
US-Präsident Donald Trump versucht, mit Strafzöllen gegen europäische Länder einen Verkauf Grönlands an die USA zu erzwingen. So blickt die Auslandspresse auf den Konflikt.
US-Präsident Donald Trump hat zusätzliche Zölle gegen Dänemark und seine Unterstützerländer in der Grönland-Frage angedroht. Die Auseinandersetzung ist auch Thema in den Auslandsmedien. Die Kommentatoren in EU-Ländern, aber auch Australien und sogar Russland schätzen die Lage entsprechend ein.
„The Times“, Großbritannien:
„Es ist nicht allein der krude Versuch, Zölle, die normalerweise zur Regulierung des globalen Handels eingesetzt werden, als Druckmittel gegen alle zu verwenden, die sich Trumps Politik widersetzen, der die Europäer verärgert hat. Ebenso hat dazu die Drohung beigetragen, anderen Nato-Mitgliedern wirtschaftlichen Schaden zuzufügen, wenn sie sich Washingtons Wunsch widersetzen, Territorium in Besitz zu nehmen – notfalls auch durch eine Invasion –, das zu einem loyalen, wenn auch kleinen militärischen Verbündeten gehört.
Lesen Sie alle Entwicklungen zum Streit zwischen Dänemark und den USA in unserem Grönland-Ticker
Für Großbritannien, das sich immer noch um ein neues Handelsabkommen mit den USA bemüht, wäre eine weitere Erhöhung der Zölle katastrophal, wie führende Geschäftsleute erklärten. Für Premierminister Sir Keir Starmer wäre es eine demütigende Verhöhnung seines viel gepriesenen Versuchs, die umfangreichen Exporte Großbritanniens in die USA durch den Aufbau guter persönlicher Beziehungen zu dem launischen und unberechenbaren US-Präsidenten zu schützen. (…)
Am besten würden Sir Keir und die anderen Europäer reagieren, indem sie die wachsenden Zweifel innerhalb des US-Kongresses – auch unter den Republikanern – hinsichtlich des Grönland-Abenteuers für sich nutzen. Mit geschickten diplomatischen Schritten könnte der Kongress bewegt werden, in Aktion zu treten. Letztendlich ist es Sache der Amerikaner, ihren Präsidenten davon zu überzeugen, dass er den falschen Kurs eingeschlagen hat.“
„Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ), Schweiz:
„Obwohl für viele europäische Güter in den USA eine Einfuhrabgabe von 15 Prozent anfällt, sieht sie Zollfreiheit für amerikanische Industrieware in der EU vor. Vielen Parlamentariern war dieses Ungleichgewicht schon vor diesem Wochenende sauer aufgestoßen. Im Abkommen sahen sie mehr einen Kolonialvertrag als eine Übereinkunft zweier gleichberechtigter Partner. Deshalb ist es gut möglich, dass das EU-Parlament die Umsetzung des Abkommens stoppt. (…)
Aber die Maßnahme dürfte wohl das Äußerste sein, wozu sich die EU durchringen könnte. Es mag zwar auch Parlamentarier geben, die finden, der Staatenbund solle gegenüber den USA endlich das ‚Anti-Coercion Instrument‘ (ACI) anwenden, das Gegenmaßnahmen vorsieht, wenn ein Land die EU wirtschaftlich nötigt.
Möglich sind dann etwa hohe Strafzölle oder Finanzsanktionen gegen Firmen und Regierungen. Bisher ist die EU aber davor zurückgeschreckt, das ACI anzuwenden. Das dürfte auch diesmal der Fall sein, mit dem Instrument würde die EU Trump zu sehr reizen. Europa braucht die USA – als Handelspartner und Stütze im Ukraine-Krieg. Die EU dürfte daher vor allem darauf setzen, dass der amerikanische Kongress Trump Grenzen setzt.“
„De Telegraaf“, Niederlande
„Es wird Zeit, dass Europa entschlossener gegenüber US-Präsident Donald Trump auftritt. Er versucht, seinen Willen durchzusetzen, indem er ständig Drohungen ausspricht und neue Handelszölle ankündigt. Die Niederlande und die anderen Staaten der Europäischen Union sollten sich nicht länger wie das Küken Calimero verhalten, sondern hart zurückschlagen. (…)
US-Präsident Donald Trump hat erklärt, dass er Grönland aus Gründen der ,nationalen Sicherheit‘ besitzen möchte. Aber ist es nicht die Grundidee der Nato, dass Amerika und Europa gemeinsam vorgehen? Die Niederlande und andere Partner erkennen die Sicherheitsrisiken, die Trump in Bezug auf Grönland anführt. Und sie sind bereit, darauf gemeinsam zu reagieren.
China und Kanada haben gezeigt, dass Trump nur durch knallharte Antworten zu beeindrucken ist. Die EU-Länder scheinen das endlich zu verstehen, wie Meldungen über mögliche europäische Gegenmaßnahme mit Handelszöllen zeigen.
Das ist richtig so. Wir haben uns viel zu lange kleiner gemacht, als nötig wäre. Mit 500 Millionen Verbrauchern ist Europa für Amerika ein unverzichtbarer Markt, und Spitzenunternehmen wie ASML sind für den Technologiesektor in den USA von entscheidender Bedeutung. Wir müssen uns unserer eigenen Stärke bewusst sein und den Mut aufbringen, es Trump mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Sonst wird er weiter über uns hinweg rollen.“
„Irish Times“, Irland:
„Wenn US-Präsident Donald Trump seine Drohung wahrmacht, Zölle gegen acht europäische Länder zu verhängen, muss die EU darauf reagieren. Und zwar mit Nachdruck. Es gibt Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten darüber, wie schnell die EU nun handeln sollte, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Trump einige seiner früheren Zollandrohungen nicht umgesetzt hat. Aber dem US-Präsidenten muss klargemacht werden, dass die EU sich gegen seinen jüngsten Versuch, sie zu schikanieren, wehren wird. (…)
Die chaotische Art der politischen Äußerungen des US-Präsidenten könnte vermuten lassen, dass er unter einem Vorwand von den angedrohten Zöllen Abstand nehmen wird. Auch eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA über die Rechtsgrundlage, auf der viele Zölle von der US-Regierung erhoben wurden, könnte die Lage ändern.
Die EU sollte jedoch – ebenso wie die beiden Nicht-EU-Länder Norwegen und Großbritannien – davon ausgehen, dass die angedrohten zusätzlichen Zölle tatsächlich ab Anfang nächsten Monats erhoben werden. Und sie muss entscheiden, wie sie darauf reagieren wird.“
„Sydney Morning Herald“, Australien:
„Europäische Staats- und Regierungschefs warnen vor einer gefährlichen Abwärtsspirale in den Beziehungen zu den USA im Grönland-Streit und erwägen umfassende Vergeltungsmaßnahmen gegen Präsident Donald Trump, der mit neuen Zöllen auf europäische Exporte droht. Die acht Staats- und Regierungschefs achten jedoch sorgfältig darauf, persönliche Äußerungen zu vermeiden, die den Streit mit Trump weiter anheizen könnten, da dieser das Potenzial hat, das Nato-Bündnis zu zerstören. (…)
Es besteht noch die Chance, dass die Vernunft siegt: dass Trump in Bezug auf die Zölle nachgibt und einem Sicherheitsabkommen zu Grönland zustimmt, das ihm zwar mehr Militärbasen, aber nicht die vollständige Kontrolle einräumt. Dafür müsste Europa standhaft bleibt, ohne Trump zu provozieren – zugegebenermaßen ein fast unmögliches Unterfangen bei einem derart unberechenbaren Präsidenten.
Die Alternative ist der Zerfall der Nato. Trump könnte auf einen Handelskrieg reagieren, indem er Gewalt gegen amerikanische Verbündete einsetzt und sich Grönland trotz ihrer Proteste aneignet. In diesem bisher undenkbaren Szenario zerbricht das Bündnis, und Europa steht schutzlos da. Und alles hängt davon ab, wer eines Tages Trump ablöst.“
„The Age“, Australien:
„Warum Trump so vehement darauf drängt, Grönland zu besitzen, ist unklar – zumal sowohl Dänemark als auch die Grönländer selbst darauf verweisen, dass die USA auf Grundlage eines Vertrags von 1951 so viele Militärbasen errichten können, wie sie wollen, und dass man US-Unternehmen offen gegenübersteht, die beträchtlichen mineralischen Ressourcen der Insel zu erschließen. (…)
Da die USA ihre sicherheitspolitischen Interessen eben auch ohne den Besitz Grönlands wahren könnten, liegt der Verdacht nahe, dass der eigentliche Grund für Trumps Beharren auf einer Aneignung – notfalls mit Gewalt – persönlicher Ehrgeiz ist: Er will ein Vermächtnis hinterlassen, das mit einer großflächigen Erweiterung des US-Staatsgebiets verbunden ist.
Die Landfläche Grönlands ist größer als jene, die die Vereinigten Staaten 1803 mit dem Louisiana-Kauf erwarben, der die damalige Größe des Landes nahezu verdoppelte. Es geht um Trumps Ego, nicht um nationale Sicherheit.“
„Moskowski Komsomolez“, Russland:
„Jetzt wird auf den Seiten der englischen Presse etwas noch viel Undenkbareres besprochen. Nachdem EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Europaratschef António Costa gegen Donald Trumps Pläne, Grönland zu annektieren, protestiert haben, haben die Amerikaner erklärt, dass ab dem 1. Februar 2026 zehn Prozent Einfuhrzoll auf Waren aus Dänemark, Norwegen, Schweden, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Finnland erhoben wird. Der englische ,The Economist‘ erklärte, die Europäer könnten darauf einige Druckmittel einsetzen. Interessant, welche Hebel gemeint sein könnten.(…)
Großbritannien ist natürlich eine Atommacht. Und das ist das Einzige, warum sie noch im Klub der Großen sind. Freilich sind die Mittel zum Transport ihrer Atomsprengköpfe rein amerikanisch. Ein weiterer Pinselstrich zur Beschreibung der europäischen Stärke: Als 2011 (Muammar al-)Gaddafi gestürzt wurde, konnten die Europäer nicht einmal den Luftraum schließen. Flugzeuge haben sie wohl, aber AWACS und Satellitenaufklärung fehlen. Also können sie mit den USA natürlich in Konflikt treten – aber nur, wenn sie keine Angst haben, dann allein gegen das fürchterliche und schreckliche russische Imperium dazustehen.
Sehr elegant hat das aus einem anderen Grund der in Europa bekannte Politologe Fjodor Lukjanow mal formuliert: ,Die Position moralischer Überlegenheit bei gleichzeitiger militärischer Impotenz ist ziemlich originell.‘“
dpa/kami
