Und natürlich ist es so: Wäre Aigner keine so überragende Skifahrerin, hätte auch Sammer nicht schon dreimal auf dem Podest gestanden. Andererseits: Ohne Sammer wüsste Aigner nicht, wo sie hinfahren muss.

Wie das gekommen ist, dass eine 16-Jährige ihre Augen für Österreichs beste Para-Skifahrerin zur Verfügung stellt? Dafür waren einige Zufälle nötig. Als Guide gecastet wurde Sammer, weil sie in Elmau gleich um die Ecke vom österreichischen Para-Cheftrainer wohnt. Der sah sie häufiger mal auf der Piste am Wilden Kaiser und lotste sie als Begleitfahrerin ins Team. Eigentlich war Sammer in Cortina aber nur für den Slalom und den Riesenslalom eingeteilt, als Guide für den Tiroler Michael Scharnagel. Aber dann riss sich Veronika Aigners eigentlicher Guide, ihre Schwester Elisabeth, das Kreuzband. Also übernahm Lilly Sammer – und schulte zur Abfahrtsfahrerin um.

:„Es hat immer zu mir dazugehört, dass ich so bin, wie ich bin“
Die viermalige Paralympics-Siegerin Anna-Lena Forster spricht über den Reiz der Spiele in Norditalien, Monoskifahren als Ganzjahresjob – und darüber, was man Eltern, die ein behindertes Kind bekommen, als Arzt besser nicht sagt.
„Dass sie mir das zutrauen, mit 16, das freut mich natürlich“, sagt sie. Ein guter Guide zu sein, ist ein Multitasking-Job. Sammer muss mit dem Headset und dem Lautsprecher operieren, der ihre Kommandos auf der Piste für Aigner hörbar macht. Sie muss mit wenigen Zurufen beschreiben, was Aigner nicht oder erst sehr spät sieht. Und das alles, während sie selbst mit Vollgas die Piste runter rauscht.
Wobei: Sammer hat schon gelernt, nicht immer die ganze Wahrheit zu sagen. „Wenn ich bei einem Sprung dachte, herrje, der war schlimm, hab ich trotzdem gerufen: ,Weiter, Vroni! Der geht gut zum Springen!‘“, erzählt sie lachend. Hauptsache, das Tempo bleibt hoch. Und am Ende ist es ja dreimal gutgegangen.
Der Guide von Verena Bentele verwechselte rechts und links – mit dramatischen Folgen
Dass es nicht immer gut ausgeht, mussten wenige in ihrer Karriere so schmerzhaft erfahren wie Verena Bentele, 44, die Gewinnerin von 16 Paralympics-Medaillen im Langlauf und Biathlon, die allerdings längst im Leben nach dem Leistungssport angekommen ist. Sie war vier Jahre lang Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und leitet heute den Sozialverband VdK. 2009 in Nesselwang machte ihr Guide einen einzigen folgenschweren Fehler: An einer Engstelle verwechselte er rechts und links. Anstatt nach einer Abfahrt rechts zurück in die Spur zu gleiten, fuhr Bentele links einen Abhang hinunter, riss sich das Kreuzband, brach sich einen Finger, verletzte sich an der Leber und verlor eine Niere.

Das Vertrauen war dann erst mal weg. Und Bentele war kurz davor, sich von der Loipe zu verabschieden. Später hat sie ein Buch über Vertrauen geschrieben, und wenn man sie heute am Telefon erreicht, sagt sie: Rückblickend ziehe sie viel Positives aus dem Unfall. Die Trennung von ihrem Guide war schon vor dem Sturz beschlossen gewesen, und mit ihrem neuen Begleitläufer habe sie dann viel genauer festgelegt: „Was gibt mir Sicherheit? Welche Unterstützung? Welche Kommandos?“ Man muss sich mit seinem Guide in jedem Moment sicher fühlen – „nur so kann ich lange Schritte machen, mit vollem Krafteinsatz fahren, den Schwung mitnehmen“, sagt Bentele. Wer zögert, hat schon verloren.
„Das Vertrauen kommt nicht von allein zurück“, hat Bentele gelernt, „zum Glück kann man es trainieren.“ Ein Jahr nach dem Unfall gewannen sie und ihr neuer Begleitläufer Thomas Friedrich fünfmal Gold bei den Paralympics in Vancouver.
Jeremias Wilke ist früher vor allem in der Skihalle Neuss gefahren – jetzt ist er als Guide bei der Bundeswehr
Dem aktuellen deutschen Paralympics-Team in Italien gehören sechs Guides an, zwei bei den Alpinen, vier bei den Langläufern und Biathleten. Sie tragen Leibchen in Signalfarben, denn anders als Verena Bentele haben alle deutschen Starter in der Sehbehinderten-Klasse noch ein Restsehvermögen.
Johanna Recktenwald zum Beispiel, Bronze-Gewinnerin im Biathlon-Einzelrennen, hat sich mit der ehemaligen Langläuferin Emily Weiß zusammengetan. Frage: Worauf kommt es bei ihrem Zusammenspiel an? Antwort, beide gleichzeitig: „Vertrauen!“ Recktenwald, 24, die wegen einer Netzhauterkrankung nur noch zwei Prozent Sehvermögen hat, wünscht sich relativ viele Ansagen: „Hopp, hopp, hopp, links, links, links“, schallt es durch das Langlaufstadion in Tesero, wenn die beiden auf der Strecke sind.

Theo Bold, 19, wiederum hat einen Guide dabei, der ihn besser kennt als jeder andere: seinen zwei Jahre älteren Bruder Jakob. Auch hier hat sich das mit der Zeit entwickelt: Theo wurde zu seinen ersten Para-Lehrgängen eingeladen, bekam wechselnde Guides zugeteilt, und irgendwann fragte sich Jakob: Könnte ich es sein, der ihn unterstützt? Im Grunde, sagt Theo Bold, „bin ich ihm ja immer schon hinterhergefahren“. Und weil sie einst gemeinsam das Langlaufen gelernt haben, kann Jakob wie kein Zweiter einschätzen, was Theo (zehn Prozent Sehvermögen von Geburt an) bei welchen Lichtverhältnissen sieht und was nicht.
Beide sind dann nach Freiburg gezogen, wo der Para-Sport seinen Bundesstützpunkt unterhält. Jakob studiert Medizin, Theo studiert VWL. Dazu zehn Trainingseinheiten pro Woche. Ziemlich aufwendig. Andererseits, sagt der Guide Jakob Bold: „Wenn man mal keinen Bock hat zu lernen, geht man noch ’ne Runde Langlaufen, ist doch cool.“

Fragt man Jeremias Wilke, 26, den Guide des Alpinskifahrers Alexander Rauen, 24, wie er zum Guide wurde, sagt er: „Schule vorbei, relativ halbherziges Studium angefangen, viel Zeit. Lust auf Skifahren.“ Wilke stammt aus dem Rheinland, er stand mal im Kader des Westdeutschen Skiverbands. Sein Revier waren nicht die Alpen – sondern die Skihalle in Neuss. Dann wurde er „von Bekannten von Bekannten“ angesprochen, und so kam eins zum anderen. Wilke ist dann, wie Rauen, nach Innsbruck gezogen. Während es für Para-Sportler Förderplätze beim Zoll gibt, können die nichtbehinderten Guides als Sportsoldaten bei der Bundeswehr anheuern. Der Guide, der aus der Skihalle kam, ist jetzt ein richtiger deutscher Staatsathlet.
Und die jüngste deutsche Teilnehmerin, Maya Fügenschuh, 17, vertraut im Slalom und Riesenslalom auf Johanna Holzmann, 30. Fügenschuhs Eltern betreiben die Skischule auf dem Oberjoch. Holzmann stammt ebenfalls aus dem Allgäu, ist ebenfalls Skilehrerin – und war, nach einer Zeit im Telemarksport, 2022 bei Olympia in Peking als Skicrosserin am Start. Wenn man die beiden zusammen erlebt, könnten sie auch große und kleine Schwester sein. „Wenn wir irgendwo hinkommen“, erzählt Holzmann und Fügenschuh lacht, „dann gehen wir immer als Erstes auf die Suche, wo es den besten Kaffee gibt …“
Doch bei allem Spaß kann es auch mal ernst werden, wenn der eine schaut und der andere fährt. Sind ihnen schon ähnliche Vorfälle passiert wie damals Verena Bentele? Nun, „man stürzt schon mal blöd“, sagt Johanna Recktenwald, „aber nichts Schlimmes“. Oder man fädelt an einer Slalomstange ein, die erst ins Sichtfeld rauscht, wenn es zum Reagieren zu spät ist. „Dann ist man auch mal sauer auf den Guide, aber in Wahrheit war man oft selbst schuld“, sagt Alexander Rauen.

Aber auch Verena Bentele hat wieder gelernt zu vertrauen. Sie profitiere bis heute davon, dass sie sich damals so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt habe, sagt sie am Telefon, „das war auch für andere Lebensphasen eine super Lernerfahrung“. Für den Job, fürs Privatleben – aber auch für den Sport, den Bentele bis heute betreibt.
Sie sieht tatsächlich überhaupt nichts. Und trotzdem steht sie noch regelmäßig auf Skiern, nicht nur auf Langlaufskiern. „Ich fahre zügig die Piste runter, auch wenn’s mich hin und wieder geschmissen hat“, sagt sie. Man braucht nur jemanden, der vorausfährt, seine Augen für einen aufsperrt, beschreibt, was er sieht, und bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Und dem man vertraut.
