Grünen-Vorschlag: Islamische Feiertage – warum eigentlich nicht?

Wer als Muslim am gestrigen Freitag das Ende des Ramadans feiern und das Zuckerfest begehen wollte, musste darauf hoffen, dass ihm der Arbeitgeber einen freien Tag gewährte. Geht es nach den Grünen, könnte daraus bald ein Rechtsanspruch werden. In einem Antrag für den Bundestag fordern sie, „die Freistellung oder flexible Arbeitszeitgestaltung an islamischen Feiertagen“ für muslimische Beschäftigte „rechtlich abzusichern“.

„Extra-Feiertage für Muslime“, wie die „Bild“-Zeitung titelte, sind damit kaum gemeint. Eher dürfte es darum gehen, Arbeitgeber dazu zu verpflichten, Muslime auf Wunsch an bestimmten religiösen Festen freizustellen, wobei die freien Tage weiterhin vom Urlaubskonto abgezogen würden. In manchen Bundesländern gilt das schon heute.

Ein eher bescheidener Vorstoß also – aber einer, der mit der Rolle des Islams in Deutschland ein Reizthema anspricht. Dass man mit Kulturkämpfen keine Wahlkämpfe gewinnen kann, haben inzwischen auch die Grünen verstanden. So nahmen sie den Antrag sowohl am 6. März, vor der Wahl in Baden-Württemberg, als auch diese Woche, vor der Wahl in Rheinland-Pfalz, kurzfristig wieder von der Tagesordnung.

Aus taktischer Sicht ist das verständlich. Und auch inhaltlich kann man fragen, ob der Antrag zur Förderung des „vielfältigen muslimischen Lebens in Deutschland“ in seinen 24 Forderungen den Umgang mit den Gefahren durch antimuslimische Diskriminierung und etwa durch muslimischen Antisemitismus richtig gewichtet.

Der Vorschlag zur Freistellung von Muslimen zu islamischen Festen wirft gleichwohl eine Frage auf, die nicht nur in den Wochen zwischen Zucker- und Osterfest diskutiert werden sollte: Wie geht es weiter mit religiösen Feiertagen in Deutschland? Von den neun bundesweiten gesetzlichen Feiertagen haben sechs eine christliche Bedeutung. In vielen Bundesländern kommen weitere religiöse Feiertage wie Fronleichnam und der Reformationstag hinzu.

Solange ein Großteil der Menschen diese Tage dazu nutzte, christliche Feste zu begehen, ergab die Anlehnung an den christlichen Kalender Sinn. Mittlerweile aber sind mehr Deutsche konfessionslos als Mitglieder einer Kirche, und weniger als die Hälfte weiß noch, was an Pfingsten oder Christi Himmelfahrt überhaupt gefeiert wird.

In den USA gibt es nur einen christlichen Feiertag

Es gibt drei Optionen, auf die Entwicklung zu reagieren. Erstens könnte man an christlichen Feiertagen festhalten und dabei zusehen, wie die Menschen diese gleichsam selbst säkularisieren. Mit Christi Himmelfahrt dürften viele heute den Vatertag oder gar Bollerwagentouren eher verbinden als den Kirchgang. Gegen die Streichung eines Feiertags sind sie natürlich trotzdem. Dafür, dass solche freien Tage mit christlichen Festen zusammenfallen, gäbe es irgendwann freilich kein anderes Argument mehr als die Tradition.

Die zweite Option wäre eine säkulare Umwidmung von Feiertagen. In Großbritannien und den USA gibt es nur wenige christliche Feiertage (in Amerika nur einen Weihnachtstag), dafür aber freie Tage mit anderer oder ohne besondere Bedeutung: Memorial Day, Presidents’ Day, Early May Bank Holiday. Manche deutschen Bundesländer haben zuletzt einen Schritt in diese Richtung unternommen und den Weltfrauentag (Berlin, Mecklenburg-Vorpommern) oder den Weltkindertag (Thüringen) zu Feiertagen erklärt. Die Frage ist freilich, ob sich Bedeutung auf diese Weise erfinden lässt – wie viele Menschen werden jene Tage tatsächlich den Frauen und Kindern widmen? – oder ob dann freie Tage, die zumindest für den religiösen Teil der Gesellschaft einen tieferen Sinn haben, nicht doch sinnvoller sind.

Bleibt als dritte Option, dass die vorrangig religiöse Bedeutung von Feiertagen beibehalten, aber an die veränderte religiöse Struktur der Gesellschaft angepasst wird. Prognosen zufolge könnte sich der Anteil der Muslime an der deutschen Gesamtbevölkerung bis 2050 auf ungefähr elf Prozent nahezu verdoppeln. Gleichzeitig dürfte der Anteil der Christen sich auf zwanzig Prozent halbieren. Zahlenmäßig wäre der Exklusivanspruch des christlichen Kalenders auf gesetzliche Feiertage dann kaum noch zu rechtfertigen.

Stattdessen könnte man einen der weniger wichtigen christlichen Feiertage streichen und dafür einen hohen islamischen Feiertag einführen, etwa am Zucker- oder Opferfest. Gerade wer christliche Feiertage bewahren möchte, sollte islamischen Feiertagen gegenüber offen sein.