Goethe-Uni Frankfurt: Enrico Schleiff ist Präsident auf Bewährung


Enrico Schleiff ist der 18-Stimmen-Mann – mit diesem Attribut muss der Präsident der Goethe-Universität künftig leben. Wie schon 2020 hat der erweiterte Senat der Hochschule den Biologieprofessor auch jetzt mit der kleinstmöglichen Mehrheit gewählt. Ein starker Vertrauensbeweis sieht anders aus. Für jene, die wohlwollend auf Schleiff blicken, ist allerdings schon der Umstand bemerkenswert, dass er überhaupt auf seinem Posten bestätigt wurde: Seit den Tagen Rudolf Steinbergs, des Architekten der Stiftungsuniversität und des neuen Westend-Campus, hat Hessens größte Hochschule keinem ihrer Präsidenten eine zweite Amtszeit zugestanden.

Überraschend ist das schwache Abschneiden des Amtsinhabers nicht. Mit dem Physikprofessor Roger Erb hatte er zwar keinen glänzenden, aber einen honorigen Herausforderer, der auf seine Erfahrung als Vizepräsident der Goethe-Uni verweisen könnte. So manche Stimme für Erb dürfte allerdings in erster Linie eine gegen Schleiff gewesen sein. Nicht erst in der Anhörung vor der Wahl ist aus den Reihen von Studenten wie Professoren deutliche Kritik am Führungsstil des Präsidenten laut geworden.  Er entscheide zu oft „top-down“, nehme nicht genug Rücksicht auf die Fachbereiche, hatte es geheißen.

So richtig überzeugend wirkt diese Kritik nicht. Vom Wesen her ist Schleiff umgänglicher als manche seiner Amtsvorgänger, die Kunst des Zuhörens ist ihm nicht fremd. Zudem wird er es in Zeiten der Geldknappheit niemals allen recht machen können, die von den anstehenden Sparentscheidungen betroffen sind. Wohl jeder Professor, dessen Institut geschlossen, jeder Mitarbeiter, dessen Vertrag nicht verlängert wird, dürfte sich auf irgendeine Weise „nicht genug gehört“ fühlen. Und dann gibt es noch jene, denen ohnehin jede Art von Autoritätsausübung zuwider ist – solange nicht sie selbst die Ausübenden sind.

Erleichtert sind nun vor allem jene, die auf eine erfolgreiche Bewerbung der Rhein-Main-Universitäten um den Exzellenzuni-Status hoffen. Schleiff liegt die Spitzenforschung am Herzen – vielleicht noch etwas mehr als seinem unterlegenen Mitbewerber Erb –, und es wird erwartet, dass er bei der Gutachtervisite im April die Ideen seiner Hochschule mit Verve vertritt. Sollte das große Ziel im Herbst allerdings verfehlt werden, könnte dies Schleiff in ernste Schwierigkeiten bringen. Seine Vorgängerin Birgitta Wolff war nach dem schwachen Abschneiden der Uni im Bund-Länder-Exzellenzwettbewerb intern stark unter Druck geraten. Den Göttinger Unipräsidenten Metin Tolan hat das Verfehlen des Exzellenztitels sogar das Amt gekostet. Insofern bleibt Enrico Schleiff mit seiner 18-Stimmen-Mehrheit trotz der gewährten Verlängerung ein Präsident auf Bewährung.