Jensen Huang geht mit Superlativen nicht gerade sparsam um. Er ist einer der reichsten Menschen der Welt, steht an der Spitze des derzeit wertvollsten Unternehmens; und der von ihm einst mitgegründete Halbleiterkonzern Nvidia hat mit seinen Chips eine der größten Börsenrallys der Geschichte losgetreten. Ein Ende, so der 62 Jahre alte Gründer, sei nicht in Sicht. Warum? „Weil wir im größten Infrastrukturprojekt der Geschichte stecken.“
Die Nachfrage nach seinen Halbleitersystemen zu Stückpreisen von bis zu 40.000 Dollar ist riesig. Treiben sie doch Datenzentren und die Entwicklung von KI-Systemen an. Dieses Jahr wollen die vier Großabnehmer Meta, Microsoft, Alphabet und Amazon 650 Milliarden Dollar investieren – vor allem in Datenzentren. Bislang stehen in Amerika 4000 Großrechenzentren. Bis 2035 sollen sich die Kapazitäten vervierfachen.
So will Amazon 2026 rund 200 Milliarden Dollar investieren, Alphabet bis zu 185, Meta 135 Milliarden Dollar, Microsoft könnte es auf 130 Milliarden Dollar schaffen. Darüber hinaus geht das Oracle-Stargate-Konsortium die erste Etappe seines 500-Milliarden-Dollar-Projekts zum Bau neuer Rechenzentren an. Die Summen sorgten erst für Staunen, dann für Skepsis. Und die Frage steht im Raum: Hat es das schon mal gegeben?
Die Eisenbahn
Eines der bislang größten Infrastrukturvorhaben der jüngeren Geschichte geht aufs Konto der Eisenbahn. Seit 1830 die ersten kommerziellen Schienennetze und Gesellschaften in den englischen Midlands entstanden waren, hat die Branche ein steiles Auf und Ab gesehen. Im England des Jahres 1850 belief sich das Streckennetz auf 10.500 Kilometer und das Kapital der 15 großen Bahngesellschaften auf 250 Millionen Pfund, die Hälfte der Jahreswirtschaftsleistung der damals führenden Wirtschaftsnation der Welt.
Dieser Aufschwung schwappte in die USA und auf das europäische Festland. Dem Boom folgte der Crash. „Ein Investitionsdesaster“, schreibt der Mathematiker Andrew Odlyzko, der die großen Infrastrukturfinanzierungen der Geschichte analysiert hat. Doch am Ende sei eine Industrie von großem Nutzen entstanden.

Heute haben die USA ein Schienennetz von 220.000 Kilometern, China kommt auf 165.000, Europa auf 200.000 Kilometer. Hatte England einst bis zu sieben Prozent der Jahreswirtschaftsleistung in seine Eisenbahn gesteckt, investieren die großen Industrienationen nach OECD-Angaben heute ein Prozent ihres BIP.
Das größte Investitionsprogramm hat China. Seit 2015 steckte es eine Billion Dollar in seine Staatsbahn. So hat das Land nicht nur die größte Bahngesellschaft der Welt, sondern in der Metropole Chongqing auch den größten Bahnhof. Bis 2035 will Peking jedes Jahr umgerechnet weitere 100 Milliarden Dollar investieren. Europa hat Ähnliches vor; nur eine Nummer kleiner: Bis 2040 könnten 660 Milliarden Dollar in neue Hochgeschwindigkeitsnetze fließen.
Der US Interstate Highway
Die zweite große Verkehrsinfrastruktur sind die Straßen. Hier hatten vor siebzig Jahren die USA eines der ambitioniertesten Vorhaben der Geschichte aufgesetzt. Als Dwight D. Eisenhower 1953 Präsident der Vereinigten Staaten geworden war, ließ er aufbauend auf ein paar alten Gesetzen und seinen Eindrücken von den „Superlativen der deutschen Autobahn“ im Zweiten Weltkrieg das US Interstate Highway System ausarbeiten.
Im Juni 1956 wurde der National Interstate and Defense Highways Act verabschiedet. Im August begannen die Arbeiten. 1992 wurden sie mit der Eröffnung des letzten Teilabschnitts beendet. So hatte sich Amerika ein 75.000-Kilometer-Netz an Schnellstraßen gegeben, das heute mit dem für das Militär wichtigen Strategic Highway Network Teil des 260.000 Kilometer langen Nationalen Highway Systems ist; eine Dual-Use-Einrichtung.
Hatte der Bau der deutschen Autobahn bis Anfang der Vierzigerjahre 5,6 Milliarden Reichsmark gekostet, was heute 31 Milliarden Dollar entspräche, belief sich das Budget der Amerikaner allein für die ersten Bauabschnitte auf damals 25 Milliarden Dollar. Die Finanzierung stellte ein spezieller Staatsfonds bereit, der sich aus der Benzinsteuer speiste. Bis zum Projektende beliefen sich die Gesamtkosten auf 630 Milliarden Dollar.
Das Glasfasernetz
Ein nicht minder ambitioniertes Projekt ist die Verlegung des globalen Netzes an Glasfaserkabeln, das Rückgrat der weltweiten Kommunikationsnetze. Denn jede Sekunde werden digitale Daten im Umfang von drei bis vier Milliarden dicken Büchern durch die kilometerlangen und haarfeinen Fasern geschickt. Zu Dutzenden oder Hunderten gebündelt ziehen sie sich um den Globus. Ein weltumspannendes Netz von heute rund 500 Großkabeln, die auf eine Gesamtlänge von 1,4 Millionen Kilometern kommen.
Mit dem Internet ersetzten Anfang der Neunzigerjahre die ersten neuartigen Glasfaser- die alten Kupfertelefonkabel. Dafür hatten deutsche Forscher in den Sechzigerjahren einige Grundlagen und 1978 in Berlin das weltweit erste zivil genutzte Glasfaserkabel gelegt. Dann übernahmen die Amerikaner das Geschäft; später kamen die Chinesen dazu. Beide kontrollieren heute den Markt, beide lassen sich das einiges kosten.

Über die vergangenen dreißig Jahre wurden nach Angaben der International Data Center Authority Datenkabel im Wert von 270 Milliarden Dollar gezogen. Konzerne wie Meta oder Microsoft haben heute ihre eigenen Kabel. Je nach Länge, Stärke und Verlauf kostet ihre Verlegung durch Wüsten, Gebirge und Ozeane bis zu 100.000 Dollar je Kilometer.
Das globale Datennetz sei im Grunde unbezahlbar, heißt es im Beratungshaus McKinsey. Denn jede Minute werden im Netz zwei Millionen Kreditkarten-Transaktionen und eine halbe Million Käufe allein auf der Plattform Amazon ausgelöst. Allein in Deutschland setzt die sogenannte Internetwirtschaft im Jahr 250 Milliarden Euro um.
Die Pleiten und die Pannen
Der Aufbau kostspieliger Infrastrukturen wie Straßen-, Schienen- oder Glasfaserverbindungen kommt nicht nur mit ingenieurtechnischen Meisterleistungen, sondern auch mit finanziellen Risiken daher. So ging der englische Eisenbahnkönig George Hudson 1850 pleite, nachdem ihn der Boom überrollt hatte, den er selbst in Gang setzte. Die Gründer der Atlantic Telegraph Company, die 1858 das erste funktionierende Telegraphenkabel durch den Atlantik gezogen hatten, standen mehrmals vor dem Konkurs, bevor sie ihre Firma durch eine Fusion retteten.
Und nach dem Telekom-Boom in den Neunzigerjahren gingen Konzerne wie Global Crossing, 360 Networks und Worldcom pleite, weil sie mehr Geld in den Glasfaserausbau gesteckt hatten, als sie in den darauffolgenden Jahren von ihren Kunden einnahmen. Allein das Unternehmen Worldcom hat mit seinem Untergang 180 Milliarden Dollar an Börsenwert vernichtet. Sein Kabelnetz von 240.000 Kilometer war der begehrteste Teil der Insolvenzmasse – und arbeitet zu großen Teilen noch heute.
Die Lage der KI-Branche
Als die Berater von McKinsey in ihrem Vierteljahresbericht im vergangenen Frühjahr erklärten, binnen fünf Jahren seien Investitionen von bis zu 5,2 Billionen Dollar in KI-Rechenzentren nötig, um die prognostizierte Nachfrage nach Rechenleistung vorzuhalten, schienen sie mit ihrer Prognose etwas übers Ziel hinauszuschießen. Im Herbst hieß es allerdings, die vorgelegte Schätzung läge nicht am oberen, sondern eher am unteren Ende des Investitionskorridors; vorausgesetzt, die in Aussicht gestellte Nachfrage setze auch ein. Denn die entscheidet über Erfolg oder Scheitern.
Nvidia-Chef Huang sagt: kein Problem. Der Wirtschaftshistoriker Odlyzko ist sich da nicht mehr ganz so sicher. Roger McNamee, Partner des Techinvestors Silver Lake, erklärt: Hier gebe es eine Blase, die größer sei als alle anderen Tech-Blasen zusammen. Ja, die Nachfrage steigt, doch die Endkunden hielten sich nach wie vor zurück. So beziffert das Bankhaus Morgan Stanley die Umsätze mit bezahlpflichtigen KI-Produkten auf derzeit 45 Milliarden Dollar im Jahr. Allein um die Investitionen der vergangenen Monate reinzuholen, müsste die Branche 2030 nach einer Schätzung von Bain Capital 2000 Milliarden Dollar erlösen.
Die milliardenschwere Entwicklung jedes neuen KI-Modells wird rasch doppelt bis dreifach so teuer wie das jeweilige Vorgängermodell. Auch die alle zwei bis drei Jahre erforderlichen Updates der Ausstattung eines Rechenzentrums sind angesichts steigender Preise für Chips und Racks eine kostspielige Angelegenheit. Die Branche weiß allerdings Washington hinter sich, denn die US-KI-Infrastruktur hat wie auch das Autobahnnetz des Landes sicherheitspolitische Bedeutung.
Wie viele Firmen während der ersten Jahre des Internets hat die KI-Branche heute noch kein tragfähiges Geschäftsmodell. Wie einst Amerikas Kabelfirmen könnten heute die KI-Konzerne ihre zu erwartenden Einnahmen überschätzen. Und: Die hochprofitable Techbranche zahlt die anstehenden Investitionen nicht mehr aus der Portokasse. So erwartet die Bank of America, dass sich die Barmittel von Amazon dieses Jahr drastisch reduzieren könnten. Auch bei Alphabet, Meta und Microsoft werden die Reserven angesichts der angekündigten Investitionsorgien wohl rasch schrumpfen. Die Investmentbank Morgan Stanley rechnet in den kommenden drei Jahren mit Finanzierungslücken für den KI-Infrastrukturausbau von bis zu 1,5 Billionen Dollar.
Bislang wurden viele Datenzentren über börsennotierte Immobilienfonds finanziert, gebaut und vermietet. Diese sogenannten REITs verbrieften bislang rund ein Drittel ihrer Datenzentrumsgeschäfte und geben sie als forderungsbesicherte Wertpapiere an die Märkte weiter. Angesichts der nun angepeilten riesigen Anlagen und Investitionssummen aber verschiebt sich einiges. Die Fonds scheuen die neuen Risiken. An ihre Stelle treten Private-Equity- und Staatsfonds.
Darüber hinaus reichten die großen Cloud-Anbieter laut BNY Mellon bereits letztes Jahr Anleihen von 121 Milliarden Dollar aus, ein Rekord. Und nicht nur das. Auch Risiken werden mehr und mehr neu verteilt: vom Eigen- auf Fremdkapital, von Aktien- auf Anleihemärkte. Das hat Folgen für Kreditbewertungen und für Bankhäuser. Und nicht zuletzt für die Nachfrage nach den teuren Chips von Jensen Huangs Chiphersteller Nvidia. Denn die Megawette auf die Technologie von morgen läuft – und die sonst so auskunftsfreudigen KI-Dienste haben dazu noch nicht allzu viel zu sagen.
