GNTM Folge 9: Männermodels: Wer darf nach L.A.?

Die vierte Woche im Modeltrainingslager Klum beginnt mit einem Paukenschlag. Vorführdamen-Reiseleiterin Heidi Klum kündigt per kryptischem Clickbaiting eine offenbar sensationelle Neuigkeit an: „Diese Woche passieren Dinge, die wir so bei Germany´s Next Topmodel noch nie hatten!“ Wow, denkt man da. Spannend. Was könnte das sein? Vielleicht ein Kandidat, der echte Chancen auf eine Karriere als internationales Fashionmodel hat? Kurz darauf lässt sich allerdings erahnen, was Modeldompteurin Klum vermutlich meint: Zum öffentlichen Final Walk am Potsdamer Platz werden 500 Zuschauer erwartet. Euphorisch rechnet Heidi Klum vor: „Das sind 1000 Augen!“ Frank Elstner ist also nicht dabei.

Dafür aber Ellen von Unwerth. Sie ist nach Rankin, Yu Tsai, Kristian Schuller, Russell James, Christian Anwander, Brian Bowen Smith, Shane Russeck und Andreas Ortner Heidi Klums neuntliebster Fotograf und kommt mit beeindruckender Vita: „Ich habe auch Claudia Schiffer entdeckt!“ Gut, wenn man Claudia Schiffer fragt, war ihr Entdecker Michel Levaton. Der CEO der Agentur Metropolitan Models gab ihr 1987 in der Düsseldorfer Diskothek Checker’s Club seine Visitenkarte und machte sie anschließend international berühmt. Aber immerhin: von Unwerth hat Schiffer oft fotografiert. Lassen wir das allerdings als „entdeckt“ gelten, dann bin ich die Entdeckerin von David Beckham, Stefanie Giesinger, Lena Meyer-Landrut, Igor Levit, Sylvie Meis und Lars Klingbeil.

Nach Beyoncé wird heute Alexavius fotografiert

Ellen von Unwerth lässt das kalt. Ungerührt ruft sie zum Basketball- und Boxshooting. Interessant. Die meisten Männermodelanwärter boxen nämlich, wie Heidi Klum singt: Gewinnen kann man damit nichts, und am Ende liegt meistens jemand im Koma. Aber da setzt Unwerth auf Starerfahrung: „Ich habe schon Madonna, Beyoncé, Rihanna, Kate Moss, Kim Kardashian oder Naomi Campbell fotografiert!“ Und heute dann halt Alexavius.

Und außerdem Benjamin, der umgehend eine konzeptionelle Schwachstelle identifiziert: „Es ist schwer, in die Kamera zu gucken, wenn man sich dauernd schlagen muss.“ Darum gibt es auch wenige Boxer, die gleichzeitig Topmodel sind. Das sieht auch von Unwerth so: „Du warst auf allen Bildern versteckt!“ Was ungünstig ist, denn Ostern ist erst nächsten Monat.

Cenk und Luis beim Shooting im Boxring
Cenk und Luis beim Shooting im BoxringDaniel Graf/ProSieben

Anschließend verfällt Klum in ihren Lieblingsmodus, den Zoten-Alarm: „Yanneck ist der erste, der richtig gut spuckt!“ Außerdem hat es ihr eine beim Boxen wie beim Modeln nicht unwichtige Muskelpartie angetan. In dieser animalisch-sinnlichen Knisteratmosphäre ist ihr allerdings kurzfristig der Name entfallen: „Wie heißen die noch mal? Galapagos?“ Zum Glück denkt Felix mit: „Latissimus!“ Wobei: Galapagos oder Latissimus – egal! Hauptsache, Körperteil.

Bei all diesen heißen Kampfmomenten bleibt kaum Zeit, die Outfits zu würdigen. In ihren knallengen, ultrakurzen und neonfarben glänzenden Seidenshorts sehen die Henry-Maske-Doubles nämlich ein bisschen aus wie Elton John beim Aquajogging. Oder wie Jane Fonda, äh sorry, Heidi Klum sagt: „Sieht aus wie Flashdance-Aerobic“. Weniger Aerobic, dafür ihre verborgenen Softpornotalente zeigen Alexavius und Lukas. Ihr Boxkampf sieht aus wie eine Zeitlupenversion der neuen Kultsportart Tinder-Wrestling. Petting statt Pärchenbildung. Den hochdosierten Echtflirtanteil bemerkt sogar Frivolitätenmagnet Klum: „Aber nicht küssen!“

„Die Posen haben gesessen“

Jill findet dieses Method Modeling vorbildlich: „Man kann nur gut sein, wenn man Spaß miteinander hat!“ Das erklärt auch den Welterfolg von Modern Talking. Ellen von Unwerth kürt währenddessen einen ersten Favoriten: „Tony hat sich mehr ins Zeug geschmissen, wie man so sagt“. Na ja, sagt man eigentlich nicht so, aber deswegen muss man ja nicht gleich die Flinte ins Korn legen. Aber auch Klum ist begeistert: „Die Posen haben gesessen“. Genau wie Uli Hoeneß.

Als dann alle Box- und Basketballhalbprofis ihr Fotopulver verschossen haben, ist auch schon wieder Elimination Walk. Kleiderlieferant für den Catwalk, der öffentlich unter der Kuppel im Center am Potsdamer Platz stattfindet, ist Daniel W. Fletcher. Der Designer gilt als Lieblingscouturier von Harry Styles und sieht aus wie der uneheliche Sohn von Timothée Chalamet und Dunja Hayali. Ihm zur Seite stehen die zusammenhangslos ins Backstage platzenden Elevator Boys. Sie bescheren Lukas den ersten „Full Circle Moment“ der Staffel, denn „ich habe verfolgt, wie die groß geworden sind“! Gut, das haben 2,7 Millionen Tiktokfollower auch. Und überhaupt: groß?

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Julien Brown ist mit 1,78 Meter zum Beispiel kleiner als Vorjahressiegerin Daniela Djokic. Insgesamt aber ein interessanter Gedanke, dass ausgerechnet eine Gruppe bizarr frisierter Internetphänomene, die in einem Aufzug berühmt geworden sind, Laufqualitäten zukünftiger Topmodels bewerten sollen.

Einer der fünf Liftjungs gibt den Modelkandidaten wenigstens noch einen wertvollen Tipp mit: „Embraced es, zieht die Tension auf euch, bleibt confident, dann seid ihr safe!“ Die zehn harten Jahre auf der Thomas Hayo University of applied Denglish haben sich ausgezahlt.

Kandidat Boureima beim finalen Walk in Berlin
Kandidat Boureima beim finalen Walk in BerlinDaniel Graf/ProSieben

Da ist Startmodel Adrian gedanklich schon auf der Strecke: „Den Walk zu eröffnen, steigert meine Chancen, gut anzukommen!“ Korrekt. Beispielsweise läuft vor ihm niemand, dem er versehentlich in die Hacken laufen kann. Leider beschwingt ihn sein Opening-Walk-Monolog so sehr, dass er vergisst, am Laufstegende stehen zu bleiben. Aber halb so wild: „Ist nicht schön, aber man darf sich im Gesicht nichts anmerken lassen!“ Das ist zwar korrekt, bleibt aber theoretisch. Heidi Klum jedenfalls diagnostiziert: „Das Gesicht ist wie eingeschlafen.“ Wobei das natürlich auch eine Variante ist, sich nichts anmerken zu lassen: Einfach wegpennen.

Luis entdeckt derweil im Publikum seine Schwester. Die ist extra für seine 30 Sekunden Flanierwalk mit dem Zug angereist. Okay, eigentlich wollte sie zum Bootsvor drei Wochen vor Ort sein, aber wer die Deutsche Bahn kennt, teilt Luis‘ Freude darüber, dass sie überhaupt angekommen ist. Ebenfalls angekommen, als Model nämlich, ist Yanneck. Bei ihm entfährt es sogar einem der Fahrstuhljungs: „Elvis Presley!“. Wobei Yanneck blonder ist als Britney Spears 1999 und hüftsteifer als ein Öltanker. Die Elvisbegeisterung wirkt also fast so authentisch wie diese TV-Werbung, in der ein Preisvergleichsportal suggeriert, Multimillionär Jürgen Klopp würde vor jeder Hotelbuchung eine halbe Stunde im Internet recherchieren, um eventuell 25 Euro beim Übernachtungspreis zu sparen.

Anschließend analysiert Kandidat Carsten das Publikumsfeedback: „Bei Jill haben sie viel gebrüllt und bei Yanneck wollten sie Kinder!“ Um dieses Feuer am Leben zu halten, schiebt der Wingman der Staffel geistesgegenwärtig nach: „Yanneck ist noch Single!“ Falls es mit dem Modeln doch nicht klappen sollte, kann er jederzeit als Datingcoach Karriere machen. Die Zuschauer wählen ihn dafür in die Top 3. Er darf direkt sein Ticket nach Los Angeles abholen. Supersingle Yanneck und Luis folgen ihm in die Stadt der Engel und Modelpenthouses.

Aber wie es immer so ist: Boxen, Basketball und Beifallsstürme sind nicht die ganze Dramawahrheit. Es fliegen nicht nur Fäuste, sondern auch Kandidaten. Klum sortiert daher Cenk aus. Für einen Großteil des TV-Publikums kein elementarer Verlust. Viele haben ihn heute ohnehin zum ersten Mal gesehen. Ihm folgen Publikumsliebling Benji und Ex-Fußballer Adrian. Das macht vielen Mitstreitern zu schaffen. Alexavius etwa gesteht unter Tränen: „Das ist ein sehr zweischneidiges Messer“. Ach so. Über ihm hängt also zukünftig das Damoklesmesser. Welche Neumodels aus dem Damenkader den 13 Auserwählten nach Los Angeles folgen, das erfahren wir morgen. Bis dann.