Selbstverwirklichung. Agnes bleibt allein zurück, zieht die Kinder auf und versucht, sie mit ihrer Heilkunst gegen Krankheiten zu schützen. Die elfjährige Judith überlebt die Pest, ihren Zwillingsbruder Hamnet rafft die Seuche dahin. Doch es folgt die künstlerische Apotheose. Denn William mag beim Tod des Kindes woanders gewesen sein, aber irgendwie war er halt doch und noch ein bisschen intensiver dabei – weil er seine Trauer und Verzweiflung, das Empfinden von Sinnlosigkeit und Vergänglichkeit in das Stück der Stücke gießt: Hamlet. Zum singenden Geigen-Soundtrack von Max Richter wird auch seiner Frau klar, wozu Kunst in der Lage ist. Bei der Uraufführung durchlebt sie ihren Verlust noch einmal mit den Versen ihres Mannes – ungläubig mit offenem Mund.

Wo auch immer Hamnet bereits im Kino läuft, überbieten sich Kritiker und Kritikerinnen mit Lob und tränennassen Bekenntnissen. Man ist sich einig, der Film sei herzzerreißend: In Hamnet gewesen, geweint. Eine Ausnahme ist die britische Zeitung The Independent, ihr Kritiker schreibt: „Der Film ist ein stumpfer Spaten, der einem so lange über den Kopf gezogen wird, bis man vor Schmerz weint.“ Wie recht er hat. Mit dem Spaten in der Hand verrät Chloé Zhao ihre weibliche Hauptfigur, deren Sicht sie doch eigentlich einnehmen will. Von der souveränen Frau wird Agnes zum staunenden Kind, zur Randfigur, erdrückt vom Jahrtausendwerk des großen Will.

Die Verwandlung des Lebens in Kunst ist ein geheimnisvoller Vorgang, nie lässt er sich ganz zurückverfolgen. In Hamnet hingegen lieben, leben, sterben, leiden alle auf das große Kunstwerk hin. Der Schmerz, den man nach dem Film am Hinterkopf verspürt, rührt vom Aufprall dieser Plotte.

Korrekturhinweis: In der Printversion des Textes schrieben wir, „Hamnet“ sei mit sechs Golden Globes ausgezeichnet worden. Er war für sechs nominiert, erhalten hat er zwei.