

Diesen Fragebogen hat Marcel Proust nie ausgefüllt. Denn er ist eine auf den Fußball zugespitze Variante eines zu Zeiten des französischen Schriftstellers beliebten Gesellschaftsspiels. Wir spielen es weiter mit Menschen aus dem Fußball, die bereit sind, die Herausforderung an Geist und Charme anzunehmen: diesmal mit Grischa Prömel von der TSG 1899 Hoffenheim.
Was ist für Sie das größte Glück als Fußballer?
Wenn man gesund ist und jede Woche auf höchstem Niveau Fußball spielen und seinem Traumjob nachgehen kann.
Und was ist für Sie das größte Unglück als Fußballer?
Wenn man mit einer Verletzung über einen längeren Zeitraum außer Gefecht gesetzt ist und seiner Mannschaft nicht helfen kann.
Woran erkennen Sie einen guten Spieler?
Ich glaube, wir bewerten Qualität oft falsch. Die besten Spieler sind für mich nicht zwangsläufig die mit den meisten Scorerpunkten, sondern die, die das Niveau ihrer Mitspieler anheben. Fußball ist ein Mannschaftssport, kein Einzelschicksal. Ein extrem starker Individualist kann ein System sogar schwächen, wenn er die Balance stört. Wahre Klasse zeigt sich darin, wie sehr man sich in den Dienst des großen Ganzen stellt, damit das Team als Einheit funktioniert.
Wer ist der beste Spieler, gegen den Sie gespielt haben?
Neymar im Finale der Olympischen Spiele 2016. Seine Technik war irre. Im Nachhinein eigentlich unglaublich, dass er nie den Ballon d’Or gewonnen hat mit diesen Fähigkeiten. Ohne ihn hätten wir wohl sicher die Goldmedaille in Rio geholt.
Welcher Spieler ist besser, als die Allgemeinheit glaubt?
Oliver Baumann. Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass er für Deutschland eine überragende WM spielen wird. Trotzdem wird für mich unverständlicherweise in der Öffentlichkeit immer wieder darüber diskutiert, ob er wirklich gut genug ist. Ja, ist er definitiv. Ich sehe das jeden Tag.
Wer ist der wichtigste Trainer in Ihrer Karriere?
Julian Nagelsmann, um Profi zu werden. Urs Fischer, um sich im Profifußball zu etablieren. Beiden bin ich unendlich dankbar.
Über was möchten Sie in der Kabine nicht sprechen?
Ich kann eigentlich über alles sprechen …
Meine Eltern, wie sie es hinbekommen haben, drei Jungs so großzuziehen mit all ihren Werten. Sie sind seit über 30 Jahren verheiratet und immer noch sehr glücklich – heutzutage (leider) keine Selbstverständlichkeit mehr.
Menschen, die Sinn über Status stellen. Pflegekräfte zum Beispiel. Während wir uns über Kleinigkeiten den Kopf zerbrechen, retten sie Lebensqualität. Diese Unbeirrbarkeit im Dienst am nächsten ist für mich die höchste Form von Charakter.
Was fürchten Sie in einem Spiel?
Eigentlich nichts! Wenn, dann, dass durch die langen und immer häufiger werdenden VAR-Checks, die Emotionen und der Rhythmus aus dem Spiel genommen werden.
Ein Gedanke, der Sie während eines Spiels überrascht hat?
Wie lange 90 Minuten sein können. Bei knappen Führungen und einem Puls von 180 fühlen sich wenige Minuten manchmal wie Stunden an.
Welche Fußballregeln würden Sie ändern?
Keine direkte Fußballregel, aber ich würde mir sehr wünschen, dass wir in Deutschland einen Spielfluss hinbekommen wie in der Premier League, der zum Großteil daherkommt, dass die Schiedsrichter viel mehr laufen lassen und nicht so kleinlich sind.
Wer führt Ihre Gehaltsverhandlungen?
Mein Berater in sehr enger Absprache mit mir.
Was ist der Sinn des Spiels?
Gewinnen. Punkt. Ich bewundere Menschen, die beim Verlieren lächeln können – ich gehöre definitiv nicht dazu. Wer privat mit mir Gesellschaftsspiele spielt, muss wissen: Ich suche nicht Spaß oder Zeitvertreib, ich suche die Herausforderung. Meine Familie weiß das am besten.
Andrés Iniesta. Hat nicht sonderlich viele Tore erzielt, aber die Art und Weise wie er das Spiel dominiert und verzaubert hat, bleibt für mich einzigartig.
Unter Diego Simeone hätte ich mal gerne trainiert und gespielt. Sich so lange bei Atlético zu halten, ist bemerkenswert.
Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?
Barbarentage. Habe ich zum Geburtstag bekommen, es handelt von meinem Lieblingshobby Surfen.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mitspieler am meisten?
Wenn er sich für die Mannschaft einsetzt, weil Fußball immer noch ein Teamsport ist
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Freund oder einer Freundin am meisten?
Mein größter Fehler war lange Zeit, mein ganzes Glück und meine Identität zu 100 Prozent vom Fußball abhängig zu machen. Wenn es sportlich nicht lief, war mein ganzes Leben negativ. Ich musste lernen, dass ich eine Balance brauche durch Themen abseits des Platzes. Heute weiß ich: Ich bin ein besserer Fußballer auf dem Platz, wenn ich abseits des Platzes ein ausgeglichener Mensch mit weitem Horizont bin.
Ihre Helden der Gegenwart?
Helden sind für mich die Menschen, die ich durch meine Arbeit mit Organisationen wie „Agapedia“ (von Jürgen Klinsmann gegründete Kinderhilfsorganisation, d.Red) kennenlernen durfte. Ich habe gesehen, was es bedeutet, unter schwierigsten Bedingungen echte Veränderung zu bewirken. Während wir hier oft über Privilegien und Kleinigkeiten diskutieren, leisten diese Menschen Basisarbeit mit einer Ausdauer, die mich bodenständig werden lässt. Sie machen die Welt wirklich zu einem besseren Ort.
Ihre Heldinnen der Geschichte?
Die Williams-Schwestern. Sie haben aufgezeigt, was alles möglich ist. Sie sind ein super Vorbild für viele Sportler, dass man es mit harter Arbeit in die Weltspitze schaffen kann.
Was ist der größte Irrtum über das Leben als Fußballprofi?
Der größte Irrtum ist der Glaube, dass Talent ein Freifahrtschein ist. In Wahrheit ist Talent nur der Türöffner, aber durchgehen musst du mit harter Arbeit. Oder, ein anderer Irrtum: dass man unbedingt elf beste Freunde sein muss …
Messi, ganz klar. Die Frage darf es meiner Meinung nach in diesem Fragenkatalog gar nicht geben. Nichts gegen Ronaldo, aber Messi ist einfach der beste Spieler, den es je gab und vielleicht auch jemals geben wird.
Kloppo. Er hat den BVB und Liverpool, als sie maximal Europa-League-Teams waren, zu nachhaltigen Champions-League-Topklubs geformt.
Was lieben Sie am meisten am modernen Fußball?
Die Dynamik und das Tempo. Die Spieler sind viel athletischer. Deutlich höher als vor 10 oder 20 Jahren.
Was verabscheuen Sie am meisten am modernen Fußball?
Die Scheinwelt, die oft aufrechterhalten wird. Alles ist hochglanzpoliert, aber darunter wird es oft sehr kühl. Ich schätze echte, kantige Persönlichkeiten, aber der moderne Fußball schleift diese Kanten oft ab, bis nur noch ein funktionierender ‚Spieler‘ übrig bleibt.
Ihre Lieblingsbeschäftigung an einem spiel- und trainingsfreien Tag?
Ich brauche den bewussten Kontrast zum Fußball-Alltag. Das fängt morgens beim Frühstück an, wenn ich mich durch Podcasts wie Hotel Matze oder Lanz & Precht vertiefe. Und den Nachmittag nutze ich für mein Projekt in Esslingen. Wir bauen dort gerade ein Padel-Zentrum auf. Es ist ein tolles Gefühl, in der Heimat etwas Bleibendes aufzubauen und die Menschen dort für eine neue Sportart zu begeistern.
