Kalt lässt das Schicksal von Olympique Marseille in Frankreich niemanden, der sich für Fußball interessiert. Die unbändige Liebe der OM-Fans steht einer massiven Ablehnung der Anhänger anderer Vereine gegenüber, seien sie aus Lyon oder Nizza. Und dann gibt es da noch den Hass aus Paris, der die enorme Rivalität zwischen den beiden größten Städten des Landes repräsentiert: Nord gegen Süd, Metropole gegen Provinz, Wohlstand gegen Arbeiterklasse.
Insofern haben sie beim Hauptstadtklub Paris Saint-Germain besonders genüsslich verfolgt, wie sich Marseille, der Erzfeind aus der Hafenstadt, nach dem traumatisierenden 5:0-Erfolg von PSG im „Classique“ vor gut zehn Tagen nach allen Regeln der Kunst selbst zerlegt hat.
Der Entlassung von Trainer Roberto De Zerbi folgte der Rücktritt von OM-Sportdirektor Medhi Benatia – und auch fußballerisch gleich noch ein weiterer heftiger Rückschlag: Im Heimspiel gegen Racing Straßburg am vergangenen Samstag, zu dem die schwer verstimmten Ultras aus Protest gegen die chaotischen Zustände im Verein erst nach einer Viertelstunde auf den Rängen erschienen, gab Marseille einen 2:0-Vorsprung aus der Hand. Die Elsässer glichen durch einen Elfmeter in der 97. Minute aus – es war der bereits siebte Gegentreffer für OM in der Nachspielzeit in dieser Saison. In einer Tabelle nach 90 Spielminuten wären die Marseillais punktgleich mit PSG, in der Realität liegen sie elf Zähler zurück.

Anfang der Woche kehrte der amerikanische Mehrheitseigentümer Frank McCourt, der in seiner Funktion als Internet-Unternehmer an der Münchner Sicherheitskonferenz teilgenommen hatte, nach Marseille zurück. Und er räumte ordentlich auf. Zunächst holte er den früheren FC-Bayern-Profi Benatia zurück und stattete ihn sogar mit mehr Macht aus. Das wiederum ging zulasten des Klubpräsidenten Pablo Longoria, der künftig vor allem repräsentative Aufgaben, etwa in den Gremien der Uefa und des französischen Ligaverbandes wahrnehmen soll, aber nun angeblich seinen Abschied von OM vorbereitet. Dem offensichtlich gestärkten Benatia gelang es schließlich, seine Wunschlösung für die Nachfolge von Coach De Zerbi zu realisieren.
Am Mittwochabend gab der Verein die Verpflichtung des neuen Cheftrainers Habib Beye bekannt. Der 48-jährige frühere senegalesische Nationalspieler habe „die nötige Führungsstärke, um eine Gruppe zu übernehmen, die nach einer schwierigen sportlichen Zeit wieder mobilisiert werden muss“, teilte Benatia in einer Presseerklärung mit. Beye hat zudem den in der Provence geschätzten „Stallgeruch“, weil er als Außenverteidiger zwischen 2003 und 2007 fast 170 Mal im OM-Trikot auflief.
Beye war selbst erst vor ein paar Tagen bei Stade Rennes entlassen worden
Marseille wäre nicht Marseille, hätte es nicht auch bei Beyes Verpflichtung ein paar Schwierigkeiten gegeben, die aus dem Weg geräumt werden mussten. Der frühere Profi war nur wenige Tage vor De Zerbi selbst entlassen worden, und zwar beim Ligue-1-Rivalen Stade Rennes. Danach hatte sich Beye mit den Verantwortlichen beim Klub aus der Bretagne eine veritable Schlammschlacht geliefert. Er forderte anderthalb Jahresgehälter als Abfindung, Rennes drohte im Gegenzug mit rechtlichen Schritten. Der Vorwurf: „schwerwiegendes Fehlverhalten“.
Erst am Mittwochnachmittag glätteten sich die Wogen, womöglich auch, weil Rennes seinerseits einen neuen Trainer präsentieren konnte: Franck Haise, der einst Racing Lens zurück an die französische Spitze geführt und nach der Klopp-Ära sogar als potenzieller Liverpool-Trainer gehandelt wurde, übernimmt in Rennes das Ruder. Kurz danach gaben die Bretonen die offizielle Trennung von Beye bekannt.
Dieser hatte in der Vergangenheit wiederholt betont, dass OM sein „Herzensklub“ und es eines seiner Ziele sei, dort eines Tages als Trainer zu arbeiten. Kritiker bezweifeln allerdings, ob der als Coach noch unerfahrene Beye in der aufgeheizten Atmosphäre dort wird bestehen können. Sein bislang größter Erfolg war der Aufstieg mit dem kleinen Pariser Klub FC Red Star von der dritten in die zweite französische Liga. Bei Rennes, wo er vor ziemlich genau einem Jahr das Traineramt übernommen hatte, schrammte er dagegen gleich mal an der Qualifikation fürs internationale Geschäft vorbei und legte einen durchwachsenen Start in die aktuelle Saison hin. Schon am Freitag steht der neue Mann an der Linie erstmals im Fokus – wieder in der Bretagne: Olympique Marseille gastiert bei Stade Brest.
