Groß bei Banken, Rüstung, Energie

Die Prager Börse residiert versteckt in einem modernen Zweckbau der historischen Altstadt – mittendrin, aber doch so weit am Rand, dass Touristen hier nur versehentlich vorbeistolpern. Erst auf den zweiten Blick sticht das Logo am Eingang ins Auge. Diese Börse muss man suchen. Investoren mag es ähnlich gehen. Doch haben diese einmal den Weg zu ihr gefunden, werden sie belohnt.

Als der amerikanische Präsident Donald Trump Mitte März mit seiner Zoll- und Handelspolitik die Aktienkurse auf der ganzen Welt in den Keller schickte, ging es in Prag bergauf. Der PX-Index markierte mit 2096 Punkten seinen historischen Höchststand, was binnen Jahresfrist einem Plus von 40 Prozent entsprach. Den Wertzuwachs seit Handelsstart im Jahr 1993 beziffert der börseneigene Onlinerechner auf gut 500 Prozent. Dabei kann die Burza cenných papírů Praha , die seit 2008 zur Wiener Börse gehört, auf 154 Jahre Geschichte zurückblicken. Dominierten zu Habsburger Zeiten böhmische Zuckerbarone das Geschäft, so sind es auf dem mit elf Werten überschaubaren Prime Market, zusammengefasst im PX-Index, heute Banken, Versicherer sowie Energie- und Rüstungsunternehmen.

Zwei Drittel des Marktes entfallen auf Finanzwerte: Österreichs Erste Group , die Société-Générale-Tochtergesellschaft Komerční banka (Kommerzbank), Moneta Money Bank und die größte Versicherungsgruppe in Ostmitteuropa, die Vienna Insurance Group (VIG). Ein weiteres Schwergewicht ist der Energiekonzern ČEZ , an dem der Staat knapp 70 Prozent der Aktien hält. Börsen-CEO Petr Koblic verweist auch auf Werte mit Rüstungsbezug, den Waffen- und Munitionshersteller Colt und den Drohnenproduzenten Primoco . Letzterer liegt zwar im Jahresvergleich im Minus, hat aber seit Zuerkennung einer NATO-Zertifizierung für seine zivilen Mittelgewichtsdrohnen Mitte März wieder deutlich aufgeholt.

Betrachtet über eine Zeitspanne von fünf Jahren könne man es in der Wertentwicklung mit dem S&P 500 aufnehmen, sagt Koblic, der der Prager Börse seit 21 Jahren vorsteht. Die oft geäußerte Kritik, der Markt berge für Anleger wegen der starken Konzentration auf Finanz- und Energiewerte ein Klumpenrisiko, teilt er nicht und verweist auf andere Börsenplätze mit ähnlicher Risikostruktur. Aktuell habe man „Glück mit den Sektoren“, die derzeit mit positiven Gewinnerwartungen auf der Sonnenseite des Marktes stehen: „Endlich werden wir belohnt.“

Traditionell hohe Ausschüttungen

Aber noch etwas komme hinzu: „Bei uns werden traditionell hohe Dividenden ausgeschüttet“, sagt er. Die Dividendenrendite liege „in der Regel bei etwa 5 Prozent“. Für manche Anleger seien die Papiere deshalb ein rentierliches Investment. Doch habe das auch Schattenseiten: „Der Nachteil hoher Dividenden ist, dass die Leute die Aktien kaufen und halten, aber nicht handeln.“ Die Börse allerdings lebt bekanntlich vom Kaufen und Verkaufen. Anleger, die den Markt kaufen wollen, müssen derzeit gezielt nach Fondsanbietern suchen. Einen börsengehandelten Indexfonds ETF auf den PX gibt es nicht. Man führe dazu Gespräche, sagt der Börsenchef. Womöglich müsse man dies auch sponsern.

Neu im „Prime Market“ ist seit Anfang Februar die Aktie der Doosan Škoda Po­wer , eines südkoreanischen Unternehmens aus Pilsen (Plzeň), das Generatoren für Kraftwerke baut und bei dem bald erwarteten Zuschlag für den Neubau von mindestens zwei Atomkraftwerken in der Tschechischen Republik an die südkoreanische KHNP für 16 Milliarden Euro mit zum Zuge kommen soll. Seit dem Börsengang hat die Aktie an die 40 Prozent zugelegt. Die überzeichnete Doosan-Platzierung im Volumen von gut 100 Milionen Euro wurde in Prag als eine „politische“ gesehen, sollte sie doch das Engagement der Koreaner in der Tschechischen Repu­blik unterstreichen. Koblic nennt es lieber „eine europäische Sichtbarkeit schaffen“.

Bessere Sichtbarkeit

Doosan ist einer von 16 Börsengängen der vergangenen fünf Jahre, auf die Koblic stolz zurückblickt. Oft platzierten die Eigner nur einen Teil der Aktien. Viele IPO fanden im „Start Market“ für kleine und mittelgroße Unternehmen statt, wo die Berichtspflichten nicht so streng sind. Hier ist etwa der preisgekrönte Stadtmöbelhersteller Mmcité zu Hause, der seinen Kurs seit dem Start im Herbst 2023 binnen weniger Monate verdoppelt hat und sich seither auf dem Niveau hält.

Koblic erwähnt auch den Waffenhersteller Česká zbrojovka Group – CZG, der 2020 an die Börse kam, um dann mit eigenen Aktien die amerikanische Ikone Colt zu erwerben. Seither nennt er sich Colt CZ. „Das ist ein Paradebeispiel, von dem ich nie geglaubt hätte, dass es einmal passieren würde“, sagt Koblic. Aus seiner Perspektive ist Colt ein gutes Beispiel, um den auch in Prag zu hörenden Spruch zu konterkarieren, die Börse sei zu klein, zu illiquide und werde jenseits der Grenzen nicht wahrgenommen. Es sei doch besser, hier über Sichtbarkeit als einer der zehn Topwerte zu verfügen, als an einer der großen Börsen im Westen der EU unter „ferner liefen“ zu laufen, sagt Koblic. Im Übrigen sei es den meisten Anlegern doch egal, wo sie ihr Papier handeln könnten. Hauptsache, sie bekämen einen fairen Preis in einem transparenten Verfahren.

Auch wenn vieles glänzt, so ist an der Prager Wertpapierbörse längst nicht alles Gold. Die Umsätze schrumpfen. Die wachsende Zahl der Handelsplattformen knabbert auch in Prag am Geschäftsvolumen. Zeigt die Statistik für das Jahr 2015 noch 168 Milliarden Kronen Umsatz mit Aktiengeschäften (umgerechnet etwa 6,7 Milliarden Euro), so waren es im vergangenen Jahr gerade noch 108 Milliarden Kronen (4,3 Milliarden Euro). Umgerechnet auf 251 Handelstage ist dies ein täglicher Umsatz von gut 17 Millionen Euro – und damit weniger, als Spitzenwerte im Frankfurter S-Dax allein erzielen.

Internationale Geringschätzung

Ein Grund für die Schwäche sei unter anderem die große Zahl privater Handelsplattformen, sagt Koblic, der von 2018 bis 2024 dem Verband der europäischen Wertpapierbörsen in Brüssel vorstand und sich deshalb auch mit den Regulierungsthemen der EU gut vertraut zeigt. Mit Unverständnis begegnet er deshalb Forderungen nach weiteren Fusionen unter den 27 Börsen, zumindest aber im Osten Europas, um den Markt größer, liquider, effizienter und sichtbarer zu machen. Stattdessen sagt Koblic: „Lassen Sie uns doch über einen Zusammenschluss der 470 verbleibenden Plattformen sprechen.“

Das Problem vieler Börsen im Osten der EU sei ein anderes, sagt der Börsenchef. Er meint die Geringschätzung der Märkte durch internationale Fondsanbieter wie MSCI, die Rumänien oder Slowenien weiterhin als tendenziell riskante „Frontiermärkte“ einstufen, was Anlegern ein noch größeres Risiko signalisiert als in (vermeintlichen) „Schwellenländern“ wie Polen, Ungarn oder der Tschechischen Republik.

Koblic hält diese Einstufungen 35 Jahre nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ für Unsinn und einen gravierenden Wettbewerbsnachteil. Gerade im Fall Sloweniens, das eine höhere Wirtschaftsleistung je Kopf habe als mancher alte EU-Staat. Dennoch werde es mit Ländern wie Kasachstan oder Vietnam in einen Topf geworfen und die dort gelisteten Unternehmen nicht mit ihren Wettbewerbern aus der EU verglichen, gegen die sie sich im Wettbewerb durchsetzen müssten, empört er sich. Da müsse die EU-Kommission mal aktiv werden und für gleiche Bedingungen sorgen. So wie es in den USA geschieht. Dort müssten Unternehmen aus Idaho oder Montana auch keinen Abschlag akzeptieren, nur weil sie aus einem vermeintlichen Schwellenland stammten.