Eine Minute und zehn Sekunden dauerte das Telefonat, bei dem die ganze Welt den Schmerz in Keegan Bradleys Stimme hören konnte. Schonungslos voyeuristisch kann man sich die Szene aus dem August 2023 auf Netflix anschauen, für eine Dokumentation ließ sich Bradley damals sogar im Wohnzimmer von Kameras begleiten. Und die liefen auch in jenem Moment, in dem Bradley mitgeteilt bekam, dass er nicht als Spieler für den Ryder Cup in Rom nominiert werden würde. Kaum einen Ton brachte er über die Lippen, sein kleiner Sohn umarmte ihn zum Trost.
Es gibt selbst für medienerprobte Spitzensportler wohl angenehmere Dinge, als sich von Kameras just in jenem Moment anstarren zu lassen, in dem der große Lebenstraum zerbricht. Andererseits: Dank dieses Beweismaterials versteht man Bradley und die Tragik seiner Karriere heute um einiges besser.
Seit 15 Jahren spielt Bradley, 39, auf der PGA Tour. Er gilt als harter Arbeiter, zurückhaltender Charakter, als Golfprofi ohne große Schwächen, die Kollegen respektieren ihn. Er hat in seiner Karriere acht Turniere gewonnen, einmal, 2011, sogar die PGA Championship, weshalb er sich offiziell Major-Champion nennen darf. Und dennoch definieren die meisten Beobachter im Golfsport – wie auch Bradley selbst – seine Laufbahn anhand der zwei großen Niederlagen, die er in seinem Golfleben erlitten hat: 2012 im Medinah Country Club in Illinois bei Chicago und 2014 in Gleneagles, Schottland. Es sind die einzigen Ausgaben des Ryder Cups, an denen Bradley als Spieler mitwirken durfte – was jetzt, kurz vor Beginn des traditionsreichen Wettstreits der Auswahlen von Europa und Amerika, umso mehr in den Fokus rückt.
Die Amerikaner wollten erst Tiger Woods als Kapitän verpflichten
Bradley ist der wichtigste Amerikaner auf der Anlage in Bethpage, einer Golfanlage mitten auf Long Island, außerhalb von New York City – allerdings wird er seine Golfschläger nicht benutzen, zumindest nicht im Wettkampf. Stattdessen ist er der jüngste Kapitän eines Ryder-Cup-Teams seit dem legendären Arnold Palmer. Es ist eine verantwortungsvolle wie prestigeträchtige Rolle: Bradley musste nun selbst harte Nominierungsentscheidungen treffen, er ist in dieser Woche für alles zuständig, vom Management der Medien bis zu jenem der Spieler und ihrer Egos. In der Regel fällt diese Rolle seniorigen Figuren zu; für das aktuelle Turnier verhandelten die Entscheider in den USA lange mit Tiger Woods, der letztlich absagte. So bekam im vergangenen Sommer völlig überraschend Bradley den Zuschlag. Und es begann eine Irrfahrt, die sich wohl noch bis zum Finaltag am kommenden Sonntag hinziehen wird.
Bradley akzeptierte die Kapitänsrolle, obwohl er ursprünglich auf andere Weise seinen Frieden mit dem Ryder Cup finden wollte. Erst vor Kurzem erzählte er wieder die inzwischen berühmte Geschichte, dass bei ihm zu Hause noch immer eine Tasche aus dem Jahr 2012 steht. Die habe er nach der großen Enttäuschung von Medinah abgestellt, als die Europäer den Amerikanern am Finaltag noch den sicher geglaubten Sieg klauten. Die Tasche, so erzählt es Bradley, räumte er ein ganzes Jahr lang nicht aus. Bis er irgendwann entschied, sie erst zu öffnen, wenn er den Ryder Cup in den Händen halten würde – als Spieler, wohlgemerkt.
So begann der Kampf seiner Karriere, der ihn erst 2014 in Schottland in die unangenehme Position brachte, den entscheidenden Punkt zu verspielen und den Europäern bei ihrer Feier aus nächster Nähe zusehen zu müssen. Und dann fuhr Bradley überhaupt nicht mehr zu Ryder Cups: Ein ums andere Mal verpasste er die Qualifikation knapp, und weil zeitgleich eine neue Generation an Spielern aus den USA emporkam, wurden seine Chancen von Jahr zu Jahr geringer. In der Netflix-Dokumentation von vor zwei Jahren sagte er: „Die junge Generation von Spielern ist so gut (…), da fühle ich mich schon sehr außen vor.“

:Der Golfer, der im 164. Versuch ein Turnier gewann
Der Brite Tommy Fleetwood holt nach zahlreichen zweiten Plätzen seine erste Trophäe auf der US-Tour. Seine Kollegen sind gerührt – während er selbst keinen Pokal für sein Glück zu brauchen schien.
Realist war Bradley schon immer. Weshalb ihm schon 2023 bewusst war, dass es womöglich seine letzte Chance sein würde, nominiert zu werden – bis die Saison 2025 kam. In seiner neuen Rolle als Kapitän begann Bradley, im Frühjahr auf einmal mitunter das beste Golf seiner Karriere zu spielen. Die junge Generation stand nur an der Seitenlinie, während Bradley immer besser wurde. Und spätestens, als er im Juni die Travelers Championship gewann und unter die besten Zehn der Weltrangliste einzog, stellten sich die Amerikaner die Frage: Ist das unser Kapitän? Oder muss er nicht selbst spielen?
Bis heute, sagt Bradley, beschäftigt ihn diese Frage. In Absprache mit den Verantwortlichen im Verband entschied man sich gegen eine Doppelrolle als sogenannter Playing Captain, weil die Aufgaben zu vielfältig sind. 1963 hatte es so einen Fall zuletzt gegeben, heute allerdings ist der Ryder Cup zu groß, um ein Team von zwölf Spielern samt Begleiter zu organisieren und sich selbst auch noch auf die Rolle als Spieler vorzubereiten. „Ich habe jede Sekunde darüber nachgedacht. Aber eben auch darüber, wie unmöglich es wäre“, sagt Bradley. Aber könnte er als reiner Spieler nicht sogar noch mehr zum Erfolg beitragen, als er es als Kapitän vermag?
Die Amerikaner bieten ein recht wild zusammengewürfeltes Team auf bei diesem Ryder Cup, den sie im Grunde nur verlieren können. Mit Ausnahme von Europas wundersamem Comeback 2012 hat seit 21 Jahren kein Auswärtsteam mehr das Turnier gewonnen – der Heimvorteil ist so gigantisch groß wie bei kaum einem anderen Sportereignis der Welt. Man könnte also überspitzt sagen, dass Bradley nominieren konnte, wen er wollte – Favoriten wären die USA auch geblieben, hätten sie ihren Golf spielenden Präsidenten auserkoren. Donald Trump wird allerdings nur zu Besuch kommen und dann unter anderem den besten Spieler der Welt (Scottie Scheffler) und den spektakulärsten Spieler der Welt (Bryson DeChambeau) für die USA antreten sehen. Dazu kommen aber auch vier Neulinge sowie einige Spieler, die zuletzt mit ihrer Form kämpften. In anderen Worten: Bradley, derzeit 13. der Weltrangliste, wäre eine sinnvolle Ergänzung gewesen.
Die Öffentlichkeit sieht das ähnlich, und so setzten sich die Debatten auch während dieser Woche im US-Golf fort. Immer im Hinblick auf das drohende Szenario: Was, wenn Bradley nach all der Tragik, die ihn als Spieler heimsuchte, nun auch als Kapitän nicht das gewünschte Ergebnis liefert? Die Angst vor der Niederlage vor einem frenetischen, aber auch schnell kritischen New Yorker Publikum, sie könnte für das US-Team noch zu einer großen mentalen Bürde werden. Vor allem mit einem derart jungen Kapitän.
Mit Bradley ist die Atmosphäre im US-Team selten familiär
Wer am Dienstag US-Golfer Justin Thomas zuhörte, der erkannte indes die positiven Aspekte dieser Konstellation. Die Kapitänsrolle habe bei Bradley „eine ganz neue Seite“ zum Vorschein gebracht, sagte Thomas. Für gewöhnlich sei Bradley auf sich und sein Spiel bedacht, nun aber scherze man laut Thomas im Team, „dass er jetzt mit uns allen reden muss und sich nicht verstecken kann.“ Dabei hilft es offenbar, dass Bradley bloß sieben Jahre älter ist als etwa Thomas, den er nicht nur als Nachbar im feinen Jupiter, Florida kennt, sondern als guten Freund. So macht sich eine andere Atmosphäre im Team breit. Ohne alte Granden beleidigen zu wollen, formulierte Thomas es so: „Ich glaube, man würde lügen, wenn man sagen würde, es sei dasselbe.“
Auch für Bradley ist die familiäre Atmosphäre, die in dieser Form selten zuvor bei den Amerikanern herrschte, der größte Trumpf: „Ich kenne diese Jungs persönlich“, sagte Bradley am Dienstag: „Ich habe mit ihnen in Teams gespielt. Ich sehe sie ständig in Jupiter. Ich gehe mit ihnen essen, spiele mit ihnen Trainingsrunden. Ich kenne ihre Frauen. Ich kenne ihre Kinder sehr gut.“
Das alles habe ihm einen neuen Blick auf seine Kapitänsrolle verschafft – die er, würde man ihn heute fragen, vielleicht nicht mal mehr akzeptieren würde, im Wissen um seine spielerische Form. Aber Bradley hat mit 39 Jahren gelernt, über den Horizont hinauszublicken und zu akzeptieren, dass er vielleicht auch auf ungeplantem Weg seinem Trauma beikommen kann. Es wäre jedenfalls eine Leistung, die mindestens mithalten könnte mit den vielen Errungenschaften des Golfprofis Keegan Bradley.
Und wer weiß: Womöglich kommt am Sonntag in Bethpage doch noch der Inhalt jener Tasche zum Vorschein, die seit 2012 ungeöffnet bei Bradley herumstehen soll. Die Kameras werden es in jedem Fall genau beobachten.
